Ein Baum von Boot

Ohne diesen Kahn hätten wir die Erde womöglich nicht entdeckt. In Malawi fahren die Fischer noch mit dem Einbaum raus, dem einfachsten und vermutlich ältesten Boot der Welt

Der Star dieser Geschichte ist ein stumpfes Stück Holz. Ungehobelt, ungeschliffen, unlackiert. Späne stehen ab, Kerben sind zu sehen, überall Spuren heftiger Einschläge. Ein Vehikel bar jeder Eitelkeit, bar jeden menschlichen Strebens nach Komfort und Perfektion. Kein feines Lackkleid ziert den Rumpf, kein Beschlag, keine Winsch. Dieses Boot besitzt absolut nichts außer seiner archaischen Form und Funktion, und gerade darum ist es so besonders: der Einbaum – das älteste Boot der Menschheitsgeschichte.

Es ist deshalb ein Superstar, weil es zu den ganz großen Würfen gehört. Es hat Welten eröffnet, uns die Welt des Wasser erst erschlossen. Es ist – in all seiner Schlichtheit – eine so bahnrechende Entdeckung wie das Feuer, das Rad, das Steinbeil. Wann hat der Mensch es erfunden? Wer war der Mensch oder die Sippe, die erstmals auf die verrückte Idee kam, einen Baumstamm zu nehmen, diesen unter Strapazen auszuhöhlen und ihn dann ins Wasser zu schieben? Sich hinein zu hocken und das allererste Mal auf so etwas wie einem Boot zu sitzen?

Niemand weiß es. Geschichtsbücher tun immer nur so, als hätten sie Augen, als wären sie dabei gewesen. Natürlich haben sie keine Augen, natürlich mutmaßen sie stets nur, was wie wo wann wirklich geschah. Konnten die Menschen, die den Einbaum einst ersannen, überhaupt schon sprechen? Oder schrien sie sich ihre Ideen, ihre Einfälle und Gedanken noch in Form gutturaler Laute zu?

Wir müssen über den See!
Du bist verrückt! Wie wollen wir das machen!
Lasst uns einen Baum nehmen!
Ja, den da, der ist schön rund und dick!
Wir schneiden wir seine Äste ab?
Wie bekommen wir einen Schlitz hinein?
Wir nehmen unsere spitzen Feuersteine und schaben so lange, bis wir tot sind!

Es war die Zeit der großen offenen Weiten für Ideen. Die meisten Wunder waren noch unentdeckt, die Seiten der kulturellen Menschwerdung noch weitesgehend ungeschrieben. Da kamen die ersten Menschen darauf, ein Boot zu erschaffen. Und vielleicht war es tatsächlich die berüchtigte Nussschale, die sie auf dem Wasser treiben sahen – und die sie eines Tages auf die kühne Idee brachte: dass eine bestimmte und hohle Form schwimmt und sogar schwere Gewichte von einem Ufer zum anderen tragen kann. Felle, Äxte, gefangene Fische – den Menschen selbst!
 Ein Geniestreich. Das sogenannte Monoxylon ist das älteste bekannte Wasserfahrzeug der Menschen; Experten nennen es den »mesolithischen Einbaum«. Und dafür wurden lediglich Stämme ausgehöhlt, sodass schwimmfähige Körper entstanden. Aus der Epoche davor, dem Paläolithikum, existieren keine Funde von ähnlichen Booten. Womöglich, weil zu den Kaltzeiten noch keine geeigneten Bäume wuchsen, die Menschen der Altsteinzeit offenbar auch noch nicht die nötigen Werkzeuge erfunden hatten.

Der älteste bekannte Einbaum stammt dabei nicht aus Afrika oder Ozeanien, sondern angeblich aus Pesse in der niederländischen Provinz Drenthe. Das drei Meter lange, 30 Zentimeter hohe und 45 Zentimeter breite Wasserfahrzeug datieren Experten auf 6300 Jahre vor Christus – das älteste erhaltene Boot der Menscheit. Doch waren wir offenbar schon vorher auf dem Wasser unterwegs. Das älteste bekannte Paddel nämlich stammt aus Scarborough, Großbritannien, und soll sogar fast 10.000 Jahre auf dem Buckel haben, weiland benutzt von der Maglemose-Kultur des nordeuropäischen Tieflands.

Ohne Frage ist der Einbaum das Ur-Boot schlechthin – und wir sollten uns vor kurz vor ihm verneigen. Ohne ihn nämlich säße keiner von uns auf seiner Yacht. Ohne ihn würde kein Segelstar heute den America’s Cup austragen und wohl auch kein Kreuzfahrtschiff durch die Karibik dampfen. Ohne den Einbaum würden wir noch immer am Ufer sitzen und das Meer nur staunend betrachten – anstatt es höchstpersönlich zu befahren.

