Notbremse im Palmenhimmel

Als das Partyparadies Boracay im Müll ertrank, griff der Präsident der Philippinen, Rodrigo Duterte, knüppelhart durch: Er machte die ganze Insel dicht. Eine Radikalkur, die in Zeiten des „Overtourism“ durchaus Schule machen könnte

Der Weg ins neue Paradies führt vorbei an großen Werbeplakaten, hupenden Taxis und mahnenden Schildern. „No parking, no smoking, no littering!“ Rechts das blaue Meer, links ein haushoher Banner in den bunten Farben der Tropen. Darauf ist zu lesen: „Unsere Insel steht wieder auf – McDonalds’s begrüßt Sie zurück auf Boracay.“

Sicherheitsleute in gelben Westen stehen an der Pier, Touristen mit Rollkoffern steigen aus Bussen, stellen sich in die Warteschlangen. Eine Gruppe Japaner in kurzen Hosen und nagelneuen Sneakern drängt zum Checkpoint. Von einer uniformierten Dame bekommen sie Nummern: Tickets eines Transferunternehmens, das sie zur Insel bringen wird. In der Halle vor den Booten wird als nächstes ihr Gepäck gescannt, wie an einem Flughafen. Hinter ihnen, vor ihnen, überall wuseln Menschen im Feriendress. Europäer, Amerikaner, Asiaten in Flipflops, Cappys, bunten T-Shirts. Als nächstes müssen sich alle Mann an Schaltern registrieren, müssen die Buchung eines akkreditierten Hotels vorlegen.

Der Weg ins wiedererwachte Paradies ist streng reguliert. Es kommt nur rein, wer sich an die Regeln hält. Und es darf nur bleiben, wer kapiert hat, dass im Tourismus eine neue Zeitrechnung begonnen hat.

Es ist warm und schwül im Norden von Panay, einer Insel, die zum philippinischen Visaya-Archipel gehört. Der Airport Caticlan liegt gleich um die Ecke, und von hier aus ist es nur noch ein Katzensprung bis zu jenem kleinen Palmenparadies in der Sulusee, das den Namen Boracay trägt. Eine der bekanntesten Partyinseln Asiens. Ein von türkisem Meer umschwapptes Eldorado für Honeymooner, Bar-Hopper und Sonnenanbeter.

Nun ja, bis vor kurzem. Bis ein Faustschlag von ganz oben dem Treiben ein jähes Ende setzte.

Gut vierzig, fünfzig Shuttle-Boote dümpeln im warmen Meer, im Halb-Stunden-Takt bringen sie die Besucher rüber zur Insel. Über klapprige Gangways klettern die Passagiere auf die schaukelnden Kähne, verstauen ihr Gepäck, quetschen sich auf die schmalen Plastiksitze. Der Weg ins Elysium wackelt, es riecht nach Benzin. Dann drehen die Außenborder hoch, das Boot legt ab, der schmallippige Kapitän gibt Vollgas. Nach zehn Minuten Fahrt über petrolfarbenes Wasser kommen die Kokospalmen in Sicht, das offene Ankunftsterminal der Insel. An den Stränden parken motorisierte Dreiräder, verkaufen fliegende Händler frische Säfte. Dahinter: Baustellen, aufgerissene Straßen, eine blank liegende Kanalisation. Die Japaner, endlich auf der Insel, sind am Zetern. Sie suchen den Shuttle-Bus, der sie zu ihrem Hotel fahren soll. Direkt vor ihrer Nase schnauft ein mächtiger Bagger über einen Schotterweg, entsorgt eine Schaufel Schutt nach der nächsten.

Was sich den Ankömmlingen im Paradies eröffnet, ist das Bild des Umdenkens. Das Szenario nach einer fremdenverkehrstechnischen Radikalkur. Doch nun dürfen Gäste wieder begrenzt auf die Insel. Die Regierung hat ein erstes „Soft opening“ genehmigt, und es fühlt sich an wie das vorsichtige Erwachen nach einer Läuterung.

Was auf Boracay geschah, dürfte in der Geschichte des Tourismus einmalig sein. Nachdem Hotels und Pensionen in den letzten Jahren ohne Genehmigung aus dem Boden geschossen waren, nachdem Abwässer im Meer landeten, die Korallen starben und sich der Plastikmüll türmte, stand die von Reisemagazinen und Internetseiten lange gehypte Insel vor dem touristischen Herzinfarkt. Bis der philippinische Präsident Rodrigo Duterte mit der Faust auf den Tisch schlug. Als er die Insel besuchte, sprach er von einer „Kloake“. Öffentlich sagte er, gegen die eigene Tourismusbranche: „Wenn man hier ins Wasser geht, stinkt es. Und wonach? Nach Scheiße.“

Danach war schluss. Duterte gab der Insel drei Wochen – dann machte er sie im April 2018 dicht. Alle Touristen raus. Alle Hotels zu. Alle Betriebe geschlossen. Nur wer einen Wohnsitz auf Boracay vorweisen konnte, durfte bleiben. Keine Diskussionen. Aus die Maus. Basta.

