Das segelnde Gotteshaus

Mit ihrer Yacht »Duen« half sie armen Fischern, segelte mit ihrem Schoner über die Ostsee und bis nach Amerika – um das Wort Gottes zu predigen. Die kühne Gräfin Adeline von Schimmelmann ist eine der schillerndsten und doch unbekanntesten Figuren der deutschen Segelhistorie

Eine Horde dunkler Gestalten steht am Südstrand von Göhren, die Männer tragen schwere Wolljacken und Bärte, sie haben die Hände in den Hosentaschen vergraben und starren auf die Ostsee vor der Insel Rügen. Von Branntwein gezeichnete Gesichter blicken unter den Schiebermützen hervor, einer der Männer spuckt in den Sand. Es ist das Ende des 19. Jahrhunderts, für die Fischer an der pommerschen Küste sind es düstere Zeiten.

Die Herings-, Lachs- und Aalfischer hausen auf ihren offenen kleinen Booten, einige müssen am Strand schlafen, sie haben kaum zu essen. Viele sind mit ihren Booten von Usedom gekommen, aus Sassnitz, Stralsund, Warnemünde. In Göhren kommen sie oft zusammen, es gibt hier ein Salzlager, eine Lotsenstation. Der kleine Ort mit seinen 160 ständigen Bewohnern ist in diesen Zeiten so eine Art Knotenpunkt der Fischer – aber auch Göhren verändert sich.

Seit einigen Jahren blüht auf der Insel und an der Küste der Tourismus auf. Nicht mehr nur der Adel macht sich auf an die See, immer mehr normale Bürger zieht es zur Erhohlung an die Strände. Binz, Sassnitz, Lauterbach und nun auch Göhren: Viele Orte an der Küste verwandeln sich von Fischerdörfern zu Seebädern. Für manche ist das ein Problem. Fisch gibt es zwar massenhaft, aber die Preise sind erbärmlich. Hinzu kommt nun, dass die Fischer im adretten Betrieb an der Küste vielerorts nicht mehr gern gesehen sind. Sie haben blutverschmierte Hände, hantieren mit ihren Netzen, sie stinken. Es ist absurd: Doch ausgerechnet die Fischer der Ostsee passen auf einmal nicht mehr so recht ins Bild der Küste. Die Menschen rümpfen die Nase. In der „Illustrierten Zeitung“ ist 1897 zu lesen:
„Mit winzigen Booten gehen die Fischer auf Fang. Da Binnengewässer und Flussmündungen meist verpachtet sind, müssen sie weit hinaus auf See gehen und tagelang fort bleiben. Die wenigsten Boote haben eine Kajüte, um sich ein notdürftiges warmes Gericht zu bereiten. An Land erhalten die Fischer oft nur das Notdürftigste, und die wenigen Schenkungen, auf die sie angewiesen sind, müssen ihnen abends Erholung bieten für die Mühsal des Tages. Der Alkohol macht sich unentbehrlich, und der karge Verdienst ist rasch vertrunken. Zuhause herrschen bei den Fischern oft Armut und Elend.“

Das Resultat: Als die Badeorte sich nun mehr und mehr entwickelten und ein elegantes Hotel neben dem anderen entsteht, werden die Fischer, besonders auf Rügen, immer unbeliebtere Zeitgenossen.
Es waren jämmerliche Zeiten für die seegehenden Kumpels der Küste. Und so stehen sie an diesem Tag auf Rügen am Strand und schauen aufs Meer – denn dort tauchen die Segel eines kleinen Seekutters auf. Die Fischer wissen, dass wenigstens dort jemand an Bord ist, der sich um sie kümmert, der ein Herz für sie hat. Und diese Person ist eine Frau: die vielleicht schillerndste, umstrittenste und heute unbekannteste Erscheinung, die in der deutschen Segelhistorie zu finden ist. Eine Dame, adlig, fromm, exzentrisch. Eine unter kurzen Haaren ernst dreinblickende Missionarin mit rüschigem Kleid, weiter Bluse und einem blumenbesetzten Kapotthut auf dem Kopf.

Auf ihrem Segelschiff nimmt Adeline Gräfin von 
Schimmelmann nunmehr Kurs auf Rügen – denn sie segelt im Auftrag Gottes über die Ostsee.