Dies ist ein weiteres Phänomen dieses Bootstyps: Der Einbaum ist bis heute im Einsatz, exakt so, wie er vor tausenden von Jahren einmal erschaffen wurde

Es ist ein heißer Tag in Kasankha Bay, gelegen im tiefen Malawi, gelegen im hintersten Afrika. Das kleine Fischerdorf Mtewa hat bis heute keinen Strom, abends brennen Fackeln vor den Hütten. Unweit der Akazien und Baobabs breitet sich vor dem flachen Ufer der Malawisee aus. Über 560 Kilometer zieht er sich nach Norden, spreizt sich 80 Kilometer in die Breite, senkt sich 700 Meter in die Tiefe. Im Westen und Süden umrahmt ihn Malawi, im Norden und Osten säumen ihn Tansania und Mozambik: den drittgrößten See Afrikas.

An seinen Ufern, per Muskelkraft auf die Strände gezogen, sind sie überall zu sehen: Dutzende, Hunderte Einbäume liegen dort im Sand, derb und archaisch wie vor Tausenden von Jahren. Und dies ist ein weiteres Wunder dieses Bootstyps: Der Einbaum ist bis heute im Einsatz, exakt so, wie er einmal erschaffen wurde.

Dies lässt sich wohl von keinem anderen Fortbewegungsmittel sagen, das wir je erfunden haben: Schon sein Urzustand, sein erster Prototyp, war so genial, dass wir ihn heute noch so kennen. Unverfälscht, unverändert. Einbäume sind noch immer im Einsatz, die Menschen nutzen sie in Sri Lanka, in Südostasien und der Südsee, auf dem Amazonas in Brasilien, vor allem jedoch in weiten Teilen Afrikas. Fischer befahren mit ihren Einbäumen die Flüsse und Seen, Frauen bringen in den ausgehöhlten Baumstämmen Maniokwurzeln und Bananen zu den Märkten.

Trotz aller Technisierung ist der Einbaum in vielen Ländern der Welt bis heute ein alltägliches Arbeitsgerät. Ohne dieses rudimentäre und völlig schnörkellose Schiffchen wäre das Leben vielerorts schwieriger, wenn nicht unmöglich. So auch am Malwisee, wo der Einbaum noch so alltäglich ist wie bei uns der VW Golf. Hier unten im bitteramen Afrika ist der Einbaum sozusagen das Volksboot.

Tagsüber paddeln auf den Booten Hunderte Menschen auf den See hinaus, Kinder, Alte und durchtrainierte Fischer, deren sehnigen Muskeln sich unter der 40 Grad heißen Sonne spannen wie Stahlseile. Sie werfen Netze aus, lassen von den Booten Angelleinen ins Wasser, sitzend, kniend, stehend. Ein vierzig Meter langes Netz von so einem gerade mal fünf Meter langen und 60 Zentimeter breiten Kahn ins Wasser zu schmeißen und es anschließend voller Fische wieder an Bord zu hieven ist dabei nichts anderes als ein Akt für Akrobaten.

Um beim Fischen von diesem Donnerbalken zur See nicht sofort ins Wasser zu krachen, ist die Balance eines Seiltänzers gefragt, die Kraft eines Gewichthebers und die Fingerfertigkeit eines Jongleurs. Obendrein sollte die Ausdauer eines Kamels mitbringen, wer da draußen in der schädelspaltenden Hitze auf dem Wasser auch nur eine Stunde durchhalten will.

Recht stabil liegt der Einbaum zunächst im Wasser, der geringe Tiefgang jedoch lässt den Rumpf bei der kleinsten Welle torkeln, rollen und rotieren. Und das liebe Boot besteht ja nur aus Rumpf. Im Bootsinneren – einem Schlitz, in den ein normaler Westeuropäer noch nicht einmal seinen Hintern quetschen kann – schwappt Wasser, das am Malawisee durchaus Bilharziose-infiziert sein könnte. Nach einem erfolgreichen Fang zappeln einem dort unten in der »Bilge« ein paar hundert kleine Fische zwischen den nackten Füßen herum; kleine silbrige Usipa-Sardinen oder der beliebte Chambo, eine Buntbarschart.

