Der Fischemaler vom Addhoo-Atoll

Auf den südlichsten Inseln der Malediven ticken die Uhren noch anders. Im einzigen Kino läuft fast nie ein Film, das Postamt ratzt in der Hitze, und ein alter Mann malt bunte Fische auf die Welt

Er wusste nicht genau, wie alt er war. Achtzig, vielleicht älter. Er trug ein blau-weiß kariertes, kurzärmeliges Hemd, weit auf die hagere Brust geöffnet, ein Tuch um die Hüften, Schlappen. Seine Haut war wie aus dunklem Leder, und er sprach kratzige, langsame Sätze. So saß der alte Malediver vor seinem Haus in der warmen Luft, schaukelnd auf einer unter der Decke hängenden Pritsche.
 
Er hatte als einer der Ersten gesehen, wie die Briten im Zweiten Weltkrieg tief im Süden des Addhoo-Atolls 
mit einem Wasserflugzeug landeten, um bald einen Stützpunkt für die Luftwaffe im Indischen Ozean aufzubauen. Das Wasserflugzeug landete im klaren, flachen Wasser der Lagune, der Alte war damals ein junger Mann, stand im Meer und angelte.
 
Es kamen immer mehr Briten, sie blieben viele Jahre.

Wie lange ist das alles her? Lange ist’s her, viel ist geschehen, aber das Meer ist noch immer so grün und blau wie immer. Der alte Mann konnte viele Geschichten erzählen, letztlich passiert auf den entlegenen Atollen im Meer genauso viel wie überall auf der Welt, weil die Menschen die Menschen sind und weil es überall die Liebe gibt, Männer und Frauen und den Kampf des Alltags und den Tod.

»Am Ende«, sagte der alte Malediver, nach dem Leben gefragt, »sind die Geschichten wohl überall die gleichen.«

Aber er wollte nicht über derlei Geschichten reden, nicht über den Krieg und die Vergangenheit und die 
Zukunft, nicht über die Männer und die Frauen, und schon gar nicht über sich selbst. Seine Leidenschaft, nun fast ein Leben lang gepflegt, war eine andere. Es waren die Fische, die vor seiner Haustür schwammen im klaren, warmen Meer.

Er war Mitte zwanzig, so ungefähr, da fing er an, 
all diese Fische zu malen. Er malte sie auf die Wände der Hütten, malte sie auf hölzerne Laternenpfähle und 
Palmwedel, malte sie später auf die Bushaltestelle und auf das Postamt und das erste Kino, das eröffnete und nur alle drei Monate einen Film zeigte. Er malte mit Korallenfarbe, später mit billiger künstlicher Farbe, die der 
kleine Eisenwarenladen auf der Insel eines Tages führte, manchmal malte er auch mit seinen Fingern in den Sand.

Die Menschen mochten das. Die Fische waren 
bald überall, nicht nur im Meer. Sie lebten jetzt auch auf der Insel, in den Häusern, auf den Wänden, auf den 
Fassaden der wenigen Krämerläden und in den Träumen. 
Die Kinder mochten die Fische, die Erwachsenen mochten die Fische. Sie waren bunt und sahen lustig aus, und bald malten immer mehr Malediver die Fische auf ihre Häuser und auf ihre Insel.

»Niemand hasst Fische«, sagte der alte Mann und saß beinahe regungslos auf seiner Pritsche im Wind. »Nein, niemand.«

Die Fische sind bis heute in den Straßen und auf den Hauswänden zu sehen in diesem südlichsten Malediven-Atoll, das Addhoo heißt und noch südlicher als der Äquator liegt. Viele malen bis heute die Fische, die Kinder, die Onkel, die Tanten, die Dorfjugend. Manchmal machen sie Wettbewerbe, wer die schönsten Fische auf die Insel malt.

Sie verfremden die Fische, manche der bunten Kiemlinge lachen, andere weinen, andere können sprechen.
Der letzte Fisch, den der alte Mann malte, ist ein blauer Fisch mit rosafarbenen Flossen, einer schwarzen Zeichnung auf dem Leib, er schwimmt auf einer rosa-
farbenen Wand im Wohnzimmer seiner Hütte, über einem Sofa. In seiner Schwanzflosse steckt eine Steckdose, ein Kabel führt die Wand entlang senkrecht nach oben. Aber was macht das schon? Der Fisch schaut keck, seine Augen schielen frech nach unten, sein Mund eine heitere Sichel.

»Niemand hasst Fische.«

Der alte und erste Fischemaler des Addhoo-Atolls hatte kurzgeschorene graue Haare, einen schmalen Mund und ernste Augen. Dann stand er auf, ging an seinen Herd und machte sich etwas zu essen.

Zwei Geckos klebten unter der Decke, der Wind strich warm durchs Haus, und in der Küche schwammen zwei Fische an der Wand, grün und rot, und im Bade-
zimmer schwammen auch zwei und im Flur drei 
und drüben, am Nachbarhaus, ein dicker runder mit Glubschaugen.

Die Fische waren auf der Insel und im Meer und 
in den Träumen. Die Fische waren wirklich überall und mit ihnen vielleicht der Ozean, der die Atolle seit jeher umspielt.

Es stimmt eben doch nicht. Nicht alle Geschichten sind überall die gleichen. Für manche muss man wohl sehr lange auf einem dieser Atolle leben, weit draußen im Meer, wo in der Regel die Sonne scheint und die Palmen sich im warmen Wind biegen und wo einem das warme und klare Wasser in den Kopf geht.

Erst dann, mit viel Glück, fangen die Menschen 
vielleicht an, Fische auf die Welt zu malen.

Text und Fotos: © Marc Bielefeld

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