Das zweite Leben des Knude Fyr

Wie ein guter Freund thront der Leuchtturm Knude Fyr über der Steilküste vor Skagen. Seit 120 Jahren hält er eisern die Stellung. Nun ist er umgezogen

Eine Brise Sand fegt mir ins Gesicht, zwischen den Zähnen knirscht es. Die feinen Körner fliegen überallhin, kratzen auf den Kontaktlinsen. Und es kommen immer neue Böen: Auf den letzten Metern zum Leuchtturm zeigt der Wind seine Macht. Er faucht hier oben im Norden Dänemarks so heftig über die große Wanderdüne, dass er sie stetig weitertreibt. Ich bin auf dem Weg zur Rubjerg Knude. Knude ist das dänische Wort für Sanderhebung – und mittendrin steht das Knude Fyr. Ein wunderschöner alter Leuchtturm. Ein einsames Wahrzeichen an der Küste des Skagerraks.

Ich will das stolze Bauwerk noch einmal an seinem ursprünglichen Ort sehen. Denn der Leuchtturm zieht bald um. Nicht weit von hier liegt der nördlichste Zipfel Jütlands. Dort treffen Nord- und Ostsee unter lautem Wellenbruch aufeinander. Grenen, ein magischer Ort. Und Blickfang für viele Kameras. Diese kahle Küstenwelt. Die wenigen gelben Häuser, die dem Wind trotzen. Das raue Meer, die verwaschenen Steine. Die Weite.

Ich betrete den geschwungenen Wanderweg zum Leuchtfeuer. Die ganze Gegend wirkt provisorisch, als stünden neue Zeiten bevor. Die Farben entlang des steinigen Pfades wechseln von dunklem Grasgrün zu tonigem Gelb. Hier und da stehen Schafe, grasen unbeirrt vor sich hin. Orangefarbene Seedornbeeren leuchten am Wegesrand, und auf den letzten Metern wollen meine Turnschuhe schon im steilen Dünensand versinken.

Und da steht es nun, wie ein alter Freund, das Rubjerg Knude Fyr. Schon halb vereinnahmt von Sand und Wind thront es an der Abbruchkante der Steilküste. Eine kantige und sandfarbene Gestalt, regelrecht eingebettet in diese fließende Landschaft. Heraus ragt das rote Lampenhaus aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende. Seinen Dienst hat der Leuchtturm seit den 1960er-Jahren allerdings längst quittiert. Lange war er danach geschlossen, bis dänische Architekten ihm 2015 neues Leben einhauchten: als gigantisches windbetriebenes Kaleidoskop, das Licht und Reflexionen wie in Kaskaden auf die Dünen wirft. Und man kann sie sogar sehen, die gewaltigen dreieckigen Spiegel, die sich im Wind drehen. Ein Stahltritt führt ins Innere, von außen dringt Licht durch schmale Fenster in den Turm. Ich ziehe mir die Kapuze über den Kopf und wage mich an den bröckelnden Dünenrand; weit und steil geht es bergab. Noch immer kämpfe ich mit den fliegenden Sandkörnern. Traue mich nicht mal, das Smartphone aus der Tasche zu holen. Gut so. Lieber diesen Blick auf meiner eigenen Festplatte speichern. Ein unvergesslicher Blick. Tosende Nordsee bis zum Horizont, auf der anderen Seite die stille Heidelandschaft. Doch bald kommt Bewegung in das malerische Szenario. Nach Berechnungen von Wissenschaftlern nämlich wird der Leuchtturm im Jahr 2023 ins Meer kippen. Ein 23 Meter hohes Bauwerk aus Stahl und Beton, das seit 120 Jahren in der dänischen Einsamkeit steht, Fischern und Frachtern jahrzehntelang den Weg leuchtete – und nun einfach in die Fluten stürzen wird.