Eine Frau als Missionarin, noch dazu eine, die mit eigenem Boot übers Meer segelt. Es ist ein Unding, viele können es nicht fassen. Die Fischer aber verehren sie

Kaum am Steg festgemacht, mischt sie sich unter die Fischer. Alle nennen sie „unsere Mudder“. Ein Beobachter wird sie später so beschreiben: „Eine durch Schönheit ausgezeichnete, noch junge und der höchsten Lebenssphäre angehörige Dame, die sich einer verwilderten Fischerbande annimmt.“

Adeline von Schimmelmann hat auf Rügen erste Seemannsheime gegründet, sie sammelt Spenden, steckt eigenes Geld in ihre Projekte und sorgt für warmes Essen. Immer wieder lässt sie Suppe und Brot an die Fischer verteilen, stellt in den Missionen sogar Köche ein. Dort können die Fischer auch schlafen, in mit Heu und Stroh ausgelegten Scheunen. 
Allemal besser als in den kleinen Booten, am Strand oder gar auf offener See zu nächtigen. Nebenbei hält Schimmelmann Vorträge, spricht die Worte der Bibel, um die Menschen zu erwecken und zu Gott zu führen.

Eine Frau als Missionarin, noch dazu eine, die mit eigenem Boot übers Meer segelt. Es ist ein Unding, viele können es nicht fassen. Die Fischer aber verehren sie.

Seit dem Jahr 1887 kümmert sich Schimmelmann immer mehr um die Seeleute, es ist ihre Berufung, ihre 
Mission. In nicht einmal vier Monaten verteilt sie 5622 Schüsseln mit warmer Nahrung, an einem Tag lässt sie durchschnittlich fünf Eimer Limonade und mehr als hundert Liter Kaffee ausgeben. Das Seemannsheim in Göhren liegt auf einer Sanddüne, mehrere Hütten sind es, aus denen die Schornsteine qualmen. Doch damit nicht genug. Sie bereist mit ihrem Boot bald weite Teile der Küste, um ihre Hilfe auszudehnen. In die Kneipen spaziert sie hinein, besieht sich die Spelunken, spricht mit den Fischern.

Immer wieder auch segelt sie mit kleiner Mannschaft hinüber zur Greifswalder Oie, einem winzigen Fleck im Meer, wo heute die Seegrenze zu Polen verläuft. Und auch dort pflegt sie ihre missionarischen Unternehmungen. „Häufig besuchte ich die Insel und leide immer viel unter Seekrankheit, aber es gibt leider kein Mittel dagegen“, schreibt sie einem „Streiflicht“ für ein Magazin. „In der Tat bin ich gezwungen, eine wirkliche Wasserratte zu sein, da ich die Fischerfamilien in den Dörfern an der Küste besuche, um ihnen mit Rat und praktischer Hilfe beizustehen.“
Sie gründet Lesezimmer, transportiert Bücher, Klamotten und Spenden auf ihrem Segelschiff. Ihren Koch weist sie an, Kartoffeln und Fleisch an Bord zuzubereiten – für die Fischer. Nicht wenige der Anwohner halten sie für verwirrt, sehen in ihr die Personifikation von Hybris und Häresie. Denn noch kennen sehr wenige Menschen das Wort „emanzipiert“. Schimmelmann aber interessiert das Gerede der Leute nicht. Sie hat nur immer dieses Lied auf den Lippen, das ihr schon in der frühen Jugend das Herz aufgehen ließ:

Weiße Möwen fliegen in der blauen Höh’
Weiße Segel wiegen sich auf blauer See


Bald hilft und missioniert sie in dreißig Dörfern an der pommerschen Küste, in acht allein auf Rügen. In einem Winter versorgt sie bis zu neuntausend obdachlose Fischer, später sind es sogar an die vierzehntausend. Und immer reist sie mit ihrem kleinen Segelschiff umher. Doch war dies erst der Beginn ihrer Taten: Denn bald sollte die Gräfin auf noch wesentlichen längeren Planken aufbrechen – die einzige Frau weit und breit, die ein Segelschiff zum Vehikel Gottes machte. Und sogar auf dem Boot lebte.

