Land unter

Der stärkste Hurrikan der Geschichte schlug zu wie die Faust Gottes. Der Sturm versenkte tausende Yachten und zerfetzte die halbe Karibik. Ein Streifzug durchs Chaos

Sechs Wochen nach Irma und vier nach Maria sitzt Patricia Jackson in ihrem kleinen Wärterhäuschen, sie trägt eine Staubmaske vor Nase und Mund gegen den durch die Luft fliegenden Schleifstaub, wischt sich mit einem Tachentuch den Schweiß von der Stirn und übt sich in Gottergebenheit. »Ein dritter Sturm? Nein, das kann nicht sein“, sagt sie. „Das wird nicht passieren, das darf man nicht einmal denken.“

Jackson bewacht die Marina von Nanny Cay, Tortola, Karibik. Neben ihr, am Straßenrand, steht ein Schild, schief noch vom Wind. „Speed Bump“, warnt es, wie mit feiner Ironie. Nur wenige Meter weiter liegen Yachten verkeilt in den Mangroven. Da stapeln sich Segelboote wie zertrampelte Playmobile, ragen Masten wie Galgen aus dem Wasser, überall treiben gespaltene Rümpfe, enthauptete Motoryachten, geflutete Wracks.

Einen 80 Fuß langen Luxuskatamaran hat der Sturm namens Irma durch die Luft gewirbelt, mindestens einmal um seine eigene Achse gedreht und auf die Straße geschmissen wie einen alten Plastikeimer. Gut 40 Tonnen Schiff, in die Mangel genommen nicht von der Faust Gottes, sondern von der Macht eines Winds, der mit bisher unbekannter Wut zuschlug.

Irma, am 30. August um 15 Uhr UTC erstmals als tropischer Wirbelsturm gut 500 Kilometer westlich der Kapverdischen Inseln entdeckt, wuchs sich zu einem Monster aus: zum stärksten atlantischen Hurrikan seit Beginn der Aufzeichnungen 1898. Hurrikan Irma schraubte sich für 37 Stunden mit einer andauernden Windgeschwindigkeit von 297, in Spitzen sogar mit bis zu 350 Kilometer pro Stunde über die Inseln. Das entspricht mehr als der Startgeschwindigkeit eines Jumbojets. Werden Menschen von so einem Wind erfasst, können sie kaum mehr atmen, die Gesichtszüge entgleisen stärker als beim Fallschirmspringen; im freien Falls aus 4000 Meter Höhe zerrt der Gegenwind lediglich mit rund 200 km/h an Haut und Haaren. Irma jedoch saugte so stark an manchen Häusern, dass der Unterdruck Fenster und Türen herausriss, Menschen hinausschleuderte und zerschmetterte wie Schaufensterpuppen.

Die Bilanz für die betroffene Karibik: über 130 Tote im Namen Irmas, mindestens 32 im Zeichen Marias. Doch all die Zahlen sind schwammig. Schon für St. Martin varriieren die Angaben stark. Offiziell ist hier mal von sieben, mal von zwanzig Toten die Rede. Inoffiziell kursiert eine Zahl von über 300 Menschen, die nur auf dieser Insel nicht überlebt haben. Der Grund: Tausende Illegale, die dort leben und nicht registriert sind.

Hinzu kommt, in jedem Fall, ein Sachschaden in vielfacher, nicht bezifferbarer Milliardenhöhe. Allein auf St. Martin etwa wurden 95 Prozent der Gebäude beschädigt, 60 Prozent waren nach dem Sturm völlig unbewohnbar. Millionen Menschen mussten nach Irma und Maria ohne Strom auskommen, auf den Britischen Jungferninseln liefen mehr als 100 Gefangene freien Fußes durch die Gegend, weil die Stürme das Gefängnis und seine Mauern zerlegt hatten. So in etwa lautet das auf Gröbste reduzierte Resumée der letzten beiden Hurrikane, Kategorie fünf, die das türkisfarbene Seglerparadies zwischen Miami und Barbados diese Saison heimgesucht haben.

