Kaltblütig

Eine Südafrikanerin will den Rekord im Eistauchen brechen. Ohne Flossen, nur im Bikini. Und der gefrorene See in Finnland ist dabei ihr kleinstes Problem

Hinter einem Holzhaus tief in den finnischen Wäldern steht die Südafrikanerin Amber Fillary dünn bekleidet im Schnee und zündet sich eine Zigarette an. Die anderen sollen davon am besten nichts mitkriegen. Es wirkt ein bisschen seltsam, wenn eine kleine, zierliche, schlanke Frau in den nächsten Tagen einen Weltrekord im Eistauchen aufstellen will und jetzt noch immer raucht und obendrein kaum schläft und dazu auch noch ständig viel zu viel Kaffee trinkt. Vielleicht käme einer auf die unfassbar dumme Idee, sie würde die ganze Sache nicht ernst nehmen.

Sie hat ja nicht einmal groß trainiert. Sie ist ja nicht einmal eine versierte Taucherin. Und dann sind da noch die ganzen anderen Dinge in ihrem Leben. Eigentlich kann sie es gar nicht schaffen, über 50 Meter weit unter einer geschlossenen Eisdecke zu tauchen, mit nur einem Atemzug, ohne Flossen und nur im Bikini.

„Ich bin nervös“, sagt Amber. „Ich muss meinen Kopf klar kriegen.“ Sie drückt die Kippe aus, blickt nach Osten.

Ein paar Schritte den Hang runter, gleich hinter den dünnen Fichten, liegt der Päijänne, der längste See Finnlands. Ende März ein steifgefrorenes Brett, über das sich die Spuren der Schneemobile ziehen.

Das Wasser unter dem Eis hat eine Temperatur von ein bis zwei Grad. Schon seine Füße in dieses Wasser zu setzen schmerzt. In dieses Wasser mit dem ganzen Körper hineinzugehen, kommt nach wenigen Sekunden einer Marter gleich. Das Herz stockt, die Kehle schnürt sich zu, der Kreislauf schreit vor Pein. In dieses Wasser jedoch durch ein kleines, mit einer Motorsäge ins Eis gefräste Loch zu steigen und anschließend in die dunklen Weiten des Sees abzutauchen, das muss sich anfühlen, als würde dich eine Stahlpresse in die Zange nehmen. Durch diese Stahlpresse musst du dann hindurch.

Amber sagt, sie versucht da unten an nichts zu denken. Denken ist nicht gut, es verbraucht nur Energie. Über ihr das Eis. Eine blaugraue Sphäre aus Kälte und Frost, die sich in diesen Momenten sehr wirklich und sehr buchstäblich über ihr Leben legt. Hochkommen geht nicht. Das geht erst wieder beim nächsten Loch in 25 Meter Entfernung. Und dann beim nächsten, noch einmal 25 Meter weiter.

Amber Fillary, 46 Jahre alt, will diese Schicht aus Frost überwinden, indem sie unter ihr hindurchtaucht. Niemand weiß so recht, wie sie das packen soll. Nicht einmal die anwesenden Freitaucher, von denen einige zu den besten der Szene gehören. Eine von ihnen, Nanna Kreutzmann, sagt: „Ich würde nicht mal vier, fünf Meter schaffen. Danach killt dich das Wasser.“
Es ist alles in allem keine ganz einfache Geschichte mit der Südafrikanerin namens Amber Fillary. Das mit dem Eis und dem See und dem Tauchen, das geht noch. Aber es gibt Kälte und Abgründe anderer Kategorien, und vielleicht hängt das alles zusammen.

„Es passiert im Kopf“, sagt Amber. Sie kann sehr warm lächeln. Auf Englisch sagt sie: „I gotta get in the right headspace.“ Sie sagt das Wort so dahin, Kopffreiheit. Dann verschiebt sich alles. Sehr traurig schauen und sehr ernst, das kann sie auch, von einer Sekunde auf die nächste. Die anderen Freediver, die vor Ort sind und von Ambers Vorhaben wissen, haben längst ihre eigenen Theorien. Einige glauben, dass sie da unten im See durch ihren eigenen Schmerz tauchen will.