Um beim Fischen von diesem Donnerbalken zur See nicht sofort ins Wasser zu krachen, ist die Balance eines Seiltänzers gefragt, die Kraft eines Gewichthebers und die Fingerfertigkeit eines Jongleurs

Das Freibord dieses Boots ist desweiteren so niedrig, dass man sich auch gleich ins Wasser setzen könnte, sein Innenleben dabei so spartanisch wie ein Erdloch. Keine Sitzbank, keine Fußleiste, keinerlei Halterung für irgendwas. Die Fischer haben außer ihrem Netz und dem schmalen Paddel nichts dabei. Kein Ösfass, keinen Eimer, kein Messer. Sie haben ja nicht einmal zu essen oder zu trinken dabei.

Entsprechend rudimentär gestaltet sich denn auch die Grundausstattung dieser Bootsklasse. Der echte Einbaum besitzt keine Pinne, kein Schwert, keinen Kompass, keinen Anker, keine Bimini, keine Kühltasche. Absolut nichts. Diese Bootsklasse ist einfach nur ein Baum von Boot. Für seine Handhabung ist die reinste, die absolut nackteste Form der Seemannschaft gefragt. Hier auch nur einen Rettungsring mitnehmen zu wollen, würde schallendes Gelächter provozieren. An Bord gibt es nicht einmal genug Platz, um seinen Strohut irgendwo kurz abzulegen. 
 Im Gegenzug jedoch besitzt der Einbaum die eine entscheidende Eigenschaft, bei der selbst die ausgefeilteste Hochseeyacht nicht mitkommt. Denn es kann ein noch so ausgewachsener Orkan wüten, es können noch so hohe Wellen das Schiff fluten und zehnmal durchkentern lassen: Dieses Boot sinkt nicht. Es kann nicht sinken, weil ein Baumstamm länger schwimmt als jeder Seenotrettungskreuzer. Pures Holz eben, besser geht’s nicht. Fischer auf dem Malawisee haben in heftigen Stürmen – die diesen See regelmäßig heimsuchen – schon tagelang auf ihren Einbäumen überlebt.

Wie lange es die genial einfache Konstruktion tatsächlich schon gibt, ist indes eine strittige Frage. Schon in der Steinzeit setzten die Menschen einfache Boote ein, und Historiker gehen davon aus, dass sie schon vor dreißigtausend Jahren Versuche unternahmen, Wasser zu überqueren. Erst Flüsse und Seen, bald wagten sich die ersten womöglich einige hundert Meter auf ein Meer hinaus. Boote aus vorgeschichtlicher Zeit sind nicht erhalten. Doch die Funde von Wal- und Robbenknochen lassen ahnen, dass der Mensch schon damals aufs Meer hinausfuhr.

Zunächst nutzte er wahrscheinlich Baumstämme, Flöße oder Schilfbündel, um sich über Wasser zu halten. Dann aber folgten bereits die ersten die Ur-Boote – eben jene Einbäume, die bereits ein mit Steinwerkzeugen herausgeschabten Hohlraum besaßen. Und aus eben diesen schlichten Einbäumen sind wahrscheinlich auch die ersten Segelboote überhaupt entstanden. Denn eines nicht allzu fernen Tages kam der erste Mensch auch auf die Idee, ein Fell, ein Tuch, ein Palmblatt oder sonst etwas auf einem Einbaum aufzurichten – und in den Wind zu stellen. Das erste Segel der Geschichte.

Viele gehen davon aus, dass es die Polynesier waren, die in besegelten Einbäumen als erste die Meere befuhren, stabilisiert allerdings mit Auslegern, welche diese Konstruktionen bereits äußerst stabil und seetauglich machten. Die europäischen Entdecker des frühen 16. Jahrhundert – Antonio Pigafetta, Ferdinand Magellan, Abel Tasman – sahen die Südseeinseln mit eigenen Augen und beschrieben auch die Kanus Ozeaniens. Kleine und große Auslegerrümpfe, in denen teils Dutzende Passagiere sitzen konnten und in denen Vorräte gestaut waren für längere Reisen übers Meer. »Boote, die wie Delfine von Welle zu Welle springen«, schrieb Magellan in einem seiner Berichte über die Marianeninseln nahe Guam.

Noch heute sind viele Einbäume mit Segeln bewehrt, der Wind pustet die schlichten Boote über die Lagunen von Madagaskar, Indonesien, Zanzibar oder der San-Blas-Inseln. Man sieht sie auf dem Niger, in den stinkenden Häfen des Mekong-Deltas. Und natürlich sind da nicht nur die Menschen, die die Einbäume nutzen, natürlich muss es auch die Bootsbauer geben, die die herben Untertsätze wie eh und je aus den Bäumen kratzen.