Dreißig Tonnen schwere Katamarane
flogen 500 Meter weit durch die Luft.
Die meisten aber soffen einfach ab

Hinter dem Wärterhäuschen von Patricia Jackson führt der Weg in die Marina selbst, zum Büro des Hafenmeisters, zu den Häusern der Bootsbauer und Bootsshops. Mehrere zweite Etagen existieren nicht mehr; einfach wegrasiert. Masten ragen kreuz und quer in den Himmel, verkeilt zu absurden Kruzifixen, manche dreifach zerknickt wie Strohhalme. Riggs hängen in Fetzen, Ankerketten haben sich um Rollfocks gewicket, Trailerbalken in Bootsrümpfe gebohrt. Überall hängen, liegen und dümpeln Katamarane, die Schönwetterboote der Karibik. Die meisten stehen kopf. Einen hat es auf die Schwimmpontons gewuchtet, einen anderen umgedreht auf den nächsten geschmissen. Viele driften kieloben im Hafenbecken, in der Lagune. Auf der Nachbarinsel Virgin Gorda soll ein 18 Meter langer Katamaran 500 Meter weit über die Stellflächen gepustet worden sein. Die Kats boten dem Wind am meisten Angriffsfläche, irgendwann hoben sie einfach ab.

Vom Steuerbordrumpf eines Katamaran vom Typ Lagoon 620 hängen Expoyfasern wie die Fransen einer alten Jeansjacke; die halbe vordere Front des Boots ist delaminiert. Das Gelcoat, skalpiert vom Sturm. Irgendein Teil muss den Runpf getroffen und für einen ersten Riss, eine erste Wunde gesorgt haben. Den Rest besorgten die tobsüchtigen Böen. Wie es genau geschah, weiß niemand. Alle hatten sich in diesen Stunden des 6. September 2017 versteckt, verkrochen, verbarrikadiert. Auf dem Boden liegen überall noch Teile. Abgerissene Positionslampen, Winschkurbeln, Bolzen, Beschläge, Bikinis, Badeschlappen. Ein Kaffeebecher mit der Aufschrift „Mary Rose“, ein zerfleddertes Logbuch. Wie Streugut hat der Sturm die Innereien vieler Boote verteilt. Eine Amerikanerin fand den Kühlschrank ihrer Yacht 200 Meter weiter, neben dem abgebrochenen Kiel eines anderen Schiffs. Vor und nach dem Auge des Hurrikans rasten Rettungsinseln, Beschläge und abgerissene Lukendeckel wie Geschosse durch die Luft.

An der südlichen Pier des Hafens ruht eine ganze Phalanx weiterer Yachten, aufgebahrt wie Leichen. Sie sind überkrustet von ersten Seepocken und Algen. Jeanneaus, Beneteaus, Bavarias, eine alte Nicholsen. Charteryachten und Privatyachten, die im Sturm sanken, vier, fünf Wochen auf Grund lagen und nun als erste geborgen sind. Braune Flechten kleben auf den Schiffen, als hätte eine Krankheit sie dahingerafft. Die meisten wohl Totalschäden.
Die Leute im Hafen nennen die Pier inzwischen „Hurricane Graveyard“. Den Friedhof des Sturms.
An den Hecks sind die Namen der Boote zu lesen. „Dragon Lady“, „Ocean Life“, „Dancing in the Dark“, „Day Dreamer“. Die Träume der Eigner, vom Sturm ad absurdum geführt. Den Schiffsnamen „Flip Flop“ muss der Hurrikan wörtlich genommen haben: Der mächtige Katamaran liegt an Land, vornüber auf seine Kabine gekippt, der nächste Kat hängt im 90-Grad-Winkel über seinem Heck.

Es ist ein trauriger, ein beängstigender Anblick. Dutzende, Hunderte Yachten in der Totenstarre. Und wohl jedem Betrachter drängen sich bald Fragen auf: Woher die unfassbare Wucht dieses Sturms? Warum gleich zwei? Und: Wann kommt der nächste?

„So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Juan Roig, 47; und der Mallorquiner hat schon viel gesehen. Seit 15 Jahren arbeitet Roig als Sachverständiger, hat Bergungen geleitet, zahllose Schiffe und Yachten auf Schäden untersucht. Auf den Kapverden, den Azoren, auf Grenada, im Mittelmeer. Roig leitet das spanische Büro der in Hamburg ansässigen Firma Marine Claims Service (MCS). Ein Mann, der entsandt wird, wenn seegehenden Fahrzeugen übel mitgespielt wurde.