In den nächsten Tagen erreichen noch mehr Freediver die einsamen Hütten am Päijänne-See. Sie wollen gemeinsam tauchen, ohne Atemflaschen, ohne großes Gerät. Sie tragen lediglich Flossen, Maske, einen Bleigurt und, in der Regel, einen Neoprenanzug. Ihre Anzüge kleben am Leib wie eine zweite Haut, sie sind warm und geschmeidig, und man kommt nur in sie hinein, wenn man sich vorher mit Spülmittel, Shampoo oder Kokosnussmilch einreibt.

Es gibt viele Disziplinen beim Apnoetauchen, wie dieser Sport auch heißt. Streckentauchen, Tieftauchen, mit oder ohne Gewicht. Tauchen im Meer, in Seen, in Pools. Einige tauchen mit Monoflossen in die Tiefe, andere lassen sich von Schlitten in den Abgrund reißen. Der Österreicher Herbert Nitsch schaffte es so auf 214 Meter Tiefe. Über vier Minuten war er unten im Meer, mit nur einem Atemzug. Beim Versuch, seinen eigenen Rekord zu brechen, kam er fast ums Leben. Ein Gehirn auf Sauerstoffentzug. Beim statischen Apnoe hielt jemand in einem Pool schon zwölf Minuten lang die Luft an, reglos an der Oberfläche treibend. Rekorde sind die eine Sache. Die meisten Freitaucher sagen, das tiefe Luftholen und anschließende Abtauchen komme vielmehr einer Form der Meditation gleich. Dem Sinkflug in einen inneren Frieden. Der Schwerelosigkeit. Viele tauchen mit geschlossenen Augen.

Einige wenige wagen den Flug unters Eis, und wenn sie die Augen da unten öffnen, sehen sie sehr schöne Bilder. Zersplitterte Muster aus gebrochenem Licht, Strukturen und Flächen kristalliner Kälte. Und dann kann man das alles eben noch im Bikini machen. Nur in seiner eigenen, seiner echten Haut.

Am nächsten Morgen, einem Dienstag, schreitet Amber mit ihrem Hamburger Begleiter Tolga Taskin hinaus auf den gefrorenen See. Amber steckt barfuß in grünen Crocs, trägt eine Badekappe und hält ihre Schwimmbrille in der Hand. Tolga läuft mit einer Videokamera hinterher. Er will alles filmen, das Training, den Rekordversuch, die Emotionen. Tolga ist in diesen Tagen hier oben in Finnland so etwas wie Ambers bester Freund, ihr Coach. Er macht ihr Mut, gibt Tipps. Tolga, 29, war in Ägypten schon auf 80 Meter Tiefe. Er weiß, worum es hier geht.

Den Rekord im nahezu unbekleideten Freitauchen unter einer geschlossenen Eisdecke hält bei den Frauen seit vier Jahren Johanna Nordblad. Ihre Bestleistung liegt bei 50 Meter, und man muss das ein wenig einordnen, um zu verstehen. Nordblad, eine umtriebige Finnin mit braunen Haaren, die ihre Unterwasserausflüge gut vermarktet und perfekt verfilmt, nahm schon bei mehreren Weltmeisterschaften im Freediving teil. In Serbien tauchte sie mit Flossen über 190 Meter weit, das entspricht fast der Länge von vier Olympiabecken. Danach trainierte sie das finnische Nationalteam der Männer im Freitauchen.
Nordblad hatte mal einen Fahrradunfall, eines ihrer Beine stand danach auf dem Spiel. Ein völlig verdrehter Knochen, die Wunde blieb lange offen, der Arzt verordnete ihr eine Kaltwassertherapie gegen die einsetzende Nekrose. Darum stieg sie eines Tages in den eiskalten See vor ihrer Haustür oben in den finnischen Wäldern und begann zu tauchen. Erst mit, dann ohne Neopren. Irgendwann bohrte sie zwei Löcher ins Eis und tauchte den Rekord. Im Badeanzug, ohne Flossen. Ihr Bein überlebte.