Sieben Monate lang glich Borcay einer Geisterinsel. Der Natur wurde eine Zwangspause verordnet, um sich zu erholen. Währenddessen rückten Hundertschaften von Polizisten und Soldaten an und übernahmen das Kommando. Die Küstenwache kontrollierte das strikt verhängte Badeverbot. Dann kamen die Bagger und Bautrupps. Sie rissen Straßen auf, illegale Hotels nieder, marode Abflussrohre aus der Erde. Es war, als hätte man die Insel kurzerhand in eine Intensivstation verwandelt. Eine Destination auf dem OP-Tisch, um sie vor dem Kollaps zu bewahren.

Immer mehr Touristen reisten in den letzten Jahren auf die Philippinen, um auf den über 7000 Inseln Urlaub zu machen. Menschen aus aller Welt, vor allem aus China, Taiwan, Korea. 2017 zählte der Inselstaat 6,6 Millionen Besucher, von denen mehr als zwei Millionen auch auf Boracay landeten. Auf diesem gerade mal zehn Quadratkilometer kleinen Eiland, auf dem sich zeitweise über 50.000 Einwohner, Touristen, Jobber und Arbeiter drängelten. Weit über tausend Hotels und Gästehäuser buhlten zum Schluss um Kundschaft, und viele der Bauten waren im Eiltempo und ohne Genehmigung aus dem sandigen Boden gestampft worden. Bis zum Spülsaum des Meeres wummerten die Bässe, reihten sich Bars, Restaurants, Discos, Souvenirbuden und Tauchschulen aneinander. Fast jeder hier lebte vom Tourismus, lebte gut davon  – bis die Insel beinahe an sich selbst erstickte und in den Lagunen mehr Colibakterien schwammen als Fische.

Boracay ist nun in doppelter Hinsicht ein exemplarischer Fall, was die Entwicklung des Reisens betrifft. Der „Overtourism“ schlug hier zu, so wie er viele Orte auf der Welt beutelt. In Venedig müssen Touristen neuerdings Eintritt zahlen, um überhaupt reinzukommen. Zu voll, zu groß der Ansturm. In Städten wie Barcelona, Florenz, Dubrovnik, Prag, aber auch auf Ferieninseln wie Mallorca oder Ibiza müssen die Gemeinden Strategien aushecken, um den Strom der einfallenden Gäste zu lenken. Viele Einheimische sind derweil längst entnervt, nicht wenige ziehen weg.

In Amsterdam pinkeln heute so viele Partypeople in die Kanäle, hinterlassen so viel Müll, dass die Touristen schon selbst anrücken und Geld dafür zahlen, um auf Touren ihren eigenen Mist aus der Stadt zu fischen. Über das kleine österreichische Dörfchen Hallstatt im Salzkammergut, 800 Einwohner, fielen letztes Jahr fast eine Million Besucher her, vor allem Chinesen. 360 Meter über dem See hat ein Skywalk eröffnet, auf dem die Reisenden gleich beides abhaken können: Adrenalinkitzel und Bergidyll. Auch Lissabon taumelt zwischen Hype und Horror. Durch einige Viertel rattern inzwischen so viele Drei-Tage-Gäste mit ihren Rollkoffern, dass Anwohner schon mit faulen Eiern nach ihnen schmissen.

Die Gründe für den Travel-Boom liegen auf der Hand: Billigflüge, Buchungsportale, private Schnäppchenzimmer – die Reisewelt tickt auf Hochtouren im digitalen Hosentaschenformat. Alles geht. Alles günstig. Ein Wisch, und man sitzt im Flieger.

Zur ITB wurden jüngst Zahlen veröffentlich, die den Trend untermalen. Laut dem World Travel Monitor 2018/2019 ist die Zahl der weltweiten Auslandsreisen im vergangenen Jahr um 5,5 Prozent auf 1,4 Milliarden gestiegen. Das Resultat ist vielerorts zu spüren: Vermarktung, Verschmutzung, Verstopfung.

Die kleine Insel Boracay aber ist nun noch auf andere Weise zum Paradebeispiel geworden: Die Totalschließung eines ganzen Urlaubsorts dürfte die bisher drastischste Maßnahme sein, um dem touristischen Overkill zu begegnen. Und ausgerechnet ein umstrittener Diktator war es, der vollstreckte. Der wahrmachte, was viele ahnen und wissen, jedoch allzugern ausblenden: Es wird alles zu viel – es muss etwas geschehen.