Nun weilt er seit mehreren Wochen in der Karibik, um im Auftrag von Pantaenius eine Art Bestandsaufnahme zu machen. Er gehört zu einem von mehreren Teams, die direkt nach Irma vom Yachtversicherer zu den betroffenen Inseln entsandt wurden. Die Aufgabe: Die Yachten der Kunden lokalisieren, identifizieren, Schäden aufnehmen und, wenn möglich, erste Maßnahmen zur Schadensbegrenzung einleiten. Kein leichter Job, „denn Irma hat nicht lokal gewütet, sondern eine Trasse der Verwüstung durch die halbe Karibik gezogen“, wie Roig sagt.

Dominica, St. Kitts, Antigua, Barbuda, Kuba, Teile der Bahamas, vor allem jedoch Puerto Rico, St. Martin sowie die amerikanischen und britischen Jungferninseln suchte der Hurrikan heim. In die Region zu kommen gestaltete sich danach schwierig. Geschlossene Flughäfen, Ausgangssperren, kaum Versorgung, teilweise null Strom, Wasser, Kommunikation. Viele Inseln waren von der Außenwelt tagelang, wochenlang abgeschnitten. Von Guadeloupe aus charterten die Teams einen Katamaran, um die Unglücksorte zu erreichen – als ihnen prompt der nächste Hurrikan Maria vor die Nase zog. Sie mussten kehrt machen, sich verstecken, abermals aufbrechen.

Als sie die Inseln schließlich erreichten, bestätigten sich die ärgsten Meldungen. Die beiden Hurrikane, die kurz hintereinander über das karibische Meer gezogen waren, hatten wahren Spuk hinterlassen: das größte Ausmaß an Yacht-Zerstörung der Geschichte. Allein bei Pantaenius, nur einem Versicherer von Sportbooten, sind bis heute über 220 Schadensmeldungen gelistet, die auf die beiden Stürme zurückgehen. Ein Bruchteil vom Gesamtbild. Denn hinzu kommen Hunderte Boote, die bei anderen Unternehmen abgesichert sind, sowie all jene Yachten, die ohne Versicherungsschutz durch die Karibik schippern.

Konkret erfasste Zahlen gibt es nicht. Doch es müssen mehrere tausend Yachten sein, die von den Stürmen überrollt worden sind. Ein doppelter Kahlschlag – in nur zehn Tagen. 
Besonders arg gebeutelt wurde die Insel Tortola. Erst hatte ein tropischer Sturm schwere Regenfälle gebracht, Straßen und Dörfer überflutet. Dann kam Irma. Willis Moltona, ein Mitarbeiter der Hafenbehörde vom gegenüberliegenden St. Thomas, hatte schon vier heftige Hurrikane überlebt. „Irma aber übertraf alles, was ich erlebt habe“, sagt Moltona. In diesem Hurrikan steckten obendrein Tornados, die Boote emporhoben wie Spielzeuge. Eine Bekannte von Moltona starb, die Pieranlagen am West End von Tortola sind fast gänzlich verschwunden. „Was wir sahen, als wir nach Irma auf die Straßen gingen, war schlimm genug, aber wir machten uns an die Arbeit, um aufzuräumen“, erzählt Moltona. „Als dann zehn Tage später der nächste Hurrikan kam, konnten wir es nicht glauben. Es war das Unfassbare, das Unmögliche. Die Moral war komplett im Keller.“

Maria wälzte sich anschließend zwar nur mit einer Kategorie drei über die Insel, hatte dafür allerdings sintflutartige Regenfälle im Gepäck. Wieder stand die halbe Insel unter Wasser. Und seither, vier Wochen später, haben sich drei weitere „tropical waves“ über der Insel ergossen, Tropenstürme mit erheblichem Regen.
Die Wassermengen und die über 14 Meter hohen Wellen aber waren verdaubar. Nicht jedoch der Wind. Er drosch über die Insel wie ein Geisteskranker. An vielen Wetterstationen versagten ab 250 km/h die Windmesser. Auf Satellitenbildern war Tortola zu sehen. Inmitten des über 700 Kilometer weit ausladenden Wolkenwirbels kam die Insel als kleiner Fleck zum Vorschein – das Auge zog direkt über sie hinweg. Ein unheimliches Phänomen, das selbst die tückischsten Wetterkapriolen in den Schatten stellt.