Vorhin, neben dem Holzhaus mit der Sauna, hatte sich Amber noch eine Zigarette angesteckt. Wie ein Geist zog der Rauch durch den dünnen Schnee, der fiel. Ihre Tabletten hat sie heute schon genommen. Damit der Kopf klar ist, der Abgrund in ihr selbst irgendwie überwindbar. Sie sagte, sie hätte jetzt schon länger nicht mehr getrunken. Na gut, neulich wieder ein bisschen. Vielleicht mal wieder ein bisschen zu viel. Aber sie würde diese 50 Meter schaffen. Auch die 51, vielleicht sogar die 60. Tolga, der nebenan auf der Terrasse stand, sagte, sie hätte das Zeug dazu. „Amber“, sagte er, „ist eine Frau, die mit dem Kopf durch die Wand geht, wenn es nötig ist.“

Sie steht jetzt ganz nah vor dem kleinen dreieckigen Loch da draußen auf dem Eis, die Stelle ist etwa 50 Meter vom Ufer entfernt. Das Wasser im Loch hebt sich, senkt sich. Walfarben schwappt es in der Öffnung, als würde der See atmen. Zwei Sicherungstaucher sind bereits im Wasser, in sieben Millimeter dicken Neoprenanzügen, zudem wird Amber an einem Sicherungsseil tauchen. Sollte sie das Bewusstsein verlieren, der Kreislauf kollabieren oder das Herz gefrieren, würden sie Amber so schnell es geht zum nächsten Loch ziehen.

Einige wenige wagen den Flug unters Eis, und wenn sie die Augen da unten öffnen, sehen sie sehr schöne Bilder. Zersplitterte Muster aus gebrochenem Licht, Strukturen und Flächen kristalliner Kälte. Und dann kann man das alles eben noch im Bikini machen. Nur in seiner eigenen, seiner echten Haut.

Sie nimmt ihren Kopf aus der Kapuze, setzt die Schwimmbrille auf, legt ihren Umhang ab. Ihr Bikini leuchtet in den Farben Südafrikas. So steht sie da im Frost. Barfuß, sehnig, kaum ein Gramm Fett. Sie scheint ruhig. Schlüpft ins Wasser, verzieht keine Miene. Hält sich an der Kante des Lochs fest, atmet ein, atmet aus, atmet wieder ein, gar nicht mal so tief, hält dann die Luft an, geht unter und taucht ab, und dann verschwindet unter der Eisdecke ihre Badekappe. Ein blauer Fleck, der sich langsam auflöst.

Sie ist jetzt weg. Vier, fünf Meter unter dem Eis. Stahlpresse. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt sie zum ersten Loch, 25 Meter, dort wird sie kurz sichtbar, wendet unter Wasser. Wenden kostet enorm viel Energie, sie muss die gleiche Strecke nun wieder zurücktauchen, im bunten Bikini, und hoffentlich denkt sie da unten an nichts, auch nicht an die Messer und Flaschen der Sicherungstaucher. Tolga rennt oben übers Eis, er will parat sein, filmt, positioniert sich am Einstiegsloch, wo sie irgendwann wieder ankommen müsste.

Noch eine kleine Weile. Dann erscheint sie im Loch. Es hat aufgehört zu schneien. Amber taucht auf, sagt nichts, bleibt noch etwas im Wasser. Ganz ruhig, ganz leise. Zieht sich aufs Eis, klettert raus, hängt sich den Umhang um.
Die 50 Meter hat sie schon beim ersten Training geknackt. Wer beim Streckentauchen einmal im offenen Wasser gewendet hat, weiß, dass da keine Beckenwand ist, an der man sich abstoßen kann. Der weiß, dass es Kraft kostet und man mindestens vier, fünf Meter dazurechnen kann. Aber natürlich zählt das nicht, um in das Guinness-Buch der Rekorde zu tauchen. Dafür muss es eine Strecke am Stück sein, offiziell vermessen. Es müssen registrierte Zeugen vor Ort sein, Kameras müssen das Ganze auch unter Wasser filmen, und der Rekordversuch hat an einem festgelegten Tag zu funktionieren. Muss, muss, muss. Es hat wenig mit Freediving zu tun.

Amber zittert nicht einmal. Sie lächelt, sie hat sehr gute Zähne. Tolga hält die Kamera drauf, aber dann legt er sie weg und umarmt Amber.
„Du hast es geschafft.“
„Es war nur Training.“
„War es schön da unten?“
„Ja, es ist sehr schön da unten.“

Der Päijänne-See liegt unter der finnischen Sonne wie eine Halluzination. Wie ein unbeschriebenes, schneeweißes Blatt Papier.

