Auf der Walz

Seinen Namen hat er abgelegt, sein Werkzeug trägt er in seinem Bündel, seinen ganzen Besitz am Mann. So zieht der letzte Bootsbauwanderer durch die Welt, von Werft zu Werft

Der Mann dieser Geschichte hinkt unserer Zeit achthundert Jahre hinterher. Er hat für drei Jahre und einen Tag seinen Nachnamen abgelegt und besitzt nur das, was er tragen kann. Seinen geschnürten Bündel, den er »Charly« nennt, und seinen »Stenz«, den Wanderstock, gewachsen aus dem brau-nen, verdrehten Holz des Buchsbaums. Er fand ihn in einem Wald bei Freiburg.

Sein Stock und seine Füße tragen ihn durch die Lande, wie im Mittelalter. Er war schon auf den Lofoton, schaffte es nach Norwegen, England, Frankreich, Deutschland, Spanien, Portugal. Oft wartet er an Kreuzungen, Haltestellen, Straßen. Klappt den Arm aus und den Daumen hoch, um ein Auto zu erwischen, in dem eine unerschrockene Seele einen Platz offeriert.

Wenn nichts mehr geht, steht er gelegentlich an einem Bahnhofsgleis, richtet eine höfliche Ansprache an einen Schaffner, mit der Bitte, ihn umsonst reisen zu lassen. Doch die Vorschriften und Menschen kennen heute keine Lücken, keine Gesten mehr. Sie wissen nicht mehr, was das ist: ein Auge zudrücken. Die Herzen der Schaffner sind hart geworden. Der Mann dieser Geschichte berappt fürs Reisen kein oder kaum Geld, weil dies unzünftig ist. Die Zünftigen tun so etwas nicht, weil es am Ende nicht nur die Freiheit, sondern auch die Wahrheit kostet. Der Mann sagt: »Was erzählt denn schon das Geld über einen Menschen?«

Der Mann dieser Geschichte besitzt kein Handy, keinen Computer, seine Zunft lehnt auch dies ab. Eine freie Mailadresse hat er sich schon eingerichtet, aber zu was taugt sie? Die schnell gehackten Buchstaben machen dich blind, und so schaut er nur alle paar Monate in die Weiten dieses Netzes, an dem wir alle hängen wie die Junkies. Der Mann sagt: »Ich möchte mit den Menschen sprechen und ihnen in die Augen blicken. Sonst wissen sie ja gar nicht, wer ich bin.«

Drei Monate wird es dauern, den Mann über das Telefon eines Fremden zu erreichen. Acht Monate wird es dauern, den Mann schließlich zu treffen, um mit ihm über das zu sprechen, was er tut und was er ist. Sein linkes Ohrläpp-chen durchbohrt eine große Schraube. Seine Hose endet in einem gewaltigen Schlag, damit keine Späne in seine Stiefel fallen. Seine Gürtelschnalle ziert ein altes Segelschiff.

So zieht er fröhlich durch die Weltgeschichte und pfeift auf die moderne Gesellschaft.
Der Mann dieser Geschichte ist einer der letzten Bootsbauer, die noch auf Wanderschaft gehen. Die wie vor hunderten von Jahren von Werft zu Werft tingeln, anklopfen und nach Arbeit fragen. Die hier einige Planken austauschen, dort ein Teakdeck legen und zwei Küstenorte weiter dabei helfen, einen Klüverbaum zu schäften. Danach ziehen sie weiter. In die Welt, irgendwohin.

Es soll in Europa nur noch vier, fünf dieser wandern-den Bootsbauer geben. Sie sind meist allein unterwegs. Verstreut, auf Abwegen. Wer weiß schon, wo sie gerade weilen? Nicht mal ihre Mütter wissen es.

Der Bootsbauer legt ein schwarzes Buch auf den Tisch. Es ist das Logbuch eines Herumgekommenen. Es lebt

Vor neun Wochen, über das Handy eines Fremden, hatte der Mann gesagt, er würde Anfang Juli auf Rügen sein. Es folgte kein weiterer Anruf, keine weitere Mail. So muss es früher einmal gewesen sein, als die Menschen nicht im Minutentakt mailten und simsten – sondern sich verabredeten. In zwei Monaten, dann und dort. Das Wort galt.

