Die blaue Diva

Sie ist die Schönste von allen, sie giert nach Geld und badet im Luxus. Und die Welt liegt ihr zu Füßen. Willkommen an der Côte d’Azur: der größten Hure aller Küsten

Irgendwann, wenn die Leichtigkeit der frühen Jahre dahin ist, wenn der wahre Glanz verflogen und der Stolz gebrochen ist, bleibt jeder großen Hure nur noch die nackte Arroganz. Wenn die Hure aber schlau ist und genügend Erfahrung besitzt, wenn sie wirklich schön ist, die halbe Welt ausgenommen hat und sich alles kaufen kann, bevor der letzte aller Träume unerfüllt bleibt, dann wird sie diese Arroganz in Perfektion beherrschen. Sie wird diese Arroganz durch die Straßen tragen und durch die marmornen Hotelhallen, und gelegentlich wird sie diese Arroganz aufblitzen lassen wie ein kaltes, makellos gewetztes Messer.

Brasiliens Copacabana? Gegen sie nur ein Früchtchen. Kaliforniens Pazifikküste? Nichts als protzige kulturlose Natur. Und so etwas wie Sylt? Nach unwürdigen Parvenüs dreht die Côte nicht einmal den Kopf um

Die Côte d’Azur ist eine dieser großen Huren. Wahrscheinlich sogar die eleganteste, betörendste, durchtriebenste von allen. Eine Superdiva. Blasiert thront sie unter der Sonne Südfrankreichs, die auf ihr Haupt herabscheinen darf. Die französische Riviera. Die „Côte“. Die Königin aller Küstenstriche.

Brasiliens Copacabana? Gegen sie nur ein Früchtchen. Eine ordinär wackelne Pobacke, die sich mit ephemeren Trends abgibt und im Sand kriechend Volleyball spielt. Kaliforniens Pazifikküste, Big Sur? Nichts als protzige Natur, die an die kulturlose Wüste der USA brandet. Und Acapulco, Kapstadt, die verschwitzten Strände der Karibik oder so etwas wie Sylt? Nach unwürdigen Konkurrentinnen dreht die Côte nicht mal den Kopf um. Parvenüs.

Zwanzig Jahre sind seit dem letzten Rendezvous mit ihr vergangen. Und damals waren wir noch unverbraucht. Die Jungs kamen in den Sommern scharenweise angeflitzt, um ein, zwei heiße Wochen an der Seite dieser unwiderstehlichen Französin zu verbringen. Aus ganz Europa reisten sie an, mit klapprigen VW-Bussen, per Interrail und auf ihren ersten Motorrädern.

Sie kletterten über die Felsen bei Cap d’Antibes und sprangen von den Stegen ins Meer. Viele stiegen sogar auf den Campingplätzen ab, nur um in ihrer Nähe zu sein. Morgens verschenkte die Schöne für ein paar Francs Austern und Fruits de Mer an den Ständen der Marchés, mittags gab es kühlen, guten Landwein. Abends flirteten die Jungs mit den langen, braungebrannten Beinen und lagen nachts an den Stränden mit dem warmen Wind auf der Haut. Popcornverkäufer und Gaukler standen an den Kais von St. Tropez und Port Grimaud, und das Leben war leicht und atemlos an der Seite der französischen Geliebten.

Natürlich waren auch die anderen da. Die Schönen. Die Alten. Die Reichen. Die Superreichen. Die Côte d’Azur hat sie alle bezirzt. Was mag aus ihr geworden sein? Ob sie noch immer für das unbeschwerte Glück zu haben ist? Nun, es war damit zu rechnen, dass sie in der Zwischenzeit ein paar Falten bekommen hat.

Unten in Cannes stehst du ihr das erste Mal wieder gegenüber. Und verlierst ein wenig die Sprache, noch immer. Da stolziert sie dir entgegen, die Diva, in ihrem Licht und in ihrer Grandezza, vor dem glitzernden Meer und den alten Häusern, den Gassen und den Bistros, in denen die derbgesichtigen alten Männer sitzen, barfuß in blauen Segeltuchschuhen vor ihrem Pastis. Ihre ergebenen Statisten, die niemals von ihr lassen konnten. Und prompt haucht sie dir wieder jenes Leben entgegen, das so viel gelebt hat und das sich um Sorgen niemals scheren würde. Nein, Madame verachtet Sorgen. Sorgen sind für Kretins.