Am Abend essen die Freitaucher gemeinsam in der Hütte, sie schauen Filme, trinken Wasser. Null Bier, null Wein. Amber sitzt in der Ecke. Übermorgen soll der offizielle Rekordversuch steigen. Sie ist nervös. Sie weiß nicht, wie sie drauf sein wird, sie weiß das ja eigentlich nie. Es kann alles jederzeit kommen. Aber dann kommt es wie ein Sog. Und dann reißt es dich ganz runter, gefühlt bis auf den Grund des Marianengrabens. Da musst du dann erst mal wieder hochkommen.

Amber Fillary wurde 1972 in Kapstadt geboren. Schon als Kind ging sie viel ins Wasser, in die kleinen Lagunen von St. James Beach nahe Muizenberg. Sie liebte das, sie und ihre beste Schulfreundin. Den Strand, die Sonne, das Wasser. Dann zog die Freundin eines Tages einfach weg. Amber erlitt einen Nervenzusammenbruch, den ersten ihres Lebens, er kam wie aus dem Nichts. In der Junior Highschool schwamm sie weiter, erste Wettkämpfe, erhielt Abzeichen, Medaillen. Sie war jetzt 15, und dann wurde es in ihrer Familie „etwas chaotisch“, wie sie es heute, über 30 Jahre später, ausdrückt. Die Mutter brachte noch ein Baby zur Welt, der Vater machte sich vom Acker.

Über das Leben der jungen Amber legte sich das erste Mal eine Eisdecke, von der sie nichts ahnte. Sie aß nicht mehr, magerte ab, dann aß sie wieder und erbrach alles. So ging das weiter. Das Leben gefror, wurde kalt, wurde dunkel. Anorexie, Bulimie, diese Worte hörte sie nun. Das Wort Depression aber hatte noch niemand in den Mund genommen. Sie war ein schnell und gut schwimmender Teenager, doch mit 17 versuchte sie zwei Mal, sich das Leben zu nehmen. Sie schnitt sich die Venen auf, kippte sich eine Überdosis Tabletten in den Hals.
Es ist wie gesagt keine einfache Geschichte mit Amber Fillary. Aber wie soll es das auch sein, wenn du schon im Teenageralter am Abgrund einer ernsthaften Depression stehst?

Bald darauf, an der Uni, sie studiert Kunst, beginnt sie zu trinken. Sie wechselt das Fach, will Schmuckdesignerin werden, weil im Leben eines Depressiven nichts stabil ist. Sie isst nicht, schrumpft zu einem Strich, landet das erste Mal in einem Rehabilitationszentrum. Sie trinkt weiter, bekommt mit 21 Jahren Tabletten gegen den Alkoholismus verschrieben. So geht das weiter, ihr Leben ein „blur“, wie sie sagt. Ein Nebel.

Eine Flasche Wein geht runter wie nichts. Dann die nächste. Hoch, runter. So taucht sie durchs Leben. Mitte 22 wacht sie eines Morgens auf. Geschlossene Psychiatrie. Keine Gabeln, keine Messer. Sie zieht später nach England, studieren, feiern, jobben, abstürzen, aufstehen. Sie geht zu den Anonymen Alkoholikern. Einmal ist in einer der Runden Eric Clapton mit dabei; sein vier Jahre alter Sohn Conor war aus dem Fenster eines New Yorker Apartments gestürzt.

Amber kehrt zurück nach Südafrika, zieht hin und her, ist mal oben, mal unten. Sie arbeitet als Bademeisterin, als Nanny, schwimmt, studiert, bricht ab. Mal wieder in der Reha, lernt sie ihren späteren Mann kennen. Der trinkt auch, sie heiraten. Bis auch das entgleist und er versucht, sie zu erwürgen. Er wird sich später zu Tode trinken. Hoch, runter, hoch. Runter. So geht das über all die Jahre, weil dich, wenn es wirklich schlimm ist, der Strudel nicht mehr loslässt.

Das Fazit von Amber Fillarys Leben, heute: Mehr als zwölf Jahre war sie clean, bis 41. Fast drei Jahre hat sie in Entzugsanstalten und Rehabilitationszentren verbracht. Zwischendurch startete sie bei Triathlons, schwamm stets weiter, hielt in einem Pool sechs Minuten die Luft an und stellte drei südafrikanische Rekorde im Freitauchen auf. Sie sagt: Redet über Depressionen, schweigt sie nicht tot. Sie sagt: Lass dir von Depression und Sucht nicht deine Träume nehmen. Wenn es geht, malt sie. Blaue Flächen, Rinnsale, Analogien des Wassers. Ein Leben zwischen Trunksucht und Erbrechen, zwischen Absturz und Höhenflug. Amber Fillary weiß, was Kraft bedeutet.