Anfang Juli steht der Mann, wie verabredet, vor dem Gesindehaus der Wanderburschen in einem Wald von Rügen. Er trägt seinen Hut, seine Weste, seine Schlaghosen. Er ist sehr groß und sehr dünn.
»Nenn mich Michi«, sagt er. »Wenn du unbedingt einen ganzen Namen brauchst, dann schreib diesen: Michael Fremder Freireisender Bootsbauer. Meinen Familiennamen behalte ich meistens für mich. So haben wir es schon immer gemacht.«

Nebenan liegt die Walhalla-Werft von Posewald, stilles, grünes Rügen, und in der alten Halle stehen einige jener Vehikel, die ebenfalls eine Spur langsamer ticken und sich keinen Moden mehr unterwerfen müssen: alte Schiffe aus Holz. Der Mann namens Michi wird einige Tage hier bleiben, ein wenig beim Bootsbau helfen und in der selbst gezimmerten Herberge der Wanderburschen nebenan schlafen. An der Wand der Bude hängen Gitarren, die Weltkarte ist auf die Wand gemalt, ein altes Segelschiff. Eine Kerze brennt.

Michi trinkt einen Schluck Wein und legt ein kleines schwarzes Buch auf den Tisch. Es ist das »Wanderbuch des reisenden Bootsbauers«. Schon früher betraten die Zunft-gesellen immer zuerst das Rathaus, wenn sie in eine fremde Stadt kamen. Der Bürgermeister setzte seinen Stempel in das Buch, ein offizielles Zeichen des Willkommens, einst eine Art Visum. Der Wanderbursche durfte in der Stadt bleiben und Arbeit suchen. So machen sie es heute noch, und als Michi das kleine schwarze Buch aufschlägt, beginnt es zu duften und zu erzählen. Jede Seite kennt eine andere Geschichte, weiß von einer weiteren Reise. Das Logbuch eines Herumgekommenen. Es lebt.

Auf einer der Seiten hat der bekannte Bootsbauer Ashley Butler ein Segelschiff skizziert, widmet Michi einige Zeilen und wünscht ihm zum Abschied stets gute Winde. Michi verbrachte mal drei Wochen bei Butler in England, beplankte dort einen 66 Fuß langen Brixham-Trawler von 1936.

Signaturen übersäen die Seiten. Stempel der Hanse-stadt Hamburg, des Bristol Council, Wappen von Gemeinden in der Bretagne und der finnischen Einöde. Fotos sind zu sehen, Schiffswracks, Widmungen, Wünsche. Mit Bleistift hat eine Segelmacherin ein Bild auf die nächsten Seiten gezeichnet: wie die Bootsbauer in Frankreich gemeinsam unter dem Rumpf eines alten Kahns stehen, beplanken, kalfaten, schleifen. Das war beim Chantier Naval Pleine Mer in Douarnenez. Ein halbes Jahr zog Michi durch Frankreich, von einem Fischerort, von einer Bootsbaustelle zur nächsten. »Frankreich«, sagt er. »Die schönsten Zeiten hatte ich vielleicht in Frankreich. Ich werde sie nie vergessen, und nach ein paar Wochen wusste ich, was Stecheisen, Ziehklinge und Bronzeschraube auf Französisch heißt.«

Das schwarze Buch blättert sich wie eine endlose Reise durch die nahen und fernen Winkel der europäischen Boots-bauwelten. Am »International Boatbuilding Training College« im englischen Lowestoft lernte Michi ein Jahr lang sein Handwerk, 22 war er da. Schwalbenschwanzverbindungen, Steven bauen. Decksbalken, Planken und Kiel legen. Danach ging er auf die Walz und in die Welt. Die Meister schickten ihre Gesellen schon weiland fort – auf dass sie andere Werften besuchten, neue Techniken lernten, ihre Wissen erweiterten und fremde Menschen trafen. Eines Tages, hofften die Meister, würden ihre Gesellen wiederkommen. Würden bleiben, Geschichten aus der Welt mitbringen und gute Arbeit verrichten.