Die mesolithischen und neolithischen Einbäume waren meist noch aus weichem Lindenholz gefertigt, mittelalterliche hingegen bereits aus härterer Eiche. Doch legten die Einbaumbauer wert auf leichtes, weiches Holz – weil sie vor tausenden Jahren noch nicht das schwere Werkzeug besaßen. Heute ist das nicht viel anders, doch in Malawi gehen die Afrikaner beim Bau der Einbäume knüppelhart zur Sache.

An den Ufern des Malawisees sind die meisten Bäume längst gefällt, seit Jahrhunderten schlug man sie für den Bau der Einbäume, aber auch für Feuerholz. Im Hinterland jedoch trifft man sie noch an, so auch zwischen den Hütten des Dorfs Milongwa, die Bootsbauer der derben Art, kräftige Afrikaner, deren einzige zwei Werkzuge eine lange Spitzhacke und ihre Muskeln sind.

Sie bekommen die Stämme des Mangobaums heute geliefert, gefällt mit der Motorsäge, aber dann rücken sie dem massiven Stück Holz mit schierer Menschenkraft zu Leibe. Sechs Tage lang, sagt der Bootsbauer von Milongwa, würde er auf das Holz einschlagen, es in Form bringen, bis zwei Andeutungen von Bug und Heck erkennbar werden, bis zum Schluss die tiefe und nach unten hin immer breitere Einbuchtung im Rumpf entsteht. Tock! Tock! Tock! Stundenlang prügelt der Mann auf das steinharte Holz ein, der werdende Rumpf des Einbaums steht im Schatten eines Baums. Kinder und zahnlose Alte scharen sich um den Mann, den Bootsbauer, der in Afrika bis heute ein äußerst verehrter Zeitgenosse ist.

Der Bootsbauer macht die Boote, die Fischer holen den Fisch aus dem Wasser. Ohne die Boote, ohne den Fisch kein Überleben. Das Eiweiß der Fische ist die wichtigste Proteinquelle der Menschen hier; in der Hitze und im staubtrockenen Boden Malawis wachsen sonst nur Mais und Maniok.

Das Licht lockt die Fische aus der Tiefe, sobald die Nacht über den See gefallen ist. Das Wasser ist warm, die kleinen Wellen, die an den Rümpfen schmatzen. Dann werfen sie das erste Netz in den See

Gut 120 Dollar kostet der Einbaum nach einer Woche schlagkräftiger Arbeit, ein Vermögen. Dann laden die Männer drei, vier der bis zu 500 Kilo schweren Einbäume auf Lastwagen und fahren sie zum großen Wasser. Zwei Fischer werden darin auf den See hinaus fahren, maximal vier, je nach Größe und Länge ihres Gefährts.
Am späten Nachmittag um halb sechs steht die Sonne wie eine glühende Tomate über dem westlichen Horizont des Sees. In der Bucht von Kasankha, in den Dörfern Mseka und Mtewa, schleppen die Männer ihre Ausrüstung an die Strände. Sie besteht lediglich aus ihren Netzen und chinesischen Paraffinlampen, die sie aus Tansania holen, weil sie dort billiger sind als in Malawi. Sie schnallen die Lampen, vier pro Einbaum, auf ein Holzbrett, das quer über den Bug genagelt ist. Ihr Licht wird die Fische aus der Tiefe locken, wenn die Nacht über den See gefallen ist.

Das Leben der Malawi-Fischer folgt einem einfachen Gesetz: Sie bleiben so lange draußen, bis die Netze voll sind. Notfalls die ganze Nacht

Dann rollen sie die Netze auf, stapeln sie im Inneren des Boots, in diesem Schlitz, in dem keine zwei Menschenbeine nebeneinander Platz finden. Das Wasser ist warm, die kleinen Wellen, die an den Rümpfen schmatzen, als sie die Boote durch die Brandung schieben. Um halb sieben am Abend herrscht rundherum nur noch mattschwarze Dunkelheit. Eine Stunde paddeln die Männer hinaus, dann landet das erste Netz im Wasser.

Zigarettenkippen glühen in den Mündern, helle Augen in schwarzen Gesichtern huschen über den See, der fast schon ein Meer ist. Die halbe Nacht hocken die Fischer von Kasankha Bay in ihren winzigen Einbäumen auf dem großen Wasser, und wenn nicht genügend Fische in den Netzen landen, dann bleiben sie die ganze Nacht.

Eine Herschar dahintreibender Glühwürmchen in der Dunkelheit. So wie vor hunderten, so wie vor tausenden Jahren, als der Mensch das Wunder namens Schiff erfand.

Text und Fotos © Marc Bielefeld

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