Über das Leben der jungen Amber legte sich das erste Mal eine Eisdecke, von der sie nichts ahnte. Sie aß nicht mehr, magerte ab, dann aß sie wieder und erbrach alles. So ging das weiter. Das Leben gefror, wurde kalt, wurde dunkel.

Abends sitzt sie oben in Finnland noch auf der Couch. Sie schläft meist spät, kann schlecht schlafen, steht früh wieder auf. Dann fängt sie an, Kaffee zu trinken. Es ist ein zittriges Leben. Ein Gang über Pergamentpapier.

Morgen soll der Rekordversuch steigen. Amber, auf der Couch, sagt: „Water is my happy place.“ Wenn sie im Wasser ist, geht es ihr gut. So war das schon immer. Sie lächelt. Ein weißes Lächeln. Die Bulimie, die Säure des ständigen Kotzens, hat sie früh ihre gesamten Zähne gekostet. Da sah sie aus wie eine Vogelscheuche. Das wenige Geld ihres verstorbenen Mannes reichte gerade, um alles neu zu machen. „Mein Mund ist das teuerste in meinem Leben“, sagt Amber. Dann geht sie schlafen.

Ein schneidend kalter Wind faucht am nächsten Tag über den See. Sechs Löcher haben sie ins Eis gebohrt, Flaschentaucher die Strecke unter Wasser mit Leinen und Orientierungsmarken abgesichert. Es sind viele Leute zugegen. Überall Handys, Kameras, Filmcrews.
Amber wartet in der Hütte am Waldrand. Sie ist schon im Bikini. „Ich muss meinen Kopf frei kriegen.“ Im letzten Jahr hatte sich noch mal einiges addiert. Ein Zusammenbruch im Herbst, ein Psychiater, der ihr neue Pillen verschrieb. Eine Lungenentzündung, ein gebrochenes Fußgelenk. Kurz vor Weihnachten 2018 hatte sie das erste Mal wieder über Selbstmord nachgedacht.

Dann geht am Päijänne-See nördlich von Helsinki alles sehr schnell. Sie kommt aus der Tür und marschiert runter aufs Eis, nimmt den Umhang ab, setzt die Schwimmbrille auf, kniet kurz vor dem Loch. Sie taucht ein und schließlich ab – und verpasst ihre Chance auf den Eintrag ins Buch der Rekorde.

Bei 40 Metern kommt Amber hoch. Ein Seil hat sich verheddert, die Kamera, die man bei solch offiziellen Krönungen hinter sich her ziehen muss, war im Weg und bremste. Der Karabiner hing schräg, ratschte am Seil entlang. Es ist kein guter Tag. Es ist ein Scheißtag. Ein Tag, der mit der Idee des Freediving wenig zu tun hat und schon gar nichts mit der Geschichte der Amber Fillary.

Auf einen zweiten Versuch verzichtet sie. Da sind die Teufel im Kopf und die fragilen Pfade, die hinabführen in das, was man einen kurzen inneren Frieden nennen könnte. Auch beim zweiten Trainingstauchgang hatte sie gestern die 50 Meter geschafft. Mit Wende, ohne Wand. Jetzt will sie nicht mehr. Das große Buch der Rekorde und die Jagd danach hat mit Schwerelosigkeit wenig zu tun. Freitauchen bedeutet mehr ein Loslassen als ein Grapschen.

Nachmittags geht Amber noch mal auf den See, aufs Eis. Es sind kaum Leute dort, ihr bunter Bikini leuchtet wie ein Fetzen Bonbonpapier auf einer schneeweißen Tischdecke. Nur eine andere Freediverin, in Neopren, ist mit dabei. Die beiden tauchen ab durch das Loch. Drehen sich, schwimmen über Kopf, spielen. Die oben Zurückbleibenden können erst später auf dem Filmmaterial erahnen, wie es da unten ist. Ein mucksmäuschenstiller Weltraum, erfüllt von blaugrauem Licht. Schwebende Luftblasen. Risse, Kreise, Linien, Fragmente. Die hypnotischen Bilder des Eises.

Amber dreht sich um, segelt eine Weile kopfüber unter der Eisdecke dahin. Ein Fisch in der Stahlpresse.

Text: Marc Bielefeld
Fotos: Patricia Kühfuss

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