Die Farben des Meeres

In den schmalen Fischerbooten von Sri Lanka ist nicht einmal genug Platz zum Sitzen. Bis hinter die großen Schifffahrtsrouten wagen sich die Männer hinaus, um ihre Netze zu füllen. Eine Ausfahrt ins Blaue

In der Nacht sieht der alte Samara aus wie ein Geist. Seine Augen blitzen, verknotete Beine, so kauert er auf dem Heck des winzigen Boots. Über dem Indischen Ozean sind die Sterne aufgegangen. Samara, das Ledergesicht, schickt einen Fluch hinaus auf das schwarze Wasser. Kein Mond. Nirgends ein Mond, der das Plankton anlockt, die Fische verrückt macht und zum Steigen bringt. In Samaras Mund zappelt der Zigarettenstummel. Dann nimmt er ihn heraus, reicht ihn den anderen beiden weiter.

Raju und Bandara hocken im engen Rumpf unter dem Bambusgestell. Sie nehmen die Kippe, jeder ein, zwei schnelle Züge, dann schmeißen sie den Stummel ins Meer.
„Wann sollen wir das Netz einholen?“ fragt Raju.
„Red’ nicht so viel“, sagt Käpt’n Samara. „Wir warten noch, wir lassen die Strömung für uns arbeiten.“

Zwei nackte Glühbirnen schwanken über den ausgemergelten Körpern der drei Fischer. Sie sind barfuß, tragen T-Shirts und ausgeblichene Shorts, ihre Zehen krallen sich an die Bordkanten. Raju fehlt ein Finger. Sechzehn Meilen weit sind sie draußen, Sri Lanka lange am Horizont verschwunden, es ist ein Uhr nachts.

Wie eine Wasserspinne schwebt das kleine Boot auf dem endlosen dunklen Meer. Ein linder Wind streicht durch die Weite, die Dünung hebt das Boot zwei, drei Meter an, senkt es behutsam wieder ab. Der Ausleger schmatzt im Wasser.

Von den Beachbars an den Stränden können die Touristen jeden Abend das Wunder sehen. Jede Nacht erscheint draußen in der Finsternis des Meeres eine Lichterkette – wie ein Band ferner Glühwürmchen. Die Glühwürmchen sind die vielen künstlichen Monde, die die Thunas anlocken sollen, die Bonitos, Barrakudas, Makrelen und den King Fish. Es sind die Glüh-birnen auf Hunderten kleiner Fischerboote, die an den Nachmittagen die Häfen und Strände Sri Lankas verlassen und sich in den Nächten meilen-weit auf dem Meer verlieren. Suchende Insekten im Weltraum, die ausschwärmen, um die Familien und Märkte der Insel mit frischem Fisch zu versorgen.

„Wieviel Benzin haben wir noch?“
„Genug für 25 Seemeilen.“
„Wir warten noch, wenn wir kein Glück haben, fahren wir weiter nach Osten.“

Samara spuckt ins Meer. Es steht irgendwo da oben in den Sternen, ob sie in dieser Nacht genügend Rupies machen werden. Der Fisch ist rar geworden. Vielleicht wird es für die Frauen und die Kinder reichen. Sie müssen die Pacht fürs Boot zahlen, die letzte Reparatur des Außen-borders. Die neuen Netze aus Taiwan sind teuer. Sie werden wohl das alte wieder reparieren. Werden eine Woche zu dritt das riesige Netz per Hand flicken, unten auf dem hellblauen Beton-sockel am Strand, unter der brennenden Sonne.

 

Um sechs sinkt die Sonne, vor den Männern liegt das dunkle Meer. Ihr Boot ist kaum mehr als ein hohler Balken, aber damit fahren sie raus, bis von den Lichtern der Insel keine Spur mehr zu sehen ist

Am Abend, nachdem sie vom kleinen Hafen von Dodanduwa rausgefahren waren, sank die Sonne wie eine Blutorange ins Meer. Der Himmel wurde kurz lila. Der Außenborder aber knatterte und schob das Boot hinaus auf See, weiter und weiter auf das dunkler werdende Wasser. Erst gegen neun am Abend waren sie weit genug draußen und hatten das Netz ausgebracht, was etwa eine Stunde dauerte. Sie tranken von dem Palmschnaps, der in der Kehle brennt wie Feuer, saßen wortlos auf dem kahlen Rumpf. Ab und zu schaute Raju nach der Boje und prüfte die Batterie. Dann begann das Warten.
Das Boot. Nichts als ein zwölf Meter langer hohler Balken, so schmal, dass man bei jedem Schritt balancieren muss, um nicht ins Meer zu fallen. Allein der Ausleger sorgt für Stabilität. Überall platzt Epoxy ab, hängt in Fladen vom Rumpf. Kein Klo, kein Regendach, keine Kajüte, kein Polster. Das Boot ist offen und völlig nackt, über einem der blanke Himmel.