Die Wanderdüne hat nun mal einen unstillbaren Hunger. Die Natur, der Wind, sie sind einfach zu stark. Die Nebengebäude wurden in den letzten Jahrzehnten bereits schlichtweg überweht. Heute liegen nur noch ihre Ziegel in der Gegend herum. Das Knude Fyr hingegen konnten Besucher als begehbares Kunstwerk noch lange besteigen. Aber als ich nun vor dem gutmütigen Leuchtfeuer stehe, ist die Tür bereits abgeschlossen. Absperrgitter umzingeln den eckigen Koloss. Die Gemeinde hat den Zugang ab jetzt untersagt. Denn es ist bereits kurz vor Kipp: Der arme Turm steht nur noch Meter vom Abgrund entfernt. Wie konnte es so weit kommen?

Alle 30 Sekunden sandte er einen langen Lichtstrahl und zwei kurze Blitze hinaus aufs Meer. Ein unverwüstlicher, ein treuer Riese, dessen Feuer die Seefahrer vor den Gefahren und Flachs der Steilküste vor Skagen warnte

Vor 120 Jahren, kurz vor Silvester 1900, wurde das inzwischen berühmte Wahrzeichen unweit einer noch unscheinbaren, etwa drei Meter hohen Düne eingeweiht. Vier Nebengebäude machten den Leuchtturm zu einer beachtlichen Festung, deren Signal man aus bis zu 42 Kilometern Entfernung sehen konnte. Alle 30 Sekunden sandte er einen langen Lichtstrahl und zwei kurze Blitze hinaus aufs Meer. Ein unverwüstlicher, ein treuer Riese, dessen Feuer die Seefahrer vor den Gefahren und Flachs der Steilküste vor Skagen warnte; und er war nur einer von 71 Türmen, die die Dänen damals bauten. Ein Leuchtturmwärter, ein Gehilfe und ein Heizer taten auf dem Knude Fyr fortan rund um die Uhr ihren Dienst.

Doch der Wind blies hier oben am Ende der Welt so stark, dass die Sandmassen über die Steilküste gekrochen kamen und schon bald nach den ersten Teilen der kleinen Leuchtturm-Siedlung griffen. Der Brunnen verschüttet, der Küchengarten unfruchtbar. Immer mehr Bauten verschlang der Wind, bis auch der Leuchtturm selbst langsam zu versinken begann und Ende der 1960er-Jahre vom Meer aus nicht mehr zu sehen war. Viele Male haben die Dänen Teile der Düne abgetragen, aber jetzt war endgültig Schluss. Als die ein Kilometer breite Wanderdüne auch noch eine Höhe von 50 Metern erreicht hatte, erlosch das Knude Fyr für immer.

Nun stehe ich direkt vor ihm im Wind. Und fast scheint es, als wirke der Turm ein wenig konsterniert. Denn inzwischen stehen moderne Arbeitsgeräte um ihn herum, und überall stapeln sich meterlange Metallschienen. Die Dänen haben jetzt einen neuen Plan ausgeheckt.

Eine wahnsinnige Idee heimischer Ingenieure: Sie wollen den Turm nun bald ausgraben und 80 Meter weit ins Landesinnere verholen. Wollen ihn sozusagen auf Rollschuhe stellen – und ihn im wahrsten Sinne des Wortes weg von der gefräßigen Steilküste fahren. Auf einer gigantischen, 14 Meter breiten Trasse soll der Koloss verschoben werden – an einem einzigen Tag. Die dänischen Ingenieure wollen ihn mit einer hydraulischen Vorrichtung anheben und mit acht Metern pro Stunde zu seinem neuen Standpunkt bringen. Was für ein Schauspiel! Und die Kunst wird vor allem darin liegen, dass der Turm auf dem Gefälle der Schienenkonstruktion nicht selbstständig ins Rollen kommt. Denn Bremsen wird es nicht geben.

An einer vermeintlich windgeschützten Stelle versuche ich doch noch ein Foto vom Turm und seiner Baustelle zu machen. Ich blicke auf die wenig romantischen Absperrungen, auf den Bagger, der schon parat steht. Der seltsamen Anziehungskraft des Leuchtturms kann das nichts anhaben. Noch mehr Besucher treten denn auch an diesem herbstlichen Tag an den Turm heran, setzen sich in Szene für ein Foto mit dem alten Seezeichen. Ihre Spuren im Sand aber sind schnell verweht, die Menschen schon bald wieder verschwunden. Nur das Fyr hält eisern die Stellung. Bis jetzt.