Er restaurierte Kutter in Frankreich, legte Decksbalken in Norwegen und schlief auf einem Kneipentisch, der ein Sarg war. Wenn er erzählt, rieseln die Reisen aus seinem Hirn

Also ging Michi los, anno 2009, und wanderte die 50 Kilometer aus seiner Bannmeile heraus. Bis heute will dies die Tradition der alten Gewerke aus dem Mittelalter. Mit Freunden und Familie feierten sie die Losgehparty, Michi kletterte über das Ortsschild seines Heimatorts Pappenheim und versprach, sich diesem in den nächsten drei Jahren und einem Tag auf Wanderschaft nicht näher als 50 Kilometer zu nähern. In die Fremde ziehen, Erfahrungen sammeln, nicht an Mutters Schoß kleben: Darin steckte früher der Sinn dieser Abmachung, und damals, vor 200, 300, 800 Jahren, waren 50 Kilometer eine Weltreise.

Aber heute steht die ganze Welt offen, die Länder, die Menschen. Bald landete der numehr freireisende Bootsbauer Michi in Rognan, Gemeinde Nordland, Norwegen. Grub dort in einem Moor Kiefernwurzeln aus. »Perfekt gewachsenes Holz für Wrangen und Steven«, sagt er. Michi arbeitete auf der Insel Kjerringøy, lernte nun Norlandboote zu bauen. Im französischen La Ciotat schweißte er Stahlboote, restaurierte in Brest zwei Monate lang ein altes Sandlade-schiff; neue Schlingen, neue Decksbalken, 20 mal 20 Zentimeter stark. Er verbrachte ein Jahr bei österreichischen und Schweizer Werften, am Niederrhein zog er für einen Privatauftrag eine Motoryacht ab und lackierte sie wieder hoch. Am Bodensee, bei Beck & Söhne, laminierte er ein Fischerboot, verklebte einige Werften weiter das Teckdeck eines 22er Tourenkreuzers. Auf einer anderen Werft machte er in Formenbau mit Gfk.

An der Côte d’Azur lag er auf dem Achterdeck der »Cassiopeia«. Nuten fräsen, Nähte ausgießen. Auf einem Finkenwerder Fischkutter segelte er eines Tages nach Schott-land, musste auf See das Piekfall der Gaffel reparieren, die Messingplatten des Bugspriets erneuern.

Er überholte Masten in Kappeln, einen Haikutter in Flensburg. An der Elbe baute er eine Halle für die Restaura-tion einer 7mr-Yacht von 1914 und half in Harburg beim Innenausbau des Topsegelschoners »Fridtjof Nansen«.
Michi sitzt am Tisch der Gesellenbude, seine Finger streichen über das schwarze Buch, als er so aus seinem Leben erzählt und sich seine blonden Dreadlocks im Weinglas spiegeln. Wanderburschen sind Storyteller, es liegt im Wesen der Sache. Die Reisen rieseln aus seinem Hirn.

Wie lange ist er nun schon unterwegs? Wie lange ohne Zuhause? Drei Jahre sind’s und sechs Monate, das ist länger als nötig, um seine zünftige Zeit als Wanderbootsbauer offiziell abmarschiert zu haben. Doch kann er sich noch nicht so ganz trennen von diesem Lebensstil, den es ja eigentlich gar nicht mehr gibt. Michi ist inzwischen 29; über ein Dutzend Länder hat er gesehen, zig Schiffe bearbeitet, Hunderte Bootsbautricks gelernt und noch mehr Menschen getroffen. Und immer zieht er weiter. Marschiert irgendwann davon, seinen Stock übers Kreuz gewuchtet, den Bündel an der Hüfte. Zur nächsten Straße, irgendwohin. Norden, Süden, Osten, Westen.