Vom Bambusgestell hängen Drähte. Die offene Batterie ist mit Tampen festgeknotet. Vorn im Bug steckt eine Styroporkiste, ihr Deckel mit Tape zugeklebt. Daneben ein Kescher, zwei alte Plastikeimer zum Schöpfen von Regenwasser. Der eine Eimer ist gebrochen, Raju hat ihn mit dünnem Tampen genäht. Als Anker genügt ihnen ein Stein, um den sie vierfach eine ausgefranste Schnur geknotet haben. Aber sie brauchen jetzt keinen Anker, das Meer hier draußen ist weit über hundert Meter tief.

Sie haben kein GPS, keine Rettungswesten, keine Seenotfunkbake, keine Notraketen, keine Seekarte, kein Funkgerät. Solche Sachen besitzen nur Reiche oder Außerirdische.

Neulich, im November, kam Sturm; niemand hatte ihn vorhergesagt. Vierzehn Fischer von der Insel sind bei diesem Sturm auf See geblieben. Am Strand von Dodanduwa liegt noch ein Boot, das die sieben Meter hohen Wellen in der Mitte durchgebrochen haben. In zwei Hälften wurde es angespült. Letzten Juni wurden fünf Fischer gerettet, 30 Tage trieben sie auf See, manövrierunfähig, fast 600 Kilometer südlich von Sri Lanka auf dem offenen Ozean.
Seit Stunden haben die Handys der drei keinen Empfang mehr.
„Wir sollten das Netz reinholen“, sagt Bandara. Er kauert vor seinem Zeitungspapier, in das der Reis und die Fischklumpen eingewickelt sind. Sie teilen sich ihr Essen gut ein, den Arrack, den Schnaps, die Zigaretten. Wer weiß, wie lange sie draußen bleiben werden.
„Red’ nicht so viel“, faucht Samara von hinten. „Das Meer ist leer, das einzige, was uns helfen kann, ist Geduld und Glück.“
„Und der Priester im Dschnungel, wenn wir beim nächsten Vollmond wieder hingehen und beten.“
„Der Priester und die Götter.“
„Die können nichts mehr tun, zu viele Trawler, zu große Grundnetze, zu viele Boote.“
„Quatsch nicht, ist nicht gut, so zu reden. Lass uns jetzt das Netz einholen.“

 

Auf dem Boot stinkt es nach Blut und Fisch. Raju ist der Mann fürs Netz. Er ist der Geschickteste und kann das Netz am besten in langen Schleifen wieder ins Boot bringen, ohne dass es sich verheddert. Er steht aufrecht im Rumpf, sein Körper biegt sich über den Rand; dann greifen seine Hände zu und ziehen.
Das Netz ist einen Kilometer lang und zehn Meter breit. Die drei können nicht schreiben und nicht rechnen, aber sie wissen besser als jeder Mathematikprofessor, was es heißt, zehntausend Quadratmeter Netz mit bloßen Händen zurück ins Boot zu bringen. Zehntausend Quadratmeter sind ein Ungeheuer.

Triefend kommt das Netz aus dem Wasser, der erste Meter, der zweite. Grüne Rauten, überzogen von Schleim und Plankton. Wie lange wird Raju an dem Netz ziehen? Wie lange halten seine Muskeln das aus? Sie werden es über zwei Stunden aushalten, und es wird noch immer Nacht sein.

Kein Fisch in der ersten halben Stunde. Gähnend leere Maschen flutschen über den Boots-rand; Bahn für Bahn legt Raju im Netzkasten übereinander.

„Wir hätten weiter nach Osten fahren sollen, dahin, wo am Abend die Vögel flogen.“
„Die Vögel wissen auch nicht alles.“
„Die Vögel wissen mehr als wir, wir haben nur das Glück.“
Sie unterhalten sich in kurzen Sätzen. Knappe Rituale der Beschwörung und Besänftigung. Bandara spricht am besten Englisch, er hockt auf der Bambusstange, raucht eine, übersetzt das Singhalesisch. Die schlimmsten Flüche übersetzt er nicht.

Raju ist ein lebendiger Motor, eine Menschmaschine. In stetigem Rhythmus zieht er das Netz rein, lehnt sich über Bord, seine Körper verbiegt sich zu fließenden Sinuskurven.