Am Vorabend war der Himmel noch blau gewesen, weiße Wolken zogen, die Sonne sank vor rosaroten Karibikfarben. Am 6. September gegen 12 Uhr ging es los. Der Himmel hatte sich binnen weniger Stunden verdüstert, dann stürzte das Barometer ab, zuletzt auf 914 Hectopascal. Noch in den Häusern bekamen es die Menschen zu spüren. In ihren Ohren knackte es, als säßen sie in einem Flugzeug. Vor dem Auge drehte der Wind schließlich auf Ost und nahm brachial zu. Drei Stunden Hölle. Dann herrschte auf einmal Stille, nicht ein Hauch zog mehr durch die Straßen. Doch der Frieden hielt kaum länger als zwanzig Minuten. Das Auge zog durch, danach drehte der Wind schlagartig auf West und schoss nur noch stärker los. Vier Stunden Apokalypse.

Der Sturm duschte die gesamte Insel mit Salzwasser, bis hoch in die 500 Meter hohen Bergflanken des Mount Sage Nationalparks. Palmen wurden davongerissen, Häuser abgedeckt, der Asphalt vieler Straßen aufgebrochen.
Sieben Stunden Irma. Das genügte, um einige der Inseln zu zerstückeln.

In den Marinas wurde derweil alles von einer Seite auf die andere geschmissen. Sie nennen es den „Double Domino effect“: Der Ostwind drückte vor allem die an Land stehenden Boote erst auf den einen Bug, kurz darauf presste der Westwind alles auf die andere Seite. Yachten, Masten, Trailer und Stellagen wurden von links nach rechts geprügelt wie von einer doppelten Ohrfeige.

„Man kann das deutlich erkennen“, sagt Krister Ek. An vielen Rümpfen seien Kratzer, Schleifspuren, Risse, Beulen und Löcher an beiden Seiten zu sehen. „Erst gab es rechts auf die Mütze, dann links.“ Ek, 49, ist ein weiterer Experte von Marine Claims Service, der im Auftrag von Pantaenius die Schäden vor Ort untersucht. Mit Juan Roig schreitet und klettert der Schwede seit drei Wochen durch die Reihen der geschundenen Yachten, um akribisch zu protokollieren und zu erfassen, was er selbst kaum fassen kann.

Im Hafen von Nanny Cay hat sich der Mast einer Yacht mit seiner Spitze von oben senkrecht in das Deck einer anderen gebohrt. „Das ist, als würdest du zwei Modellboote in Händen halten und sie mit ihren Riggs frontal gegeneinander klatschen.“ Auch Ek hat schon einiges gesehen, seit 1989 ist er als Sachverständiger auf Bootsschäden spezialisiert, prüft vor allem in Skandinavien. Doch die Karibik überbietet alles. Senkrecht stehend Katamarane, umgekippte Yachten vor dem Supermarkt. Wenn er die Lage zusammenfassen soll, kommen ihm diese Worte über die Lippen: „Nackte Zerstörung. Ein unglaubliches Ausmaß an Schäden.“

Als eines der Pantaenius-Teams sind Roig und Ek noch immer auf den Britischen Jungferninseln unterwegs. Ihr Fazit in nüchternen Fakten: Allein auf Tortola und Virgin Gorda haben sie 63 Yachten von Kunden gefunden und untersucht, Boote von durchschnittlich 55 Fuß Länge. Rund 20 Prozent davon schätzen sie als „CTLs“ ein, als Constructional Total Losses. Vulgo: Totalschäden. „Allerdings müssen viele Boote erst noch aufgerichtet werden, um die Schäden in Gänze erfassen zu können“, sagt Juan Roig. „Es wartet noch viel Arbeit.“

Ihre persönliche Bilanz: Sie sind müde und kaputt. Sie haben zu viele geschlachtete Yachten gesehen, zuviel Verwüstung. Die Umstände machen die Arbeit zudem nicht einfach, die Infrastruktur liegt vielerorts noch immer brach. Kaum Hotels haben geöffnet, vor vielen Portalen liegen bis heute die Sandsäcke. Ihre Protokolle schreiben die beiden vom Schiff aus, senden die Berichte übers Smartphone in die Zentrale nach Hamburg. Krister Ek und Juan Roig läuft der Schweiß. „Es ist unser Job“, sagt Ek. „Aber so viele Bilder und Details der Zerstörung machen dich mürbe.“

Der Mann in der Mitte blickt finster.
»Du hättest vor fünf Wochen hier sein sollen – das war das echte Chaos«

