Die Fangfrage

Jahrhunderte lebte Neufundland von der Fischerei. Heute lässt sich mit anderen Schätzen besseres Geld verdienen. Mit Walen, Eisbergen und Touristen

Oben am Hügel, in der kleinen Gemeindekneipe des alten Fischerdorfs Trinity, sitzt Clooney Dohren an diesem Samstag abend auf seinem Barhocker und soll einem Neufundland erklären. Clooney Dohren bestellt noch einen Whisky. Fast vierzig Jahre hat er unten in der Fischfabrik gearbeitet, dann nimmt er sein Cappy ab und rauft sich, während einige Gäste die Bar betreten und draußen schon die Sterne am Nachthimmel stehen, die Haare.

„Neufundland“, sagt er, „musst du dir vorstellen wie einen kräftigen, vom Wind gegerbten Mann, einen Fischer mit Schwielen an den Händen. Der Fischer stinkt nach Blut und Kabeljau. Er hat immer getan, was er wollte. Er brauchte niemanden und kam ganz gut mit sich selbst klar. Und jetzt soll er sich auf einmal eine Schürze umbinden, Kuchen backen und Gedichte aufsagen.“ Der Whisky läuft langsam über Clooney Dohrens Kehle. Er setzt das Glas ab. Es ist noch nicht so spät, die Band hat nicht einmal zu spielen begonnen.

Still liegt das kleine Dorf an der Bucht südlich von Kap Bonavista. Die Schattenrisse der Holzhäuser, die schiefen Stege, der rostige Anker, der unten am Ufer im Matschbett neben der Pier liegt. Die Pensionen und Gästehäuser sind alle ausgebucht, die Waltouren am Morgen, die Kajaktouren, die Bootsausfahrten zu den Inseln. Die meisten Gäste schlafen schon. Durch die dunklen Straßen läuft lediglich ein Kanadier aus Toronto, sein Gesicht leuchtet im Schein seines Smartphones, er jagt Pokémons.

Es sind jetzt die neuen Zeiten hier in Neufundland; die Welt ist eine andere geworden.
Ob ihm das alles gefällt? Dieses neue Neufundland im dritten Millenium? Clooney Dohren bestellt keinen weiteren Whisky, er ist kein Trinker. In einem kanadischen Amerikanisch mit leicht nasalem Timbre sagt er: „It’s debatable.“
Alles eine Frage der Einstellung.

Wie ein Haufen Gestein liegt Neufundland am östlichen Ende Kanadas. Eine raue Insel im rauen Meer. Viele Kiefern, viele Elche, wenig Menschen. Die Neufundländer wissen um ihr karges Abseits, wissen auch, dass sie auf dem Festland als Sonderlinge gelten. Fischverrückte, Jäger. Bootsmenschen, die in knarzenden Schuppen auf den nebligen Felsen leben. Sie mögen das, sie haben es immer gemocht. „Newfies on the Rock“, so nennen sie sich selbst.

Vielleicht hat der Wind sie zu dem gemacht, was sie sind. Wortkarg, von einer schmallippigen Freundlichkeit. Besucher begrüßen sie mit einem herzlichen, mit einem skeptischen Auge. Die Tage, an denen die Böen nicht über ihre Küsten fluchen, sind gezählt. Der Sturm kann jederzeit kommen. Am schlimmsten sind die „Wreckhouse Winds“ aus Südost. Reißen Häuser um, schmeißen Güterzüge von den Gleisen.

Vielleicht hat auch das Meer die Neufundländer zu dem gemacht, was sie sind. Ein kalter Nordatlantik, der tief in die Fjorde greift, die offene See im Osten, die Wassermassen des Labradorstroms im Westen. Im Winter friert alles zu. Im frühen Sommer treiben die Eisberge aus der Arktis vor ihrer Haustür herum, jene scharfkantigen Brocken, denen 500 Kilometer vor der Küste schon die „Titanic“ zum Opfer fiel. Wale klatschen ins Wasser, die schwarzen Rückenflossen der Orcas teilen das Meer.

Wenn die Neufundländer von Fisch sprechen, meinen sie nur einen: Kabeljau, Kabeljau, Kabeljau

Es dürfte nicht viele Landstriche auf der Erde geben, wo zugezogene Angestellte einer Pension nach einer Saison Sätze wie diese sagen: „Ich kann die Wale zu Hause von meinem Frühstücks-tisch aus sehen, es sind viele, ich schaue schon nicht mehr hin.“

Ein Volk, das seit Jahrhunderten so viel Natur gesehen hat und am Ende auch ertragen musste, darf schon mal ein wenig eigensinnig werden und mit dem Rest Kanadas nicht so viel zu tun haben wollen. Einen eigenen Dialekt sprechen die Neufundländer, eine Spur irisch, eine Portion schottisch. Sie haben eigene Vokabeln, herbe Wendungen. Wenn sie Mudder sagen, meinen sie Mutter, ein Ducky ist eine Freundin, und wenn ein Neufundländer sturztrunken umkippt, dann landet er mit den „Titten im Rhabarber“.