Schimmelmann aber interessiert das Gerede der Leute nicht. Sie hat nur immer dieses Lied auf den Lippen, das ihr schon in der frühen Jugend das Herz aufgehen ließ:
Weiße Möwen fliegen in der blauen Höh’
Weiße Segel wiegen sich auf blauer See

Im Juli 1854 wird Adeline in Ahrensburg geboren, sie ist die Tochter von Graf und Gräfin Schimmelmann. Später wird sie Hofdame der Kaiserin Augusta, führt ein edles Leben. Sie reist viel, auch nach Dänemark, wo die Schimmelmanns ein Anwesen besitzen. Mitglieder der Familie waren Ende des 18. Jahrhunderts in den dänischen Adelsstand aufgenommen worden, seitdem haben sie großen politischen und kulturellen Einfluss in Dänemark und Norddeutschland. Sie haben viel Geld, der Begründer der Adelsdynastie, Heinrich Carl Schimmelmann, soll mit dem Sklavenhandel zwischen Afrika und Amerika früher zu großem Reichtum gekommen sein.

Am Anfang des Jahres 1886 weilt Adeline in Berlin, und hier durchlebt sie einen jähen Sinneswandel. Sie hört die Rede des Bremer Pastors Otto Funke, sitzt mit anderen Gästen bei einem Teeabend in illustrer Runde. Es geht dabei viel um Erweckung, um Kollekten, um die Arbeit in der Gemeinde. Nach den Worten des Pastors, einem modern denkenden Mann, ist sie sicher, dass auch Frauen missionieren dürfen. Sie liest fortan immer öfter in der Bibel, beginnt zu beten. Und beschließt schon bald, ihr Leben fortan den Notleidenden und Elenden zu widmen. Ihr Vater ist in dieser Zeit schwer erkrankt, und es mag das erste Mal gewesen sein, dass sich die junge Frau mit Gedanken zur Erlösung beschäftigt. Mit dem Glauben an die Wiedergeburt und an den Himmel.

Bald darauf macht sie Urlaub auf Rügen, in dem kleinen Ort namens Göhren. Sie sieht die Fischer, deren Elend. Und fühlt sich sofort aufgefordert, zu helfen. „Ich versprach meinem Heiland, dass, wenn ich durch eine Lebenszeit von Mühe und Arbeit auch nur einer Seele den Weg zu Ihm zeigen dürfe, ich mich reich nennen würde.“ Selig macht sie sich ans Werk, um den Preis ihres Lebens und ihres Geldes. Denn sie ist inzwischen selbst reich; nach dem Tod ihres Vaters hat sie geerbt.

Bald kauft sie ihren ersten kleinen Seekutter und heuert eine kleine Mannschaft an; vom Segeln selbst hat sie kaum Ahnung. Doch so kann sie nun von Fischerdorf zu Fischerdorf kreuzen, um ihr ostseeisches Hilfsnetzwerk aufzubauen. Und sie weiß: Gott segelt an ihrer Seite. Mit ihrem kleinen Schiff fährt sie regelmäßig raus, um die Fischer sogar während der Fangtouren mit Kaffee und Lebensmitteln zu versorgen. Mitten auf See wirft sie die Leine über und macht längsseits fest. Das damals sogenannte »Kaffeeschiff« gerät 
dabei eines Tages in einen Herbststurm. In der Brandung unterhalb des Göhrener Fischerheims läuft das Boot auf einen Stein, kann erst nach acht Tagen aus den Wellen geborgen und an Land gezogen werden. Wie durch ein Wunder trägt es nur leichte Schäden davon, und Schimmelmann ist sich sicher: Dies ist die Bestätigung ihrer Arbeit von ganz oben, da war die Hand des Allmächtigen im Spiel.

Im Jahr 1895 trifft sie eine weitreichende Entscheidung. Sie kauft – offenbar zu einem erstaunlich günstigen Preis – ein größeres Schiff: einen 33 Meter langen und sechs Meter breiten Zweimastschoner, kräftig gebaut, um die 50 Tonnen schwer, geriggt mit „zwei hohen Untermasten, trapezoidförmigen und dreieckigen Segeln“. 1871 hatte ein Hofjägermeister die Luxusyacht beim dänischen Schiffbaumeister Eggert Christoffer Benzon in Auftrag gegeben, einem damals bekannten Konstrukteur, der Segel- und Dampfschiffe baute. Das Schiff hießt zunächst „Tumleren“, fuhr nach Südamerika und durch die Nordsee. Nach dem Tod des Ersteigners fiel es in die Hände von Prinz Valdemar von Dänemark, aber nun war es diese umtriebige deutsche fromme Frau, die die stolze Yacht kaufte. Schimmelmann ging das erste Mal an Deck, stellte sich hinters Steuerrad, besah sich die Segel, die hohen Masten. Sie taufte ihre neue Yacht auf den Namen „Duen“. Die Taube.