In Nanny Cay laufen derweil drei Männer über den Steg, Schutzmasken hängen um ihre Hälse, sie haben sich T-Shirts um den Kopf geknotet, im Schlepp eine Karren mit Eimern, Spachteln und Reparaturmaterial. Sie gehören zu den Arbeitern des Sturms. Einheimische Angestellte der Firmen, die nach Irma anpacken und aufräumen. Als ein weißer Besucher sich umschaut, das Chaos sieht und fragt, wie sie das je wieder hinkriegen wollen, blicken die drei finster. Der Mann in der Mitte, ein kräftiger Kreole, sagt: „Du hättest vor fünf Wochen hier sein sollen, das war Chaos. Das meiste haben wir längst beiseite geschafft.“

Nach den Stürmen gehen die Aufräumarbeiten auf den Inseln nun weiter. Hier schneller, dort langsamer. Kevin Rowlette gehört die Firma „Husky Salvage & Towing“ auf den BVIs, seit 23 Jahren ist er im Geschäft, hebt Wracks, verlegt unterseeische Kabel, bringt Moorings aus. Mit seinem Schlauchboot fährt er an diesem Morgen durch einen schmalen Kanal, der vom Meer nach Paraquita Bay auf Tortola führt. In die geschützte, von Mangroven gesäumte Bucht hatten sich an die 400 Yachten verzogen, um sich vor Irma in Sicherheit zu bringen. Doch es nützte nichts.
Auch hier flogen die Schiffe durcheinander, krachten kapitale Katamarane aufeinander und sanken die Yachten gleich dutzendweise. Hundert Meter lange, extra-schwere Mooringleinen, die sie ausgebracht hatten, waren einfach gerissen. Nichts, das noch Halt fand in diesem Sturm. Noch immer treiben Schiffe mit abgebrochenen Kielen in der Lagune, ragen Relingszäune geisterhaft aus dem Wasser. „Über hundert Yachten haben wir schon geborgen und aus dem Weg geschleppt“, sagt Rowlette und schippert langsam durch das Leichenfeld der Yachten. „Aber um die Großen hier wieder rauszubekommnen, müssten wir den Eingang zum Kanal vergrößern oder wegsprengen.“

Für Leute wie Kevin Rowlette bedeuten Hurrikans ein sattes Geschäft. Und „Husky“, wie ihn alle hier nennen, macht auch keinen Hehl daraus. Seine Mitarbeiter, die in den Häfen die Masten zersägen, mit der Flex in der Hand den Schrott beseitigen, tragen bunte T-Shirts mit dem Firmenslogan: „Your mayday is our payday“. Zu deutsch: Ihr Untergang ist unser Zahltag. Doch Irma bringt selbst Husyks unverblümten Zynismus an Grenzen. „Sicher, für mich bedeuten die Sturmfolgen gutes Business“, sagt er, das Walkietalkie in der Hand. „Aber nein, so etwas möchte ich nicht noch einmal erleben. Irma war einfach zu viel.“

Die letzten beiden Stürme stellen seine Arbeit sogar infrage. Kevin „Husky“ Rowlette überlegt laut, ob es überhaupt sinnvoll ist, all die Wracks jetzt schon zu heben. Die Hurrikansaison ist immerhin noch nicht vorüber – und was geschähe, käme ein weiterer Sturm? „Die geborgenen Yachten, die jetzt ungesichert an Land stehen oder notdürftig in den Häfen schwimmen, würden noch weitaus krasser durch die Gegend fliegen“, sagt er. Und spricht damit aus, was kaum einer zu denken wagt.

Noch ein Sturm? Nach dieser Katastrophe scheint alles möglich. Rowlette: „Die Leute kleben vor den Wetterberichten.“

Doch Stürme dieses Ausmaßes wecken noch andere böse Geister. Ein Großteil der Yachten wurde nach den Hurrikans geplündert. Zuerst holten sich die Leute, was sie am dringendsten brauchten. Sie leerten Dieseltanks, nahmen Batterien, Generatoren, schnappten sich aus den Schapps Werkzeuge, Kabel, Farben und Petroleumlampen. Danach kamen die Gauner, klauten teure Navigationsgeräte, Ausrüstung, schraubten Teile ab und rissen sich Funkgeräte unter den Nagel. Diebesgut, das eines Tages gutes Geld bringt.