Vor allem aber die Auslegung eines Worts erzählt viel. Wenn die Neufundländer von „Fisch“ sprechen, meinen sie nur einen: den Kabeljau. Um ihn drehte sich ihr ganzes Leben und dreht es sich noch heute, nur haben die neuen Zeiten alles auf den Kopf gestellt. Und statt nach tagelanger Sturmfahrt mit noch blutverkrusteten Händen in die nächste Pinte zu marschieren, kann es heute schon mal vorkommen, dass der moderne neufundländische Fischer beim Bettenmachen helfen muss. Denn der Kabeljau, der das Dasein hier draußen im Atlantik über Jahrhunderte so reich, so abenteuerlich und so unabhängig machte – er ist verschwunden. Viele können es bis heute nicht glauben. Diese Geschichte, die wie ein Märchen begann und in einem Alptraum endete.

Im Jahr 1497 entdeckte der italienische Seefahrer Giovanni Caboto die Insel. Seine Berichte fanden Gehör. John Cabot, wie er heute genannt wird, erzählte von jenem Fisch, der vor der Küste dieses neu gefundenen Lands schwamm. Von derartigen Unmengen an Kabeljau schwärmte Cabot, „dass man zu Fuß übers Wasser gehen kann“. Bald steuerten englische, französische, spanische Schiffe das sagemumwobene Revier an. Und auch sie erzählten von so viel Kabeljau, dass die dicken Fische ihnen schon von allein an Deck sprängen, weil das Meer so voll sei.

Neufundland hatte seinen Ruf weg. „Cod’s own country“, Land des Kabeljaus, ein unermessliches Füllhorn voller Dorsch. Überall an den Küsten siedelten die Menschen in winzigen Fischerdörfern, bauten Häfen, Stege, Boote. Die Dekaden verstrichen, der Dorsch flutschte, und spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die nahen und bald legendären Grand Banks im Atlantik zum Schlachthof. Der Insel erging es prächtig. Die Hauptstadt St. John’s wurde zum Zentrum des weltweiten Handels mit gesalzenem Kabeljau, die Fischer und Flottenbesitzer reicher und reicher.

In den 1960er Jahren tauchten immer größere Trawler auf, aus aller Herren Länder. Alle bedienten sich, wollten das große Geld machen, schröpften das Meer. In einigen Jahren sollen die Fangflotten bis zu 1,6 Millionen Tonnen Kabeljau aus der See geholt haben, und es kam, was kommen musste. Das Meer, niemand wollte es wahr haben, wurde über die Jahre zunehmend leerer. Der Fisch dünnte sich aus, den Fanggründen ging der Atem aus. Bis 1992 der kanadische Fischereiminister John Crosbie in St. John’s unter Polizeischutz vor die wütenden Fischer trat und notgedrungen ein Moratorium aussprach. Totales Fangverbot. Quote: null.
Auf die Frage der tobenden Neufundländer, was zum Teufel das soll, antwortete Crosbie mit den berühmten Worten: „Was wollt ihr von mir? Ich habe den Fisch nicht aus dem verdammten Meer geholt!“

Nach 500 Jahren des Kabeljaufangs war das Ende gekommen, 40.000 Menschen verloren ihre Jobs, die Regierung musste Milliarden aufbringen, um den Absturz vieler Gemeinden aufzufangen. Neufundland taumelte in ein Nichts. Die östlichste kanadische Provinz hatte nicht nur den Fisch verloren, sondern auch ihre Identität.

Die Sonne scheint an diesem Sommertag über die saftigen Wiesen, Blumen blühen, die bunten Holzhäuser leuchten rot, blau, gelb. Der Blick fällt auf weite Fjorde, aufs silbrige Meer. Zerstreut liegen die Siedlungen der einstigen Fischer an der See, Trinity, Twillingate, Triton in der Notre Dame Bay. Es ist Hauptsaison. Doch ködert Neufundland heute keinen Kabeljau mehr, sondern wirbt um Touristen.

Sie kommen wegen der wilden Natur, der herben Idylle und wegen der Schätze, die noch immer da sind und sich durch ihren schieren Anblick zu Geld machen lassen. Die Wale, die sich im Meer tummeln, die gewaltigen Eisberge, die in den Sommermonaten mit dem Labradorstrom nach Süden treiben. Auf der „Allee der Eisberge“ schieben sich die glitzernden Kolosse vor der Küste entlang, weiße Landschaften, die wie fantastische Trugbilder durchs Meer geistern. Zigtausende Handys und Kameras sind dann auf die bizarren Gebilde gerichtet, sämtliche Pensionen ausgebucht. Die Gäste stehen staunend an den Ufern, fahren mit Kajaks und Ausflugsbooten an die Eisriesen heran.