»Sind es die Boote, die dich treiben, locken?«
»Ja, die Boote, sicher. Das Arbeiten und Leben auf den Werften. Aber da ist noch etwas anderes.«
»Was?«
»Ich weiß nicht, vielleicht so ein Lebensgefühl, eines, das heute kaum einer mehr kennt.«

So redet ein wandernder Anachronismus. Einer, der aus der Zeit gefallen ist. Und vielleicht geht es in dieser Geschichte darum auch gar nicht so sehr um Schiffe, sondern um den Versuch, uralte Werte auf unsere moderne Welt loszulassen. Sieben Schächte existieren heute noch, Bruderschaften wie die rechtschaffenden Fremden, die ihre Gesellen auf Wanderschaft schicken. Vielleicht 500 Schachtreisende vieler Gewerke ziehen noch durch die Lande, Zimmermänner, Schuhmacher, Maurer, Tischler, Steinmetze. Wandernde Bootsbauer aber sind kurz vor dem endgültigen Aussterben. Die Ehrbaren unter den Schächten tragen Schlipse, nicht so Michi. Er ist keiner Gesellenvereingung beigetreten, er ist ein Freireisender. Darum auch der Kragen seines weißen Hemds. Sein Kragen ist stets nach innen eingeschlagen, kein Schlips. Das Zeichen der Nichtzugehörigkeit.

Um loszuziehen, müssen die Burschen ihre Gesellenprüfung vorweisen. Sie müssen bis heute schuldenfrei sein und ledig. Sie dürfen keine Kinder haben, keine Vorstrafe. Es sind die Voraussetzungen, um frei reisen zu können, ohne Lasten, ohne zurückbleibende Verantwortungen. Und ohne ihresgleichen in Verruf zu bringen.

Nirgends sollen sie Müll hinterlassen und stets ihre Kluft tragen. Weste, Schlaghose, Hut, Jacket, schwarze Lederschuhe, weißes Hemd. Sie tragen die Zunftkleidung sommers wie winters. Michis Dreiteiler ist aus Cord und schwerem Deutschleder gefertigt, die Sachen müssen halten, lange. Drei Hemden hat er dabei, zum Arbeiten, zum Reisen; mehr nicht. Die Gürtelschnalle zeigt das Zunftzeichen. Früher konnte so jeder sehen, welche Art von Arbeit der Fremde im Ort anzubieten hatte. Eine schlichte Form der Eigenwerbung, ohne jegliches Geschrei, Gebimmel.

»Man mag ja heute lachen über unsere Klamotten, und auch ich lachte erst. Aber es steckt mehr dahinter.« Michi steht am steinernen Ofen, schnippelt Gemüse fürs Abendbrot. Die acht Knöpfe auf seiner Weste stehen für acht Stunden Arbeit am Tag, die sechs Knöpfe am Jacket für sechs Tage Arbeit die Woche. Damals die stille Forderung nach gerechtem Arbeiten; niemand sollte die fremden Wander-burschen ausbeuten. Dazu die drei Knöpfe, jeweils links und rechts an den Ärmeln. Sie stehen für die drei Lehr- und die drei Wanderjahre. Erst danach war man so richtig fertig, besaß genügend Erfahrung.

Die acht Knöpfe an seinem Jacket sind aus Perlmutt. Früher dienten sie als Notgroschen, die Wandergesellen konnten damit zahlen. Die Knöpfe waren aber auch ein selbst auferlegtes Ehrenzeugnis. Wer sie noch alle vor dem Bauch trug, demonstrierte: Ich halte meine Moneten zusammen, ich habe sie nicht versoffen, ich bin ein anständiger Kerl. Eine hübsche Vorstellung: Heute mal jedem Bürger auf den Wanst zu schreiben, wie hoch seine Schulden bei der Bank sind. Ob der Porsche auch bezahlt ist. Vom Staat ganz zu schweigen.

