Die Bar von Chirivel

Man braucht kein U-Boot, um auf dem Grund der Tiefsee zu landen. Manchmal reicht ein Boxkampf in den Bergen Andalusiens

Chirivel ist ein sehr kleines Dorf weit oben in den kargen Bergen von Granada, in die Hänge ducken sich weiße, teilweise mit schmutzigem Lehm verputzte Häuser, und an der Wiese vor den Scheunen verkaufen sie Kuhfelle und Holz. Bis vor kurzem lebten noch zwei greisenhafte Ziegenhirten im Dorf, die seit etwa zehn Jahren, nachdem sie noch ein letztes Mal nach Ronda und Sevilla zu den Stierkämpfen gefahren waren, behauptet hatten, dass sie sich demnächst in Chirivel hinlegen würden zum Sterben. Nur mit den Ziegen, den Hunden und den Bergen, aber ohne den Rest.

Ansonsten leben noch zweiundfünfzig Frauen, neunundzwanzig Männer, kein Jugendlicher, vierzehn Kinder und ein Dorfdepp in Chirivel.

Der Dorfdepp heißt Jiminez, aber er hat noch viele Namen. Fast alle Menschen hier erinnern sich noch an den Tag, als Jiminez vor vielen Jahren schreiend, mit verdrehten Augen und zuckenden Armen, nach oben in die Berge mit den wenigen Bäumen davonlief und dabei taumelte und seine ganze Person einen jämmerlichen Anblick darbot. Die halbe Nacht hatten sie Jiminez schreien hören, ein fernes Klagen aus den Bergen.

Es war jetzt Sonntag, und der erste der beiden Ziegenhirten hatte sich letzte Woche auf seiner Hütte hingelegt, um zu sterben. Nur mit den Ziegen, den Hunden und den Bergen, aber ohne den Rest. Die Beerdigung hatte an diesem Sonntag stattgefunden, der Pfarrer hatte eine einfache Rede gehalten, und nun besoffen sich die alten Männer in der Dorfkneipe, über der ein Schild hing mit der Aufschrift „Bar“.

Sie saßen um einen kleinen Tisch in der Ecke, tranken Añejo und Schnaps aus kleinen Gläsern und schlugen die Karten auf die Holzplatte. Sie waren allesamt derb und rau, hatten extrem lederne Haut und kleine Augen, und sie rauchten billige Zigaretten, die sie in Sechserpackungen erstanden. Am Tresen bediente eine Frau, die kein einziges Mal lachte. Auf dem Boden vor dem Tresen lagen Zigarettenkippen und leere, aufgerissene Zuckertüten, und es sah schmutzig und ungehobelt aus in der Bar von Chirivel.

Die Männer rissen Witze und lachten dreckig, als er reinkam. Jiminez, der Mongoloide von Chirivel, mit seinen kullerigen, großen Augen und seinen dummen Bewegungen. Dann stand er da, mitten in der Bar, und wußte nicht, wohin er zuerst gehen sollte. Er blickte zu der Frau hinüber, die ihm schon seine Limonade öffnete. Die Augen von Jiminez waren nicht wie die der anderen. Jiminez’ Augen waren Tümpel in einer fettleibigen, rosaroten Fleischlandschaft.

„Ey, Jiminez!“, rief einer der Männer zu Jiminez und winkte den Behinderten rüber zu der Runde der Derben. „Ey, Jiminiez, vamos a tocar un poco, no!“

„Laß uns etwas spielen“, rief also der Mann, dessen wenige Zähne braun waren, der keinerlei Zweifel an den Dingen zu haben schien und der höchstwahrscheinlich in seinem ganzen Leben niemals auch nur im Traum daran gedacht hatte, eine andere Sprache zu sprechen als Spanisch.

Jiminez kicherte, erst leise und kindisch, dann wieherte er. Anschließend wackelte er zum Tresen, nahm seine Limonade entgegen, für die er wie immer nichts zahlen mußte, und schielte, als ob er sich auf nichts anderes konzentrierte als darauf, aus einer Flasche zu trinken. Er kleckerte. „Nun komm schon, Jiminez“, riefen die Männer noch einmal aus der Ecke herüber. „Jetzt mach schon, lass uns ’n bißchen kloppen.“

Die Frau trocknete gesenkten Hauptes ihre Gläser ab, mit einem schneeweißen Geschirrspültuch, und sie sagte nichts. „Na also, jetzt wird’s lustig!“, polterte einer der Männer, als Jiminiz endlich zu ihnen an den Tisch wackelte. Der Mann trug eine Schiebermütze, tief auf seine braune, faltige, fast krustige Stirn gezogen, und er feixte. Vier von ihnen hoben ihre Schnapsgläser und prosteten sich zu. Einer von ihnen sagte: „Und jetzt, meine Herren, lasst uns boxen!“

Der noch lebende Ziegenhirte saß auf einem Stuhl am Fenster. Er sah hinaus und lächelte, ohne zu lächeln

„Bueno, vamos a luchar!“ – „Lasst uns kämpfen“, sagte Pedroñez, der jüngste der Alten. Dann stand er auf, schob zwei Stühle in die Mitte der Bar und markierte damit einen imaginären Ring. Sanchez stellte sich als Ringrichter zur Verfügung, winkte den anderen Barbesuchern mit einer abfälligen Handbewegung zu, dass sie sich gefälligst nicht aufregen sollten. Dann verlas er mit hochoffizieller Stimme die Gegner von einer imaginären Kampfordnung.