Die Zukunft des nachhaltigen Tourismus hat strenge Regeln, kommt ohne Gebote und Verbote nicht aus. Doch genau damit könnte das verlorene Paradies in der Sulusee sogar zum Lehrstück werden

Nun geschah es. Duterte agierte wie der strenge Vater, der seine Racker zu Zucht und Ordnung verdonnert. Paff!

Ein Manöver, das durchaus auch politische Dimensionen birgt. Denn während andernorts jahrelang diskutiert wird, während Kommissionen Studien auswerten und Gemeinderäte endlos debattieren – hier hat ein Regent nonchalant durchgegriffen. Und damit auch die unangenehme Frage aufgeworfen, ob Demokratien in dringenden Fällen womöglich viel zu träge funktionieren. Ein Dilemma im Dilemma.

Auf dem kleinen Boracay sind die Aufräumarbeiten derweil in vollem Gange – und die Weichen gestellt. Die Zukunft eines regulierten und nachhaltigen Tourismus’ lässt sich hier schon jetzt erleben. Das fast verlorene Paradies in der Sulusee könnte dabei am Ende sogar zu einem Lehrstück werden – trotz oder vielleicht gerade wegen des rigorosen Einschreitens eines Herrschers.

Schneeweiß leuchten die Strände Boracays unter der Sonne, die bunten Auslegerboote liegen im Sand, segeln zum Sonnenuntergang über das warme Meer. An den Ständen warten Kokosnussverkäufer auf Kundschaft, auf den Rikschas dösen Fahrer und hoffen auf Passagiere. Seit November können erste Touristen testweise wieder auf die Insel. Aber sie werden ab jetzt gezählt: Laut Berechnungen kann die Insel maximal 19.000 Menschen auf einmal ertragen.

Die Behörden wollen darum die täglichen Ankünfte limitieren, die Einheimischen gleichzeitig dazu auffordern, in die Nachbarprovinz Aklan umzusiedeln und nur noch zum Arbeiten auf die Insel zu kommen. Und den Hotels wird nur nach korrektem Anschluss an die neue Kanalisation erlaubt, wieder zu eröffnen. Jenen, die den Umweltvorschriften wiederholt nicht gerecht werden konnten oder wollten, gab man 15 Tage Zeit, um ihre Häuser selbst abzureißen. Sonst würde dies die Regierung erledigen.

Der Patient Boracay ist aus der Narkose erwacht. Wie nach einer Herz-OP muss er sich nun an ein Leben mit strenger Diät gewöhnen.

Die Utensilien eines gelungenen Urlaubs sehen nun so aus: ein Baumwollbeutel zum Shoppen, ein Biostrohhalm für die Bar und eine wiederverwendbare Trinkflasche für den Strand. Alles, nur kein Plastik!

Im kleinen Boutiquehotel „Vill Caemilla“ werden dem Gast die neuen Utensilien eines gelungenen Urlaubs noch vor dem Einchecken überreicht. Ein Baumwollbeutel zum Einkaufen, eine wiederverwendbare Trinkflasche mit Filter, ein abbaubarer Bio-Strohhalm. Die Dame an der Rezeption lächelt. „Sie bekommen jederzeit einen neuen, wenn Sie wünschen“, sagt sie. „Es ist gut für unsere Insel.“ Sie muss sich nicht entschuldigen. Die Gäste finden es prima, wenn Hotels umdenken und umstellen. Das ist jetzt nicht mehr öko, das wirkt jetzt sehr modern. Ein Amerikaner, der an der Bar sitzt und seinen wiederverwendbaren Strohhalm mitgebracht hat, sagt: „Great stuff, man, good idea.“

Vor jeder Bar und jedem Coffeeshop stehen jetzt beschriftete Mülleimer. Boracay trennt ab sofort. An den Stränden ist Alkohol verboten, Tische, Stühle, Massagebänke dürfen nicht mehr am Beach aufgestellt werden. Auch die Zeit des wilden Feierns ist vorbei. Allein bei der einmal im Jahr steigenden Inselparty „LaBoracay“ hatten zuletzt 70.000 Menschen Hunderte Tonnen an Müll hinterlassen. Raucher müssen ab jetzt definierte Zonen aufsuchen, alle Casinos wurden von der Insel verbannt, das Bauen von Sandburgen untersagt. Und neben der Aufforderung, Tuktuks und Kleinbusse baldigst auf Elektroantrieb umzustellen, gehört auch dies neuerdings zu den No-Go’s: sich öffentlich zu übergeben.