»Warum trägst du so eine große Schraube im Ohr?«
»Ja, die Schraube, das ist auch so eine Sache.«

Michi muss wieder etwas ausholen, muss erklären, weil alles an ihm keiner Mode folgt, sondern auf Bräuche und Gepflogenheiten aus längst vergessenen Tagen zurückgeht. Auch ihn nagelten die Kollegen zuerst an einer Tischplatte fest, bevor er losmarschieren durfte. Sie trieben ihm einen Nagel durchs Ohrläppchen, bis er mit seiner Wange auf der Holzplatte klebte. »Nein, es tat nicht weh, nicht schlimmer, als würdest du dir ein Ohrloch stechen lassen.« Die Gesellen müssen anschließend, während sie noch am Tisch festgenagelt sind, ein Versprechen leisten. Über ihre Lippen muss kommen, dass sie sich zu irgendeiner guten Tat verpflichten, etwas zurückgeben. Eine Holzhütte bauen für Arme auf dem ungarischen Land, ein Feld bestellen, einen sozialen Dienst leisten. Irgendetwas Sinnvolles, irgendwann, irgendwo, aus freiem Herzen. Erst dann werden sie ausgelöst.

Danach bekamen sie früher an der Stelle des Nagels einen goldenen Ohrring verpasst, mit dem sie eines Tages ihr Begräbnis würden zahlen können. Wer sein Versprechen jedoch nicht hielt und nur hohl geschwätzt hatte, dem wurde dieser goldene Ring aus dem Ohrläppchen gerissen. Es blieb eine Narbe zurück, eine Spur.

»Jetzt weißt du, woher das Wort Schlitzohr kommt.« Michi zerlegt eine Karotte, halbiert eine Aubergine.
Und die Schraube? »Gold tragen wir heute nicht mehr. Ich bin Bootsbauer, darum die Schraube. Und außerdem: Ein goldener Ohrring reicht heute eh nicht mehr für dein Begräbnis.«

Es gibt Essen, Gemüse, draußen liegt Fleisch auf dem Grill. Durch den Wald von Rügen fällt die Sonne wie ein Bündel dunkler Strahlen. Ob er oft Hunger gehabt habe auf seinen Reisen?
»Ich esse viel und gut, das Essen ist essentiell auf Wanderschaft, sonst hält du es nicht durch. Ich habe Walfleisch in Norwegen gegessen, die besten Desserts in Frankreich. Ansonsten Döner, ein Laib Brot, Butter, Käse, das ist der Standard. Sicher, ich weiß, was Hunger ist.«
»Wie ist das mit dem Geld, mit wieviel kommst du aus?«
»Mit dem Geld, das ich habe.«

Michi sitzt am Feuer. Seine Stiefel sind abgetreten. Sie würden nur ein Vierteljahr halten, sagt er, danach sei die Sohle abgelaufen. Fünf Kilometer Gehen am Tag, schätzt er, sei sein Schnitt. Ansonsten viel »Pony-Express«, so nennt er es, wenn er trampt. In Finnland stand er mal anderthalb Tage im Regen, »am Arsch der Welt, dafür mitten in der Moskitohölle«. Erst dann hielt ein Wagen. Beim Essen hat er seine Jacke ausgezogen, sie wiegt schwer, vier, fünf Kilo bestimmt, ihre vielen Taschen stecken voller Sachen. Was hat er dabei? Womit kommt er aus? Wie geht das? Michi lächelt kurz. »Du kommst mit sehr wenig aus. Du denkst nur, dass es nicht geht, aber es geht. Es geht sogar wunderbar.«

Seine Klamotten trägt er am Leib. Sein Stock ist immer dabei. Früher haben sie sich damit verteidigt, wenn Strolche des Weges kamen. Heute hilft der Stock beim Wandern, dient als Zeichen der Zunft. Natürlich bringt der Stenz auch Glück und besitzt seltsame Kräfte. »Du kannst die Frauen mit ihm verzaubern.« Michi hat seinen Schlafsack immer dabei. Sechs Paar Socken, sechs Unterhosen, einen Pulli für den Herbst, den Winter. Eine Trinkflasche voller Wasser, das Wanderbuch, ein Adressbuch, die Sozialversicherungskarte, eine Deutsch-land- und eine Europakarte, Zahnbürste, Reisewaschmittel, chinesische Essstäbchen, Taschenmesser, Mundharmonika. »Steckt alles in meinem Bündel und in meinen Jackentaschen.«