Auf einem alten Stich ist das Schiff zu sehen. Schlank und elegant sieht es aus, mit Besanmast und langem Bugspriet. An Bord weht die dänische Nationale, und Schimmelmann wird es dabei belassen. Sie stellt einen Kapitän namens Nolandt ein, dazu einen Geschäftsführer der Yacht sowie eine Crew von rund sieben Mann. Der erklärte Sinn der Sache: „damit ich meine Arbeit in der Ostsee fortsetzen und auch während des Winters an den Orten, wo es am nötigsten ist, eine Seemannsmission unterhalten kann.“ Viele runzeln die Stirn. Doch Schimmelmann ist nicht zu stoppen.

In den Zeiten des Kaiserreichs ist das ein Paukenschlag. Nur die Aristokratie besitzt Yachten, ein erlauchter Kreis steinreicher Privatleute, die Familie von Kaiser Wilhelm. Dessen stolze Yachten sind beliebte Bildmotive damals, Aushängeschilder der neuesten Technik. Vor allem aber: Segeln ist Männersache. Und nun mischt da diese Frau mit, und dies auch noch in hehrer Mission! Es ist ungeheuerlich. Die Zeitungen berichten bald regelmäßig, Leute kommen zu den Häfen, um diese segelnde Gottespredigerin zu sehen und einmal zu erleben. Adeline Gräfin von Schimmelmann wird eine Prominente, hier hoch geachtet, dort verschmäht als reiche Schrulle.

In Kopenhagen ließ Schimmelmann das Schiff überholen und neu ausrüsten, an einem Spätsommertag lief es aus, frisch getakelt und gelackt. Wie die Gräfin in der Erzählung namens „Vogelfrei“ schreibt, wurden Teile der Kajüte umgestaltet, mehrere Tische ausgewechselt und sogar eine Badewanne eingebaut. Offenbar nutzte sie das Schiff nun öfter auch als ihren schwimmenden Wohnsitz. Eine frühe Reise führt sie von Kopenhagen zurück nach Göhren auf Rügen, dann weiter nach Sassnitz und Stralsund. Noch am Nachmittag des Festmachens kommen sechzig Fischer an Bord, denn Schimmelmann hält eine erste Versammlung ab – auf ihrem Schiff. Durch Kajüte und Messe fliegen heilige Worte der Bekehrung, die Gräfin verteilt unter den Fischern und Zuhörern christliche Schriften und Neue Testamente. Und es dürfte das erste und auch das einzige Mal in der Geschichte gewesen sein, dass eine Segelyacht zu einem schwimmenden Gotteshaus wurde: geführt von einer Frau.Mit ihrem neuen Schiff geht die Gräfin bald auf weite
Reisen. Sie fährt nach Kollberg und Pillau, läuft mit der „Duen“ Stettin an, Königsberg, Swinemünde. Auf der Rückfahrt von Pillau gerät das Schiff in einen Orkan, wird bis an die schwedische Küste getrieben. Zurück in Ostpreußen, 
hält Sie Dutzende Vorträge, redet über Gott und Erweckung; und es werden immer Menschen, die ihr zuhören.

Ihren Brüdern und Schwestern allerdings sind die Machenschaften von Adeline schon lange ein Dorn im Auge. Als Frau wagt sie Dinge, die unerhört sind. Sie missioniert. Sie segelt. Sie weilt unter verrohten Trunkenbolden: den Fischern. Und für die gibt sie auch noch große Teiles ihres Vermögens aus. Ihr Bruder Willy geht mit ihr eines Tages in Kopenhagen ins Kommunehospital, angeblich, um dort den kranken Bruder Paul zu besuchen. Plötzlich aber wird Adeline Schimmelmann gewaltsam abgeführt: in die geschlossene Psychiatrie.

Die Geschwister stellen sie als eine Geistegestörte dar, der damals bekannte dänische Psychiater Knud Pontoppidan wird sie fast ein Jahr in seiner Abteilung behalten. Es ist die düsterste Zeit in Schimmelmanns Lebens, obendrein zerstören die Geschwister ihre Villa und rauben Teile ihres Eigentums. Eingestuft als „unzurechnungsfähig und gefährlich“, schmort die Gräfin monatelange im Irrenhaus – bis erst Freunde und deren Einfluss sie wieder herausbringen.