Erstmal also einen Drink. Zum Ankommen, zum Befühlen. Du merkst schnell, dass die Jahre nicht spurlos verstrichen sind. Die Alte hat sich liften lassen. Die bröckelnde Fassade des „Carlton“, das erhabene Antlitz von Cannes, musste erneuert werden. In strahlend neuem Weiß blickt die Front des Prachthotels jetzt über die Croisette hinaus aufs Meer.

Nebenan gehst du an Läden vorbei, in denen keine Hippie-Sandalen mehr ausliegen, sondern in denen die billigste Handtasche, die du erspähst, aus Echsenleder ist und 2300 Euro kostet. Und dann setzt du dich hin, am berühmten Beachclub „Z Plage“, unter Palmen und zu perlender Lounge-Musik, und nach zwei Minuten schiebt dir die Diva ihre erste Rechnung unter die Nase. „Un Gin Tonic, Monsieur? Avec Plaisir!“ Um schlanke 23 Euro erleichtert sie dich. Eiskalt lächelnd, damit du gleich weißt, woran du bist.

Die Arme. Sie muss gelitten haben in den vielen Jahren. Wie jede Hure leidet, die alt wird und deren größte Gönner, deren Erfinder längst fort sind. Und ja, es waren große Namen, die es hier bunt getrieben haben. Zuerst kamen die Meister und ließen sich nieder. Van Gogh, Cézanne, Gaugin, Chagall, Picasso. Die Maler kamen wegen des warmen, scharfen Lichts, und sie malten, sangen und feierten, weil dies die entzückendste Küste war, die sie je erblickten.

In der Belle Époque kamen die Zaren, die Könige Europas, um sich beim Polo und auf den Rennstrecken bei La Napoule zu tummeln. Es kamen Aga Khan und die Rothschilds, um 1929 das legendäre Casino am Palm Beach zu eröffnen. Und sie hielten rauschende Bälle ab, gegen die jede heutige Oscar-Verleihung wie ein Kindergeburtstag bei Burger King anmutet. An den Pools tummelten sich bald Marlene Dietrich, Schriftsteller wie F. Scott Fitzgerald, und in den Dinnersalons stiegen Orgien der Dekadenz. „Keine hat ihre Unschuld verloren wie die Riviera“, schrieb Star-Autor Calvin Tomkins. Für die Filmfestspiele tanzte Hollywood ergeben auf einem gecharteten Luxusdampfer aus Amerika an. Gary Cooper, Hitchcock, Orson Welles, Brando: Die Diva rollte ihre puffroten Teppiche aus, auf denen sich fortan die Crème de la Crème drängelte. Im „Eden Roc“, in den Prunkhotels auf den Caps, residierten Lady Churchill, die Présidents, die Lenker der Welt. Beim Name-Dropping würde jede andere Küste erblassen.

Die Hure wurde berühmt. Und gierig. Die Stones verbrachten gleich Monate mit ihr, die Mastrioannis, die Belmondos. Und dann kam die Bardot. Die erste wirkliche Sexbombe der Welt. In den wilden Sechzigern eröffnete sie das legendäre Hotel „Byblos“ in St. Tropez, fortan der Tempel aller Jet-set-Fantasien. Hier tranken Mick Jagger und zappelten die „Vogue“-Models. Die Côte wurde zum Mythos. Zur Bühne des ganz großen Glamours. Damit hatte sie ihren Ruf endgültig weg. Als grandiosestes Luder aller Ufer der sieben Meere.

Doch ihre großen Freier von einst sind längst weitergezogen. Oder tot. Heute muss sich die Riviera mit dem Gemüse abgeben. Mit den Brad Pitts, Madonnas und George Clooneys. Den jämmerlichen Erben der altehrwürdigen Garde. David Collas ist einer derjenigen, der mit den Allüren der Diva und ihrer heutigen Kunden vertraut ist. Er ist Herrscher über die Bars und Restaurants des „Martinez“, einem der Fünf-Sterne-Paläste an der Croisette. Und er kann ein paar hübsche Geschichten erzählen.