Unterwegs hat er viel Zeit zum Lesen. Er entdeckt den Wallenstein, Hesse, Mann, Shakespeare. Ist ein Buch gelesen, verschenkt er es. »Möge ein Fremder den Schatz entdecken«

Zum Arbeiten, eingerollt in Schlafsack und Bündel, hat er stets zwei Stemmeisen dabei, eine Japansäge, einen kleinen Winkel, einen Zollstock, eine Schmiege, Leatherman und Staubmaske. »Damit lässt sich an Holzbooten das wichtigste verrichten, ich kann ja nicht ohne alles bei einer Werft ankommen.«

Immer hat er auch Brot für den Kopf dabei: Lektüre. »Das ist wichtig, das ist wie essen, du hast unterwegs viel Zeit zum Lesen, gibt es etwas Besseres?« Die Reclam-Bände seien eine wundervolle Erfindung. Klein, leicht, gelb, gehaltvoll. So hat er den Wallenstein entdeckt, Hesse, Mann, Shakespeare. Ist ein Buch gelesen, schenkt er es einem Fremden mit besten Empfehlungen; eine neues wird sich immer irgendwo finden. Überdies hat Michi immer Seifenblasen dabei. »Perlen in der Luft, schön sehen die aus.«

Wo er sich bettet, das sind nicht immer Perlen. Er hat schon auf Wiesen geschlafen, am Wegesrand, in Raststätten. In Werfthallen: auf Schiffen, neben Schiffen, unter Schiffen. Er landete bei Fremden auf dem Sofa, auf dem Teppich, in einem warmen Bett. Er schlief schon in einem Fünfsterne-Hotel in Regensburg, weil er abends einfach an der Rezeption fragte und die an der Rezeption noch wussten, wie man ein Auge zudrückt, und einfach ja sagten. Er schlief schon unter Brücken, in Umzugshängern und Containern. Strand, Partykeller, Hängematte. In Punkerbuden und bösen Höhlen fand er sich wieder und kuschelte sein Ohr im thüringischen Altenburg auch schon mal auf einen Sarg, der dort als Kneipentisch in einer Pinte diente.

»Manchmal schlafe ich auch eng umschlungen und sehr warm, wenn du verstehst. Aber das kommt eher selten vor.« Michi, der schon überall und nirgends war. Von Werft zu Werft zu reisen heißt vor allem, die Welt sehen. Fragen, begreifen. Menschen ins Herz schließen, andere lieber wieder ganz schnell vergessen. Es verschlug ihn zum Kölner Karneval, nach Paris, zum Maritimfest nach Brest. Er landete in Porto und Granada, zwischendurch Berlin, aber nicht zu lange. Lieber weiter. Nach Dänemark, hoch nach Karlsøy, eine Insel nördlich von Tromsø. Da bauten sie dann endlich wieder Schiffe. Mit zwölf brachte ihm der Vater früher das Segeln auf dem Brombachsee bei, die Oma bezahlte den A-Schein auf dem Chiemsee. Als Kind und Teenager stand Michi oft in der Werkstatt seines Vaters, der malte und Skulpturen aus Holz erschuf. Kettensägen standen herum, neben Stecheisen, Farbpötten, Pinseln und impressionistischen Bildern. »Daher habe ich wohl mein Faible für Werkbänke, Werkzeuge, Segelschiffe und diesen Geruch von Holz», sagt Michi.

Zwei Tage später, ein warmer Julimorgen, will er weiter. Er hat jemanden kennengelernt, der ihn mit dem Segelboot von Rügen ans Festland mitnimmt. Zwölf Seemeilen südlich, zur Holzbootwerft von Kirsten Dubs in Freest. Da sollen sie einen großen Seefahrtskreuzer restaurieren, an Fischkuttern arbeiten. Dort könnte es Arbeit geben.