Ihren Weg zu Gott sieht sie darin nur bestätigt, auch wenn die Kirche sie nie unterstützt hat. Als freie Evangelisten setzt sie ihr Werk darum nur fort und steuert mit ihrer „Duen“ von nun an noch fernere Küsten an.

Mit Mannschaft und Kapitän an Bord fährt sie durch den Nordostseekanal, der erst kürzlich vom Kaiser eingeweiht wurde. Gut siebentausend Arbeiter hoben den Kanal aus, und schon in der Bauphase hatte sich Schimmelmann in den Arbeitersiedlungen am Kanal sehen lassen. Sie kümmerte sich dort um Seelsorge und die soziale Anbindung der Männer. Denn auch sie darbten.

Nicht nur Kiel und der Kanal, vor allem der Hamburger Hafen wurde Ende des 19. Jahrunderts zu einem immer wichtigeren Ort für den Handel. Hunderte von Masten ragen aus der Elbe, wie verwoben zeigen die Takelagen von Teeklippern, Schonern und alten Briggs in den Himmel. Pferdekutschen klackern über das Kopfsteinpflaster, Laternen brennen, überall hallen die Rufe von Seeleuten, Verladern, Kapitänen. Und mittendrin kreuzt nun diese fromme Dame mit ihrem Segelschiff auf. Prompt marschiert Schimmelmann in die Seemannsheime und -missionen. Sie trifft den Seemannspastor, hält ihre Vorträge und bemüht sich, Hilfe für gestrandete Seeleute aufzutreiben. Und die zeigen schnell Interesse, ob sie nun aus Hamburg oder Zanzibar kommen. „Ich sprach in den großen Tanzsälen und Musikhallen“, schreibt sie in einem Bericht, „und ich verließ die Stadt nicht, ohne vorher meine Stimme zu erheben.“

Die Zeitungen berichten über ihre Auftritte. Schimmelmann ist eine Persönlichkeit, die für Schlagzeilen gut ist. „Geistesmächtig“ soll sie auf die Arbeiter gewirkt haben, denen „die Sünde deutlich ihre Spuren aufs Gesicht geprägt hatte“, schreibt das Blatt „Gemeinschaftsfreund“.
Im Januar 1896 sitzt Schimmelmann im Schein einer Petroleumlampe an Bord ihrer Yacht, signiert einen ihrer Artikel, und die „Duen“ liegt inzwischen im Hafen von Rotherhithe bei London. Mit ihrem Kapitän ist die Gräfin über die Nordsee nach England gesegelt, um nun auch dort missionarisch tätig zu werden. Sie spricht gutes Englisch, nur eine von vier Sprachen, die sie beherrscht, zudem sogar Plattdeutsch.
Wie schon auf St. Pauli in Hamburg, marschiert sie auch in London in die Lasterhöhlen der Stadt und ist erschrocken ob des „großen Sittenverderbnis‘“. Sie besucht die Dockarbeiter in den Werften, die Seeleute in ihren Pinten. In London, schreibt sie, gelangen ihr in vierzehn Tagen 310 Bekehrungen. Und es sind viele, denen sie während der Erweckungsbewegung die Pforten zum Herrn öffnet, darunter auch einigen vom Alkohol gezeichneten Londoner Frauen, die völlig verelendet waren. Wie Vogelscheuchen klebten sie in den Hinterhöfen, betrunken, besinnungslos.

Am 20. April 1898 kreuzt die „Duen“ schließlich die Themsemündung hinaus – mit Kurs auf den Atlantik, um nach Amerika zu segeln. „Ich wollte dorthin, weil mir bewusst war, dass dies der Wille des Herrn ist.“ An Bord sind neben der Mannschaft der Kapitän, ihr Bruder Paul und der Sohn eines Generals – nicht jedoch die Gräfin. Sie quert den großen Teich auf dem Ozeandampfer „Cymric“. 
Vielleicht hat sie Angst, auf der „Duen“ noch mehr unter der Seekrankheit zu leiden oder trifft diese Wahl wegen ihrer beiden Ziehsöhne, die dabei sind.

Nach 42 Tagen auf See erreicht die „Duen“ Kanada, segelt weiter nach Süden, wo Schimmelmann in New York an Bord geht und nun wieder auf ihrem Boot weilt. In Amerika schreiben etliche Zeitungen über die deutsche Boots-predigerin, die „New York Times“, Blätter in Los Angeles, San Francisco und Atlanta. Es ist der Sommer 1898, zwei Jahre wird sie in Amerika verbringen und mit ihrer Yacht die Küsten bereisen.