Wie die von Diego Maradonna und Penelope Cruz, die gleich hier am „Z Plage“ barfuß im Sand tanzten. Was sie danach taten, bleibt freilich ein Geheimnis. „Wir kennen die Wünsche unserer Gäste“, sagt Collas. „Aber wir würden nie darüber reden.“

Spätestens jetzt weißt du, dass du ein Nichts bist. Die Diva nimmt nur Oberliga. Wenn gerade nichts besseres da ist, weidet Madame auch mal die Jeunesse dorée aus, die sich unten am Niki Beach mit Champagnerschlachten gegenseitig überbietet

Zur Erfüllung dieser Wünsche gehört es, einen 1925er Château Mouton-Rothschild für 2800 Euro aus dem Weinkeller zaubern zu können. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Dazu gehört es, mal eben Friseure aus New York und Blumen aus Südamerika einzufliegen. Vor allem aber gehört eines dazu: hundertprozentige Diskretion.

Ein als Clown verkleideter Afroamerikaner spielt am Piano in der dunkel gedimmten Hotelbar des „Martinez“, drum herum, in tiefen Sesseln, sitzen heute Libanesen, Russen, Araber. Araber, die mit eigenen Köchen anreisen, die für die Sommersaison fünfzehn Mercedes-Limousinen einschiffen lassen, gleich zwei Etagen für Gäste und Diener mieten und die beim Concierge schon mal nach einem Heli verlangen, um zum Shoppen nach Paris zu fliegen. „Und diesen Heli“, erzählt Monsieur Collas im blitzweißen Oberhemd, „sollte man besser innnerhalb einer Stunde besorgt haben.“ Sonst ist das Hotel in der nächsten Saison einen guten Gast los. Und paar Millionen Petrodollar Umsatz dazu.

Spätestens jetzt weißt du, dass du ein Nichts bist. Die Diva nimmt dich nicht mal mehr an die Hand. Sie nimmt nur Oberliga. Die Adligen, die Oligarchen, die Schweizer Nummerkonten. Wenn gerade nichts besseres da ist, weidet Madame auch mal die Jeunesse dorée aus, die sich unten am Niki Beach mit Champagnerschlachten gegenseitig überbietet. Um den Rekord zu brechen, bestellte ein 25-jähriger Papagallo letzten Sommer für 50.000 Euro 300 exakt auf sieben Grad gekühlte Flaschen „Moet & Chandon“. Und spritzte sie mit seinen Freunden unter sengender Sonne über die Menge.

Die Hure liebt solche Kunden. Weil es gefundene Fressen sind und weil sie gelernt hat, sich nicht mehr zu schämen. Sie schickt ein paar ihrer Kellner vor, kassiert und lächelt. Und entblößt nicht mal ihr Knie dafür.

Leise Geigen spielen im „Palme d’Or“, dem besten Restaurant vor Ort. An diesem Abend gibt es eine Mise en Bouche, gefolgt von einer Blumenkohlemulsion mit Parmesanblättchen, danach poschierter Wolfsbarsch, getoppt nur noch von den Birnenvariationen mit Basilikumsorbet. Christian Willer, der Koch der Köche, schwebt wie ein weißer Buddha zu den Tischen und parliert geduldig mit den Gästen. Er tut dies, weil sich die Diva ihre Spitzenköche nicht nur als Köche hält, sondern auch als Entertainer, als Schmeichler, als letzte Hüter ihres erlesenen Geschmacks.

Und wenn mal ein reicher Amerikaner daherkommt und denkt, er sei jemand, dann geht sie genau hier mit ihm essen. Lässt ihn ein wenig an der Kultur der alten Welt schnuppern, schleudert ihm ein, zwei Sätze gestochen scharfes Französisch ins Gesicht und sieht genüßlich zu, wie der Amerikaner klein wird. Und zahlt.

Wie herrlich sie einen noch immer ausnehmen kann. Heute beherrscht sie auch diese Kunst in Perfektion. In den Läden von Dior, Chanel, Chloé. Riesige schneeweiße Schaufenster, die mit zwei Paar sündhaft teuren Stöckelschuhen auskommen oder einem einzigen, unbezahlbaren Kamtschatka-Nerz. Oder an der Arab Bank von Cannes. Die Automaten spucken das Geld hier merkwürdigerweise schneller aus als andere Bankomaten auf der Welt. Keine Sekunde nach dem Pin-Code sausen dir die Scheine entgegen.