„Señor Jiminez del Ortega, el Forte“ contra „Pancho, el Pequeño.“ Pancho war zeitlebens Bergbauer gewesen, jetzt stampfte er krummbeinig in den imaginären Ring der Bar von Chirivel und zog den plärrenden Jiminez sanft am Kragen hinter sich her. Dann stellten sie sich auf, Jiminez in seinem billigen Trainingsanzug links, Pancho, der Alte mit seiner schlabberigen Anzughose, rechts. Erst gaffte Jiminez noch nach hinten in die Bar, wo die Leute saßen, dann sah er Pancho irgendwann in die Augen. Der Alte begann nun zu tänzeln, und er machte dabei kleine, erstaunlich behende Schritte. Die sieben Männer grölten, schlugen sich auf die Schultern und brüllten Jiminez an, den Alten zu töten. Pancho holte aus und verpasste Jiminez eine sanfte Ohrfeige. Von hinten kam Sanchez und schubste Jiminez weiter in den Ring Richtung Pancho, der fordernd von einem Bein auf das andere sprang.

„Kill ihn! Kill ihn! Kill ihn!“, riefen die Männer Jiminez zu, und Sanchez, der Ringrichter, griff Jiminez von hinten durch die Beine und kniff ihn. Die Männer schrien vor Lachen, hoben die Gläser und tranken.

„Ey, Jiminez, du Bullenhüter! Du Berserker, gib’s ihm, gib’s ihm!“ Die Männer husteten Rauch und derbe Schlachtrufe. Jiminez perlte der Schweiß auf der runden, rosafarbenen Stirn, und dann holte er aus und boxte Pancho mit aller Kraft in den Bauch.

„Venga, venga, venga!“ röhrten die Männer und schoben ihre Stühle vom Tisch. Sie hatten jetzt aufgehört zu trinken und waren ganz bei Jiminez und Pancho.

„Bring ihn um!“ pöbelte Pedroñez.

Jiminez holte wieder aus, ballte seine Kinderfäuste, von denen die Daumen abstanden, und verpasste Pancho mehrere Hiebe in die Seiten. Pancho wich zurück, tat so, als sei er übel getroffen, und taumelte. Sanchez, der Ringrichter drückte die beiden auseinander und gab Jiminez einen leichten Schlag auf den Kopf. Jetzt setzte Pancho zu zwei linken Auslegern an, die Rechte in gehobener Deckung. Dann, Jiminez war Angst und Schweiß, aber gänzlich bei der Sache, schlug Pancho zu. Noch mal und noch mal drosch er auf den Jungen ein, aber ohne Jiminez nur ein einziges Mal zu treffen. Jiminez kloppte zurück, wehrte sich mit all der Kraft und Koordination, die er aufzubringen vermochte, während die Männer krächzten und schrien und der Rest der Bar die Köpfe senkte.

Der noch lebende Ziegenhirte saß auf einem Stuhl am Fenster, krumm und auf seinen Stock gebeugt. Er beobachtete den Kampf und verzog keine Miene. Sein Gesicht war so dunkel wie schwarze Kohlen. Und doch lächelte er, ohne zu lächeln, und für einen Moment sah er hinaus.

Jiminez taumelte nun seinerseits, aber seine Augen wichen nicht von Panchos Gesicht. Jiminez war jetzt völlig in den Kampf verwickelt, und es schien ganz so, als ob nichts außer diesem Kampf für ihn in diesem Augenblick existierte. „Schlachte ihn, Jiminez!“, schrien die Männer jetzt. Und dann schrien sie es noch mal und noch mal. Jiminez blickte nicht ein einziges Mal zu den Menschen oder zu den Männern hinüber, die nun alle von ihren Stühlen aufgestanden waren und den Ring säumten. Jiminez sah nur in die dunklen Augen von Pancho, und Pancho fixierte die hellen, wachen und konzentrierten Augen in Jiminez’ Gesicht.

Pancho schob sich vorwärts, steckte noch vier, fünf Schläge ein, die Arme vorm Gesicht verschränkt. Und Jiminez, er schlug immer weiter auf Pancho ein, fliegende Arme und stechender Blick, während die Männer brüllend vom ihm verlangten, Pancho totzuschlagen.

„Pégale! Pégale! Pégale!“

Jiminez war auf dem Grund der Tiefsee angelangt. Dann schob Sanchez die beiden auseinander, Pancho ging in die Hocke, und die Bar von Chirivel lauschte. Sanchez zählte Pancho aus, hob Jiminez’ Arme in die Höhe und erklärte ihn feierlich zum Sieger. Die Männer stellten sich nun allesamt um Jiminez auf und schlugen ihm in die Hände. Und dann nahmen sie ihn, einer nach dem anderen, in den Arm und küssten ihn. Pancho kam hinzu und gratulierte Jiminez.

Die sieben Männer brüllten und tanzten und riefen der Frau am Tresen zu, acht Biere und acht Añejos zu bringen. Und sie riefen es so, dass es die ganze Welt hören konnte.

Jiminez blickte jetzt in die Bar und auf die Menschen, und aus zwei Tümpeln flogen Bären, Löwen und Gazellen. Draußen dämmerte es. Der Greis war von seinem Stuhl aufgestanden und hatte sich auf den Weg gemacht. Langsam und über seinen Stock gebeugt, seiner Sache ganz sicher, ging der alte Ziegenhirte die Calle del Norte hoch, in Richtung der Berge und seiner Hütte. Dabei ging er so aufrecht und würdig, wie es einem Mann mit vierundneunzig Jahren nur irgend möglich war.

Text und Fotos © Marc Bielefeld
Illustrationen © Rike Sattler

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