Ich frage mich derweil: Einen kompletten Leuchtturm zu versetzen, geht das überhaupt? Und vor allem: Warum treiben die Menschen am Ende diesen ganzen Aufwand? Die moderne Seenavigation bedient sich längst anderer technischer Hilfen, die Schiffe brauchen im Grunde gar keinen in die Jahre gekommenen Wächter der See mehr.

Vielleicht muss man ein wenig zurückblicken, um die Geschichte der Türme zu verstehen. Und nicht nur ihre Historie, sondern auch ihre Symbolik.

Seit über 2.000 Jahren bauen Menschen Leuchttürme, entfaltet sich die Magie dieser schlanken, hohen Bauwerke an den entlegensten Stellen der Welt. Und stets waren sie eine große Herausforderung für die Bauherren. Der römische Seehandel mit seinen Routen über den Atlantik bis zu den Karibischen Inseln beschleunigte den Bau der Türme, um die Ankunft der Waren zu sichern.

Der berühmteste und dienstälteste Leuchtturm ist der Torre de Hércules an der Nordküste Spaniens. Über Jahrhunderte war er Referenz und Vorbild für Architekten und Ingenieure aus der ganzen Welt. Erst im Jahr 1885 gelang es, einen Leuchtturm sogar direkt ins Meer zu bauen. „Roter Sand“ in der Deutschen Bucht, zehn Kilometer nordöstlich von Wangerooge, war damals eine bautechnische Sensation und gilt bis heute als Symbol für Standhaftigkeit und Ausdauer. Nie zuvor war es gelungen, ein Haus auf dem Meeresgrund zu befestigen. Um dies zu realisieren, ließen viele Baumeister die Arbeiter ununterbrochen schuften, denn die Arbeit an den exponierten Stellen sollte sich bei dem rasch wechselnden Wetter und den starken Winden bloß nicht in die Länge ziehen. Dafür mussten die Arbeiter sogar sonntags ran, am heiligen Tag der Ruhe. Rechtfertigen konnte diesen unermüdlichen Einsatz das einzige Gebot, das sich über das Wort des Herrn erheben durfte: die Pflicht, Menschenleben zu retten.

Leuchttürme. Sie trotzen dem Gebrüll der Zeit, der grassierenden Unverbindlichkeit. Alles lassen sie über sich ergehen – und stehen am Ende doch immer als schweigende Helden da. Solange sie nicht umkippen

Leuchttürme. Welche Bedeutung sie doch hatten! Und doch mussten sie ihre Strahlkraft einbüßen, verloren im Laufe der Zeiten ihre eigentliche Bestimmung. Mit der technischen Entwicklung waren die Seefahrer immer weniger auf die steinernen Riesen angewiesen – die von nun an eine ganz andere Rolle annahmen. Die tapferen Vorposten an den Küsten wurden zunehmend zu einem Symbol.

Zu einem Sinnbild und Sehnsuchtsort, der jetzt vielmehr für eine übergeordnete Form der Orientierung stand. Leuchttürme signalisieren auf ihre Weise Verlässlichkeit und Mut. An den wilden Klippen, vor Inseln und Riffen werfen sie ihr beruhigendes Licht in die Nacht. Vielerorts bieten sie den Ozeanwellen die Stirn – erheben sich aber nie über die Natur. Und noch etwas macht das Wesen der Türme aus. Sie trotzen dem Gebrüll der Zeit, der grassierenden Unverbindlichkeit. Alles lassen sie über sich ergehen – und stehen am Ende doch immer als schweigende Helden da. Solange sie nicht umkippen.

Langsam entferne ich mich von Knude Fyr, stapfe über die Steilküste und will mir den Blick noch einmal einprägen. Wie eine hohe Dünungswoge liegt die große Sand­düne unter dem grau zerfetzten Himmel. Vom Meer nähert sich eine Regenfront. Knude Fyr leuchtet wie ein heller Punkt, als die dunklen Wolken über es hinwegmarschieren. Schön, dass es noch ein zweites Leben vor sich hat, nur eben 80 Meter weiter östlich.

Text: Rike Sattler
Fotos: Hampus Per Berndtson

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