„Mein Katamaran ist halb leergeräumt“, sagt ein Amerikaner, der gerade nach Virgin Gorda geflogen ist, um die Schäden an seinem Boot zu betrachten. „Mein Fernglas ist weg, meine Navigation. Nur den Schmuck meiner Frau haben sie an Bord gelassen, ein Wunder.“ Die gestohlenen Teile allerdings dürften seine kleinsten Sorgen sein. Ein über 20 Tonnen schwerer Kat ist seitlich auf sein Schiff gekracht – und ein Kran nicht in Sicht. Auf Virgin Gorda sind die wenigen zurückgekehrten Eigner verzweifelt, weil ihnen nicht geholfen wird. Kaum Arbeiter sind zur Stelle, viele Angestellte der Bootsbetriebe offenbar entlassen. Ein Geisterhafen in der Glut der Karibik.

Der Sturm duschte die gesamte Insel mit Salzwasser. Und eine Frage liegt in der Luft: Wann kommt der nächste?

Die Folgen der Stürme aber gingen hier und da noch deutlich weiter. Nach St. Martin richtete Frankreich eine Luftbrücke ein, schickte neben Hilfsgütern 1900 bewaffnete Sicherheitskräfte auf die Insel. Plünderer marschierten mit Macheten durch die Dörfer, raubten Geschäfte aus, nahmen sich, was sie fanden. 

Auf den Jungferninseln hielten die Menschen eher zusammen, doch im Kielwasser von Irma und Maria hat auch hier das Geschiebe ums schnelle Geld begonnen. Taucher und Bergungsfirmen buhlen um die saftigsten Aufträge, selbsternannte Bootsexperten schielen nach herrenlosen Masten, Riggs und Segeln, die später für viel Geld an den Mann gebracht werden. Ungeduldige Versicherungskunden reklamieren derweil Totalschäden, obwohl sie ihre Yacht noch nicht einmal gesehen haben. Ob ihre Schiffe korrekt gesichert waren, ob sie womöglich repariert werden können, davon wollen viele nichts wissen. Die Wucht des Hurrikans scheint alles zu rechtfertigen.

Auf Virgin Gorda klettert Juan Roig auf eine weitere Yacht. Das Schiff krängt mit 45 Grad im Matsch und ist mit dem Bug einer anderen Yacht so eng verkeilt ist, als ob die beidenSchiffe knutschen würden. Roig untersucht Risse, ein Loch im Deck, den zerknickten Mast. Er schiebt sich den Sonnenhut vom Kopf, verscheucht die Fliegen. Illusionen hat er schon lange keine mehr. „So ein Hurrikan zeigt auch das wahre Gesicht der Menschen. Die Boote, die geplündert worden sind. Dienstleister, die für einen Kran 7000 Dollar am Tag verlangen. Charterunternehmen, die für noch schwimmende Schiffe absurde Summen fordern.“ Roig hält eine aus dem Fundament gebrochene Winsch hoch. „Ein Hurrikan ist auch ein Bombengeschäft, viele schlachten das gnadenlos aus.“

Und dann sind da die, die aufräumen. Im Hafen von Nanny Cay fahren Bagger und Trucks, um den Schutt beiseite zu schaffen. Da wird genagelt und geschliffen, um ein anstehendes Yachten-Treffen nicht platzen zu lassen. Bootsbauer hocken unter den Rümpfen, flicken Löcher, laminieren Risse und bringen ausgebaute Motoren wieder zum Laufen. Einige Eigner nennen die eiligen Bootsreparaturen „Banana repairs“. Eine Art hastige Ersthilfe, um die Yachten im Handumdrehen wieder flott zu kriegen. Morgens schleifen, mittags laminieren. Trocknen lassen, kurz lacken, fertig. Zwei, drei Tage später schwimmen die Yachten wieder.