Das Geschäft läuft gut. Die Netze sind leer, die Gästebetten voll. Im Internet haben die Neufundländer einen Iceberg-Tracker eingerichtet, die heimische Brauerei Quidi Vidi produziert ihr „Iceberg Beer“, gebraut nach deutschem Reinheitsgebot und mit dem 25.000 Jahre alten Wasser der Eisberge.

An den Küsten haben die Fischer Museen eröffnet, verkaufen alte Bojen als Souvenirs, betreiben Pensionen, Restaurants. Noch immer ist die Insel unfassbar weit und leer und windig, ein atlantischer Brocken Einsamkeit im Ozean, der größer ist als Italien; aber des sommers fahren nun immer mehr Wohnmobile, Motorräder, Reisebusse und Mietwagen durch die Gegend und steuern Neufundlands beliebteste Anlaufpunkte an.

Da ist der Signal Hill in St. John’s, wo Guglielmo Marconi 1901 das erste transatlantische Funksignal empfangen haben soll. Da ist Cape Spear, der östlichste Punkt Nordamerikas. Im Westen thronen die grandiosen Tafelberge des Gros Morne National Park, im äußersten Norden erreichen Gäste, die keine Kilometer scheuen, L’anse aux Meadows, wo die Wikinger 1100 nach Christus als erste Europäer amerikanischen Boden betraten. Und dann sind da noch die Klippen der Puffins, die Reviere des drolligen Papageitauchers, der weißbbäuchig, rotfüßig und im schwarzen Federkleid zum begehrten Fotomotiv Neufundlands avanciert ist.

Dies sind die Koordinaten der neuen Fanggründe, auf einer Insel, deren Schicksal der unstillbare Hunger auf Fisch war. Seit fast 25 Jahren gilt nun das Moratorium, ein einzigartiges Verbot in der Geschichte der Fischerei. Einige Kapitäne fahren mit ihren Booten noch immer raus, fangen Hummer und Heilbutt, doch die meisten Fischer haben gänzlich umgesattelt. Viele Männer verlassen Neufundland heute, verdienen mehr Geld in den Ölsanden Albertas, arbeiten als Bauarbeiter oder versuchen sich im Tourismus auf ihrer Insel.

An diesem Morgen läuft von New Bonaventure auch Bruce Miller mit seinem kleinen Boot aus. An Bord sind sechs Gäste, die ihm pro Nase 90 Dollar dafür zahlen, die ungehobelte Schönheit seiner Küste vom Meer aus sehen zu dürfen. Und um die unglaubliche Geschichte mit dem Kabeljau zu hören. Bruce Miller erzählt sie mit gemischten Gefühlen, denn seine Mutter und sein Vater, seine Großeltern und Urgroßeltern, sie alle kamen aus der Fischerei.

Miller, 57, prescht mit seinem Boot nach British Harbour und Ireland’s Eye, zwei der vielen „Outports“, entlegene Fischerdörfer in den verwinkelten Buchten und Fjorden. „Früher standen hier Schuppen und Holzkirchen, die Menschen lebten in ihren Stelzenhäusern am Meer und fuhren mit den Booten raus“, sagt Miller und hält Fotos in die Luft, Szenen aus den 1950er, 1960er Jahren. Die guten, alten Zeiten. Sein Blick wandert ans Ufer, wo heute nur noch Bretter und Trümmer liegen. „Alles weg, dies sind jetzt die Geisterstädte Neufundlands.“

Er erzählt, wie sie den Kabeljau früher fingen, ihn in Salz einlegten, seine Bäckchen als Delikatesse verkauften. Erzählt, wie beim Tauchen nach Seeigeln eines Tages aus Versehen einmal ein kleines Boot über ihn hinwegfuhr und ein Grundnetz nur wenige Meter neben ihm über den Meeresboden zog. „Zurück blieb eine Trasse der Verwüstung“, sagt er. „Es war das erste Mal, dass ich sah, was wir taten, und konnte nur ahnen, was die großen Schiffe draußen an den Grand Banks in all den Jahren angerichtet hatten.“

Ein frischer Wind fegt übers Meer, tiefdunkelblau öffnet sich der Sund zwischen Küste und Insel. Völlig vereinsamt stehen ein paar Häuser an den Stegen, senken sich die grünen Hügel an den Saum des glasklaren Atlantiks. Hummerkörbe liegen auf einer Steininsel innitten der Bucht, ein Seeadler zieht seine Runden.

Hummerkörbe heißen in Neufundland jetzt anders. Sie bemalen sie mit bunten Farben und schreiben drauf: »Tourist Trap«

Bruce Miller steht auf seinem Boot, kratzt sich am Bart. Seine Augen schauen ein bisschen ungläubig, ein wenig traurig. Daran, dass sich auch ohne Fangnetze über die Runden kommen lässt, muss er sich noch immer erst gewöhnen. Er gehört jetzt zur ersten Generation, die nicht mit dem Kabeljau ihr Geld verdient, sondern mit seinem Ende.

Text und Fotos © Marc Bielefeld

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