Die berühmten Feuertänzer der Insel mussten ebenfalls umrüsten. Das Department of Environment and Natural Resources (DENR) hat ihnen vorgeschrieben, nur noch LED-Lampen zu nutzen. Das Kerosin der alten Fackeln hätte Strände und Meer verunreinigt. Das DENR versprach den Hunderten von Feuertänzern auf Boracay sogar finanzielle Unterstützung, sollte ihr Geschäft unter der Umstellung leiden.

Unten am langen White Beach patroullieren Polizisten. Sie sollen sicherstellen, dass sich alle an die neuen Gebote halten. Der philippinische Innenminister Eduardo Año sagte: „Boracay ist jetzt eine Disziplin-Zone.“ Um Rückfälle zu vermeiden, wird das Paradies bis auf weiteres an kurzer Leine gehalten. Betriebe und Geschäfte hingegen, die den Richtlinien genügen – vom Copyshop bis zur Pizzabude – bekommen ein Plakat vom Inspektionskommittee an den Eingang gepinnt. Darauf die Bestätigung, dass sie alle Auflagen erfüllen. Und der Satz: „I saved Boracay.“

Vor den Tauchbasen stehen nun wieder die Pressluftflaschen, die Ausflugsboote tuckern erneut hinaus, die Gäste schwimmen in der seichten Lagune vor dem vier Kilometer langen Hauptstrand. Vor allem das Meer soll sich nach diesen sieben Monaten erholt haben, sogar schneller als erhofft. An einer Beachbar sitzt nachmittgas Antony Ramirez, ein Filipino, der auf Boracay lebt und sein Geld mit Surfunterricht verdient. „Vor der Schließung wurde ich manchmal nachts wach, fühlte mich unwohl“, erinnert er sich. „Meine Haut juckte, und nachdem ich beim Surfen einmal Wasser geschluckt hatte, musste ich mich übergeben. Es muss vom Meer gekommen sein.“ Das sei nun vorbei. Die Algen verschwunden, die See wieder blau und klar. Auch ein französisches Ehepaar, das seit Jahren die Winter auf Boracay verbringt, erzählt, dass die Enkelkinder wieder im Meer spielen würden. „Noch im letzten Winter hatten sie danach öfter rote Pusteln auf der Haut.“

Unten am Strand, umspült vor den seichten Wellen, kommt gerade Pauline Evora aus dem Meer, die mit ihrem philippinischen Mann Roldan seit sieben Jahren auf Boracay lebt. Sie trägt das hautenge Kostüm einer Meerjungfrau am Leib, denn sie gibt, vor allem den Asiaten, Unterricht im beliebten Mermaidswimming. „Es war Wildwuchs“, sagt sie zu den Zeiten vor der Stunde null. „Alle wussten, dass etwas geschehen musste.“ Damit fasst sie die Meinung der meisten zusammen, die auf der Insel leben und arbeiten. Viele hätten sich zwar ein seichteres Vorgehen gewünscht, einige Familien erlitten herbe Verluste oder verloren gar ihre Existenz.

Doch dieser eine Satz – er klingt fast wie eine globale Fanfare – ist heute aus jedem Mund zu hören: „It was too much.“

Am Ostufer der Insel fliegen die Kitesurfer übers Wasser, in der D’Mall haben die Souvenirshops geöffnet, mittendrin Apartments, schicke Poolbars und Sushiläden, die so nagelneu sind, dass sie wie eine Animation anmuten. Während Teile des neuen Boracays schon existieren, werden ein paar Meter weiter noch immer alte Bauten niedergerissen, liegengebliebene Müllberge entsorgt, ganze Straßenzüge neu gepflastert. Eine Welt zwischen Katerstimmung und Neuanfang. Ein Ferienhimmel in der Reha.

Über die Insel zu spazieren gleicht in diesen Tagen einer Projektion. Einem Film, der sich auf viele Orte der Welt übertragen ließe. Auf die überfüllten Innenstädte vieler Metropolen, auf die plastikverseuchten Strände der meisten Ozeane, auf viele Skischaukeln in den Alpen und auf all die Highlights, Top-Tens und Must-sees dieser Welt.

Am Abend sitzt noch ein Hoteldirektor an der Bar eines Strandhotels. Er will seinen Namen nicht nennen. Er trägt Schlappen, Shorts und offenes Hemd, trinkt seinen Cocktail durch einen Bambusstrohhalm und sagt, ein wenig entrückt in die Ferne blickend: „Man kann ja denken, was man will, aber jetzt hat endlich mal einer die Notbremse gezogen.“

Text und Fotos: Marc Bielefeld

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