Und wenn du zwei bis drei tausend Euro übrig hast, darfst du eine Nacht in den Suiten der Palazzos verbringen, in denen sie sich bettet. Im „Beauvallon“, das einst Walt Disney gehörte und heute von einem Hongkongchinesen regiert wird, der den hauseigenen Kinosaal komplett mit den First-Class-Sesseln von Cathay Pacific bestücken ließ. Oder in der „Villa Belrose“, wo schon Angelina Jolie nächtigte und wo der Directeur Général Sätze sagt wie: „An der Côte d’Azur muss der Service erstklassig sein. Wenn er nicht erstklassig ist und lautlos und absolut fehlerfrei, dann hast du verloren, bevor du überhaupt begonnen hast. Die Riviera duldet nichts anderes.“

Es gibt einen weisen Spruch, der besagt, dass wer das Beste kennt, das Gute nicht mehr erträgt. Es ist ein Spruch, der zu Mäßigung ermahnt, der vor Luxus und Maßlosigkeit warnt. Doch die Diva hält sich nicht an solche Regeln. Sie verachtet sie.

Auf den glitzernden Tischen des »Byblos« liegen Yachtmagazine. Yachtmagazine, die an keinem Kiosk zu haben sind und in denen jene Superschiffe gehandelt werden, die die Eigner nur per Helikopter besteigen. In diesen Magazinen stehen keine Preise, nicht mal »auf Anfrage«

Die Zeiten auf den Campingplätzen sind vorbei. Du musst schon im „La Messardiere“ absteigen, wo du in sechslagigen Baumwollwolken schläfst. Oder in den Châteaus des Var, des Hinterlands, wo du Trüffelkurse buchen kannst, unter goldenen Armaturen duschst und wo in den Kapellen die Giacommettis und Marc-Chagall-Reliefs prangen, als wäre es nichts.

Und wenn du ganz oben mitspielen willst, musst du ein Zimmer im „Byblos“ buchen, am besten eines der größeren Zimmer, auf deren glitzernden Glastischen die Yachtmagazine ausliegen. Yachtmagazine, die an keinem Kiosk zu haben sind und in denen jene Superschiffe gehandelt werden, die die Eigner nur per Helikopter besteigen. In diesen Magazinen stehen keine Preise, nicht mal „auf Anfrage“. Die Clientel, die in diesen Magazinen blättert, interessieren keine Preise mehr.

Und, wenn du sehr viel Glück hast, darfst du in die „Caves du Roi“. Die Spielwiese der Multimillionäre und Erlauchten. Vor dem bekanntesten Nightclub in St. Tropez wuseln in den Sommernächten bis zu 600 Normalsterbliche und warten auf ein erbarmendes Kopfnicken der Türsteher, um einmal jene Tanzfläche betreten zu dürfen, auf der die Paris Hiltons dieser Welt ihre Hemmungen verlieren.

Im siebten Stock des „Martinez“, von einem engelweißen Balkon, blickst du mitten auf die Zauberwelt herab. Ein leichter Wind streicht durch die Gardinen. Der flach an die Wand montierte „Bang & Olufsen“-Player öffnet sich geräuschlos, genau so, wie es der Directeur Général gesagt hatte. Nur mit einem Wisch der Hand. Du legst eine CD aus der eigens produzierten Kollektion des Hauses ein. „Hotel Martinez – Pure Pleasure“. Es ist eine jener Kult-CDs, die den lasziven Sound der Côte spielen und die in den Läden zu Höchstpreisen verkauft werden. Und es flirren Stücke in dein Hotelzimmer, die „Love you tonight“ heißen, „Glitter Girls“ und „Funky Obsession“. Liebe. Mädchen. Obesession. Wie trefflich. Wie perfekt.

Dann gehen die Lichter an. Abends erstrahlt die Bucht von Cannes. Die weißen Hotelfronten mit den großen Namen darüber. Die Lichter der Yachten, die Restaurants, das Casino, die grün beleuchteten Palmen, die Bars, das Palais Croisette. Und aus den Limousinen steigen jetzt die Herren in den lässigen, unbezahlbaren Anzügen und den ledernen Slippern aus den leeren, schneeweißen Schaufenstern. Im „Palme d’Or“ gehen die Austern und der Trüffel und der Kaviar, und in der „Chunga Bar“ tanzt schon das Gemüse und wird es bis zum Morgengrauen tun.

Es ist die Zeit, wenn die Diva die Bühne der Nacht betritt. Es ist die Zeit, sich ums Geschäft zu kümmern. Denn eine Weisheit kennt sie nur zu gut. Ewig lockt das Weib. Und je durchtriebener, desto besser.

Text © Marc Bielefeld
Plakate © Lordprice Collection, The Advertising Archives (2), Shawshots / Alamy Stock Photo / alamy.com

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