Das sieht gut aus, viele aber runzeln die Stirn. „Von soliden Reparaturen kann kaum die Rede sein“, sagt Krister Ek, als er einen Bootsbauer beim Laminieren sieht. Der Mann steht unter einem komplett delaminierten Heck, schleift per Hand, hat sich ein T-Shirt vor die Nase gebunden. Es riecht nach Epoxy, Schleifstaub fliegt über das Gelände. Krister Ek: „Mit einem derart reparierten Boot möchte ich nicht in schweres Wetter geraten.“

Nach Irma und Maria aber scheint jeder Handgriff willkommen. Denn auch wenn die Marina bald wieder in Betrieb genommen werden soll – viele Monate, wenn nicht sogar Jahre wird es dauern, um die Spuren der Stürme zu beseitigen. Auf Virgin Gorda nehmen die ersten Eigner ihr Schicksal derweil selbst in Hand. In diesen Tagen tauchen die ersten wieder auf, um nach ihren Booten zu schauen. Da sind Rick und Frank, zwei alte Freunde aus den USA und Kanada, 67 und 75 Jahre alt. Rick muss seinen Bug neu laminieren, sein Rigg aus dem des Nachbarn entwirren und diverse Kleinschäden beheben. Er wohnt auf seinem Boot, das auf der Seite liegt wie ein Wal auf dem Trockenen. „Man kann drinnen kaum gehen, alles ist auf die Seite gekippt“, sagt er, aber hält den Daumen hoch. „Wird schon, Schritt für Schritt.“ In vier bis fünf Wochen will er wieder im Wasser sein. Will tun, was derzeit noch wie ein Fremdwort klingt: segeln.

Franks Boot, eine Bavaria 41, hat es heftiger erwischt. Das Boot liegt entmachtet auf der Seite, der Kiel ist abgebrochen. Wie ein Stück Treibgut liegt er auf der Erde neben dem Schiff, die Bolzen schauen aus dem geplatzten Laminat. Frank wartet auf den Bescheid der Versicherung. Totalschaden oder nicht, das ist die Frage. Irgendwie reparieren oder eine neue Yacht kaufen? Frank zieht die Schultern hoch. Traurig schleicht er um sein Boot, steht sprachlos in der Hitze.

Im Hafenbecken von Nanny Cay taucht am nächsten Morgen ein Ungeheuer aus den Fluten. Erst die Aufbauten, dann das Deck, dann die Rümpfe. Zwei Tage hat es gedauert, bis das Wrack nach vier Wochen nun wieder ans Tageslicht kommt: ein nach Matsch und Öl stinkender Katamaraan, überzogen vom Schleim, Algen, Seepocken und triefenden Muscheln. Vor dem Sturm war die Lagoon 620 noch neu, nach Irma mutet sie an wie ein von der Pest befallenes Totenschiff.

Tara, Jeffrey und ihre Freunde aus Australien haben sich dem Wrack angenommen. Moderne Seenomaden, die auf ihrem Boot leben, die über den Pazifik gesegelt sind, Boote retten, reparieren und sich als segelnde Lebenskünstler durch die Weltgeschichte epoxieren. Sie sind barfuß und pitschenass, riechen nach Salzwasser und Modder. So legen sie Tauchpumpen, lenzen Matsch und Öl. Sie wollen den Kat wieder flott bekommen, auf eigene Kappe. Wenn die Maschinen wieder laufen, das Boot sauber und repariert ist, winken ein paar hunderttausend Dollar. Der Weg dahin: monatelange Drecksarbeit.

Tara und ihre Jungs sind die Schnäppchenjäger des Hurrikans. Bootsbauer und Blauwassersegler, die nach One-Dollar-Boats suchen. Herrenlose Totalschäden, die übrig bleiben, wenn der Versicherungsschaden geregelt ist und keiner so richtig weiß, was mit so einem Schrotthaufen aus Plastik noch anzufangen ist. Die Entsorgung ist teuer, die Lagergebühren sind nur noch Last. Viele der Wracks gehen dann für einen Dollar weg – an verwegene Bastler, die sie mit eigenen Händen wieder zum Leben erwecken.

In Nanny Cay schuften sie nun alle weiter und richten sich an einem neuen Lebensmotto auf: Ihr Stürme könnt uns mal – am Ende sind wir die Stärkeren! Die Sonne jedenfalls scheint wieder, die zerfetzten Palmen rascheln im Wind, das blaue Meer brandet an die zertrümmerten Ufer. Und an der Beach Bar fließen längst wieder die kalten Drinks. Bald sollen die ersten Kreuzfahrtschiffe wieder anlegen, die ersten Charterflotten wieder klar sein. Einige halten das für utopisch, andere für durchaus machbar.

Das Internet im Hafen zumindest läuft schon wieder. Das neue Netz trägt den Namen „Fuck you Irma“, das Passwort lautet: „nanny911“.

Text und Fotos © Marc Bielefeld

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