Der erste Fisch kommt nach etwa 200 Metern Netz, ein kleiner Fisch, der in den Maschen verreckt ist und den die Männer trotzdem nehmen. Der nächste Fisch ist ein kleiner Gelbflossenthun, der in Wahrheit silbern ist, kaum größer als zwei Hände, und er kommt in etwa auf Meter 450. Sie sagen nichts, schweigende Skulpturen in der Nacht. Raju zerrt das Netz weiter ins Boot. Später steckt ein größerer Thun in den Maschen, der noch lebt und dessen Augen verdreht sind, aber er mag nicht mal zwei Kilo haben. Zwei Kilo bringen auf dem Fischmarkt 700 Rupies, das ist nicht viel, aber es ist besser als nichts.
Es hängen noch ein paar Fische im Netz, Makrelen, Bonitos, jämmerlich in ihren Ausmaßen. Zwei der kleinen Makrelen schneiden sie auf, essen das rohe Fleisch an Bord.
Mehr nicht.

Es gibt gute Tage, sicher. Noch immer können sie die Märkte, die bunten Touristenrestaurants und die wackeligen Holzstände an den Straßenrändern mit genügend Fisch versorgen. Snapper, Skipjacks, Doraden. Doch heute scheint das Meer wie leer. Eine Wüste. Es sind einfach zu viele Boote, die inzwischen rausfahren.

Nach dem Tsunami wurde viel Geld gespendet – das verstärkt in die lokale Fischerei floss. Kleine Fischerboote wurden daraufhin massenweise gebaut, bis heute entstehen immer neue, am Rand des Dschungels, an den Stränden. Auf offenen Werften unter Palmen werden die Boote zusammenlaminiert. Vorn auf die Flanken ihrer Boote malen die Fischer die Namen der Spender. „Donated by Cornelia from Switzerland“, „From Peter and Gerlinde, Osnabrück“. In einigen Orten ist unten am Strand kaum ein Durchkommen mehr. Boote zuhauf, ein buntes Gewirr.

Ein Fischereiberater der „Food and Agricultural Organistaion“ der UNO schrieb in seinem Bericht von einem Überschuss von 3000 Small fishing crafts in Sri Lanka: 3000 kleine Boote zuviel, die vor der Insel Fische jagen.

Für Samara, Raju und Bandara sind Zahlen seltsame Maße. Aber sie sehen es jeden Tag mit eigenen Augen, dass mehr und mehr Männer rausfahren; Männer, die nie Fischer waren, aber sonst keine Arbeit finden. Dann heuern sie eben auf einem der Boote an.

Am Anfang schmunzelten sie noch. Doch die küstennahen Gewässer sind nun halb leergefischt, und der Alte muss dies nicht erst aus der Zeitung erfahren. Aber jetzt werden dort schon Kinder zitiert.

 

Kinder wie Kumar Sinnathambhi, 14 Jahre alt, aus dem Distrikt Hambantota. „An einigen Tagen fangen wir nichts“, erzählte dieser Kumar den Zeitungsfritzen. Kumar, der die Schule verließ, nachdem die Eltern im Tsunami umkamen und er seitdem das Geld verdienen muss. Ein Kind, das zum Bootsmann wurde.

Um noch genügend zu fangen, wagen sich Samara und die Jungs nun immer weiter raus. Sie kreuzen in ihrer Nussschale sogar den gefährlichen Schiffahrtsweg südlich vor Sri Lanka, auf dem die Supertanker und Containerfrachter aus Fernost ziehen, um nach Arabien, Suez und Europa zu fahren. Manchmal kommen die drei diesen Schiffen nachts sehr nah und spüren das Dröhnen; einige der Riesen haben schon ganze Netze mit sich gerissen.

Was sollen sie machen. Bei den singhalesischen Hochseefischern anheuern? Sie kennen ja die Geschichten von den großen Einrumpfbooten, die in den stinkenden Häfen von Bentota und Hambantota liegen. Drei Monate bleiben die Männer auf diesen Booten auf See, fahren bis Somalia, Indien, Bangladesh. Nach solchen Fahrten karren sie ganze Ladungen von Haien in Lastern davon. Auf den Piers liegen aufgschnittene Mantas, Hammerhaie, 50-Kilo-Thunas. Und auf den Kais trocknen die Haifisch-flossen für China. Graue fleischige Lappen, die zu Hunderten in der prallen Sonne liegen. Aber auch die Haie werden weniger und weniger. Und wer heute einen großen Blauflossenthun fängt, geht als Lotteriekönig in die Geschichte ein.