Mitten unter den derben Fischern kreuzt sie auf wie eine Erscheinung. Aber sie ist keine. Schimmelmann 
kommt mit eigener Yacht – im Namen des Herrn

Die „Taube“ segelt nach Norden, läuft verschiedene Häfen in Kanada an. Überall hält Gräfin Schimmelmann Versammlungen für Deutsche und Amerikaner, und oft stehen die Menschen an Deck der „Duen“. Sie sitzen auf den Backskisten, lehnen an den Aufbauten, über sich die große Persenning aus weißem Baumwolltuch als Schutz gegen Sonne und Nässe. Schimmelmann, in ein schwarzes Kleid mit Stehkragen und Schleppe gehüllt, steht vor dem großen Steuerrad. Sie hält die Bibel in der Hand, schaut in die Runde. Sie spricht über den Teufel Alkohol, über die Rolle der Frau, die Kraft des heiligen Vaters. „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“ Andächtiges Schweigen an Deck.

Über den Lorenzstrom und die Großen Seen fährt sie mit der „Duen“ schließlich nach Chicago. Dort wird die Yacht winterfest gemacht und dient für Armenspeisungen. Bis zu vierhundert Menschen versorgen Schimmelmann und die Crew an einem Tag. Bis zum März 1899 sollen fünfzigtausend Bettler, Obdachlose und arme Seeleute auf die Yacht gekommen sein, um sich ein paar warme Bohnen mit Speck und ein kleines Almosen abzuholen. Einige Amerikaner spenden Geld, wieder aber finanziert vor allem die Gräfin das meiste.

In Chicago verkauft sie am Ende sogar ihren Schmuck, um die Hilfe zu bezahlen. Perlenketten, Ringe, goldene Anstecknalden, alles kommt weg. Einem Reporter erzählt sie: „Der Schmuck war wertvoll, aber er ist mir nicht so lieb wie der Gedanke, den Glücklosen helfen zu können.“

Nach zwei Jahren und weiteren Reisen, will sie zurück nach Dänemark. Schon früher hatten ihr Ärzte eine Herzschwäche attestiert und dringend zu einer zweijährigen Erholungspause geraten. Nun ist sie erneut erkrankt, zu schwach und offenbar auch zu geldlos, um weiter mit ihrer Yacht auf Missionsreise zu gehen. Sie muss handeln: In New York verkauft sie die „Duen“ schließlich für sechshundert Dollar an einen Mann aus Philadelphia, der die Yacht in ein Hausboot verwandelt. Es ist das seglerische Ende der 
„Taube“, ihr Kiel wird keinen Ozean mehr sehen. Ein 
berühmtes Schiff aber bleibt sie bis in alle Ewigkeit.
Tausende von Seemeilen hatte die „Duen“ im Namen des Herrn zurückgelegt, hatte ihre Mannschaft zu zahllosen Dörfern, Häfen und Küsten getragen, wo die Gräfin Adeline von Schimmelmann ihr Werk verrichtete. Über sechstausend christliche Versammlungen soll sie in ihrem Leben gehalten und mit ihren Reden mehrere Millionen Menschen erreicht haben. Auch nutzte sie die Yacht als „Erziehungsschiff für Knaben“, um etliche Jugendliche auf einen Dienst bei der Marine oder auf Handelschiffen vorzubreiten.

Noch 1906 gründete Schimmelmann mithilfe ihres Adoptivsohns eine internationale Mission und gab die Zeitschrift „Leuchtfeuer“ heraus. Bekannt aber blieb sie noch über Jahre hinweg vor allem für ihre Arbeit mit den ausgestoßenen Fischern der Ostsee. Tausende Seeleute hatte sie ernährt, viele vom Alkohol erlöst. „Die Frau, die Bären zähmte“ und auf eigenen Planken über die See fuhr. Doch der Einsatz und wohl auch die langen Zeiten am und auf dem Meer forderten ihren Preis. Ihr Engagement trieb sie in die Krankheit und am Ende in den finanziellen Ruin.

Die fromme Frau des Meeres starb 1913 in Hamburg. Arm wie eine Kirchenmaus.

Text: Marc Bielefeld
Illustrationen: Rike Sattler

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