Michi kommt mittags zum Steg, bepackt wie üblich. Zwischendurch ein bisschen segeln, auf diesem Schiff, auf jenem, das gehört zum Job. Um eins legt das Boot ab, Michi sitzt an der Pinne, schaut den Mast hoch und philosophiert ein bisschen in den Himmel.

»Meine Reise kannst du nicht buchen. Ist eine Lebensreise. Die machst du nur einmal, aber du vergisst sie nie wieder.« Manchmal, wenn er in einer Kneipe sitzt, schütten ihm die Leute ihr Herz aus. Erzählen alles, ihr Leben, ihre Sorgen. Vielleicht weil das einfacher ist bei jemandem, der kommt und wieder geht. Bei einem Freien. Der hat zwei Ohren, der hört zu. »Seltsam«, sagt Michi, »wir sind doch keine Psychiater.« Wie viele Stimmen – Männer, Frauen, Junge, Alte – haben wohl schon zu ihm gesprochen, von Barhocker zu Barhocker? Michi sagt: »Ich könnte mich eine Stunde lang über die Menschen auskotzen. Dann wieder könnte ich eine Stunde davon schwärmen, wie sie dir ihr Herz öffnen. Ich habe alles gesehen, es ist alles dabei.«

Sogar er selbst. Auch über sich habe er einiges gelernt. »Wie du tickst, was du aushälst. Wann du weitermachst, wann du aufgibst.« Das alles stünde ja nirgends geschrieben. Im Reisen, im Unterwegssein, da schon. »Vorwärts immer, rückwärts nimmer«, so laute der Spruch der Freireisenden. Nach zwei, drei Stunden auf dem Wasser tucht Michi das fremde Segel beim Einlaufen auf, klariert die fremden Schoten, steigt vom Schiff und belegt die Festmacher. Er muss das alles schon oft gemacht, seine Hände erledigen die Griffe auch auf unbekannten Planken wie im Schlaf.

Freest ist ein kleiner Ort im deutschen Osten, die Peene fließt hier grünbraun in den Greifswalder Bodden, Schilf wächst. Gegenüber liegt Usedom, Peenemünde, wo Wernher von Braun für Hitler die Vergeltungsraketen ersann, jener Mann, der die Amerikaner später zum Mond schoss. Aber was sind schon Raketen gegen Boote?

Michi steht vor einer wunderbaren, windschiefen alten Werfthalle, auf dem Slip werden gerade die letzten Plankenstöße eines Fischkutters gedichtet, Segelyachten liegen im kleinen Hafen, drei hölzerne Kreuzer stehen aufgebockt auf dem Werftgelände. Michi verschwindet unter Stellagen, schreitet durch ein Gewühl aus Holzbrettern, Paletten, alten Schubkarren und Böcken. Dann stellt er Bündel und Stock bei den Gesellen ab, die auf dem Gerüst unterm Rumpf hocken und die Planken pönen.

Michi schaut sich um, streicht über die Proppen des Rumpfes, spricht mit den Gesellen. Bei der Bootswerft Freest gäbe es gut zu tun, vermeldet die Chefin, die aus der Halle dazu kommt. Den ganzen Sommer über. Was er denn so alles gemacht habe? Wo er schon überall war?
Wanderbootsbauer Michi zieht sein schwarzes Buch aus der Westentasche. Die Seiten antworten, nicht er.
Wie lange er denn bleiben könne?

»Ich habe alle Zeit der Welt«, sagt der Mann dieser Geschichte, der unserer Zeit achthundert Jahre hinterhinkt, der kein Handy und keinen Computer besitzt und vorübergehend ohne Nachname auskommt.
Michi dreht sich eine. Steht leise zwischen den Schiffen und Spänen, groß und schlank, in Weste und Hut, mit Schraube im Ohr und Perlmutt vor dem Bauch. Wie einer, den es eigentlich gar nicht mehr gibt.

Text und Fotos © Marc Bielefeld

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