Eine Ocean University gibt es in Tangalle. Da werden schon Fischer von den afrikanischen Komoren ausgebildet. Bootsbauer lernen in Kursen, noch mehr Schiffe aus Fiberglas zu bauen. Die Menschen wollen Fisch. Sie gieren nach ihm.
„Empty Seas“, leere Meere, titelte Lanka Business online. „Die Fischbestände schwinden, weil große Trawler die Gewässer Südostasiens plündern.“ Schuld sei vor allem das Fischen mit riesigen Grundnetzen, mit denen die großen und teuren Fische hemmungslos gejagt würden. Die hohe Nachfrage aus Hongkong, China, Japan. Auch die großen Brocken aus dem Meer vor Sri Lanka, die noch gefangen werden, gehen meist nach Fernost. Viele Thunfische verzwanzigfachen sich im Preis, bevor sie im Bauch eines reichen Asiaten landen. Auf dem Tokyoter Fischmarkt wurde im Winter 2012 ein 593 Pfund schwerer Blauflossenthun verkauft, und dem letzten Verkäufer in der langen Kette aus Fischern, Händlern und Unterhändlern brachte er 736.000 Dollar.

Laut „Fish Data“ schwimmen drüben im Golf von Thailand bereits zehnmal weniger Fische als vor 30 Jahren. Vor Malaysia soll der Bestand um bis zu 90 Prozent gschrumpft sein. Zahlen, die als Richtwerte gelten auch für die weniger gut kontrollierten Meere Asiens. Wie vor Sri Lanka.

 

Mahagonifarbene Zauberer, die mühelos auf dem Boot herum tänzeln. Aber in dieser Nacht machen sich die Thunfische rar

Der alte Samara traut keinen Statistiken, er weiß nicht, was eine Statistik ist. Er nimmt einen Schluck von dem gelben Arrack und rotzt ins Meer.
„Trennt die Batterie ab und holt die Boje rein.“
„Noch drei Stunden bis Sonnenaufgang.“
„Die Fische hassen die Helligkeit.

Wie mahagonifarbene Zauberer tänzeln die Männer über den Rumpf. Der alte Samara schmeißt den Außenborder an, steuert nach Osten. Ab und zu spritzt Gischt übers Boot, aber das Wasser ist warm und mild. Bandara und Raju essen die letzten Reisklumpen und zwei Fliegende Fische, die aufs Boot sausten. Das Messer ist alt und rostig, und sie essen mit den Fingern.

Sie bringen das Netz später noch einmal aus, ziehen es wieder rein, die gleiche, zähe Prozedur. Auf Rajus dunklen Unterarmen treten die Venen hervor wie blaue Stromkabel. Rund-herum nur Wasser. Nicht ein anderes Boot ist zu sehen. Nur der Indische Ozean und der Himmel.

Inzwischen ist die Sonne aufgegangen, ein roter Ball, der schnell stieg und dann gelb wurde und nun verblasst ist. Weiß vor Hitze steht das ewige Feuer senkrecht am Himmel.

Vier kleine Tunas, ein King Fish, zwei Snapper, die in der Styroporkiste landen. Die Beute der Nacht und des angebrochenen Tages. Der Fang wird ihnen vielleicht 3000 Rupies auf dem Markt einbringen, wenn sie Glück haben. 3000 Rupies sind umgerechnet 18 Euro; das geteilt durch drei, minus die Pacht fürs Boot, die Reparaturen, die eigenen Familien, das Leben.
Gegen Mittag treten sie die Rückfahrt an. Die 15 Seemeilen zurück zur Insel dauern zwei Stunden, das Boot rauscht durch ein obszön blaues Meer, auf dem die Strahlen der Sonne silbrig zerfließen. Ein grüner Saum erscheint irgendwann vor dem Bug am Horizont. Die Küste und die Kokosplamen Sri Lankas.

Die drei teilen die letzte Zigarette, aber Bandara hat noch ein paar Bidis in der Tasche. In Ebenholzblätter gerollter Tabak, der stark ist und beim Rauchen in der Kehle kratzt wie eine Drahtbürste.

„Bei Vollmond gehen wir zum Priester“, sagt Raju. Er hängt am Bug, hat sich eine Plastik-plane über den Kopf gehängt, gegen die Sonne.
„Die Fische und Lord Buddha.“
„Die Fische und das Glück.“
„Redet nicht, ist nicht gut, so zu reden. Bindet den Kanister mit dem Reservebenzin los und gebt ihn mir.“

Der alte Käpt’n Samara hockt hinten am Außenborder, steuert mit dem Fuß. Er hat sich das T-Shirt ausgezogen und es sich um den Kopf geknotet, und man kann seinen fettlosen, kargen sechzigjährigen Körper sehen. Mit schmalen Augen blickt er auf das gleißend helle Wasser. Der Geist mit den dünnen Beinen, der noch nicht so recht glauben kann, dass sein Meer nicht mehr das selbe ist.

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