Gut gelandet

Still ist es im hohen Norden Schwedens. Wenig Menschen, viele Bäume. Einen deutschen Arzt zog es in die Weite, weil er hier oben fliegen, fischen und in aller Ruhe seiner Arbeit nachgehen kann

Als Bastian Ulmer an diesem Morgen ins Freie tritt, hat die Nacht neuen Schnee geschickt und liegen die Wälder Lapplands in einer schweigenden Welt aus grauer Milch. Die Spuren der Ski-Doos sind verschwunden, die Farben verblasst. Nur drei Rentiere gehen den Abhang hinunter und laufen durch die weiße Stille. Der Himmel kennt keinerlei Konturen, wie eine monochrome Leinwand verschluckt er das Land. Der fliegende Arzt steht bis zu den Knien im Schnee, so begrüßt er den Tag. Hier oben am See, fast 100 Kilometer nördlich des Polarkreises, hat er sich sein Haus gebaut. Weitab von den Geräuschen und, man könnte sagen, fernab auch von den meisten gewöhnlichen Gewohnheiten.

Vor seinen Augen breitet sich die nordschwedische Provinz Norrbottens län aus, ein Land, das so groß ist wie die gesamte nördliche Hälfte Deutschlands, in dem aber nur 200.000 Menschen leben. Vor zwei Wochen noch waren die Temperaturen hier oben abermals auf minus 20 Grad gesunken, und über die Seen hatte sich eine weitere Schicht aus Schweigen und Eis gelegt. Es ist jetzt Mitte März, und das ganze Land gleicht einem weißen, leicht aufgeworfenen Bettlaken, das erst bei den Gebirgszügen an der norwegischen Grenze endet.

Gelegentlich muss Bastian Ulmer noch an die Flure in den deutschen Krankenhäusern denken. In Deutschland, das ja gar nicht so weit entfernt ist, leben über 82 Millionen Menschen. Manchmal, wenn er am See steht oder mit seinem Volvo durch die Fichtenwälder nach Gällivare zur Arbeit fährt, dann kommen ihm Stahlnägel in den Sinn, Stahlnägel, die man immer schneller produziert und in immer mehr und immer kleinere Schachteln presst, bis kein Millimeter Luft mehr ist. Aber dann verblassen diese Bilder wieder. Gestern Nachmittag ist er, bevor er nun ein paar Tage frei hat, von einem Einsatz gekommen. Ein Mann, der in seiner Hütte in den Bergen nördlich von Kiruna weilte, hatte einen Herzinfarkt erlitten, und mit dem Schneemobil wären es gute zehn Kilometer bis zur nächsten befestigten Straße gewesen.

Der Alarm war übers Handy gekommen, und dann waren die Piloten und die Ärzte in den Ambulanzhelikopter gestiegen und in die Berge geflogen. Sie brachten den Patienten ins Krankenhaus von Luleå am Bottnischen Meerbusen und flogen dann zurück zu ihrer Basis nach Gällivare. Unterwegs sahen sie aus 200, 300 Meter Höhe nur Wälder, Berge, Fjorde, Seen und nur wenige Häuser und Straßen, und alles war von Schnee bedeckt. Sie flogen fünf Stunden. Bastian Ulmer saß als Arzt hinten, den Notfallkoffer und den Defibrillator neben sich. Wie eine gelbe Hornisse landete der Helikopter vor dem Hangar, und schon bald wurde es dunkel. Es sind Einsätze dieser Art. Die Menschen in Nordschweden erleiden seltsamerweise öfter Herzanfälle, man nimmt an, dass dies an einer genetischen Disposition liegt.

Aber es passieren auch andere Unfälle. Kollisionen mit Elchen, Verletzungen beim Bergbau in den Erzminen, und dann fahren die Leute oft betrunken und viel zu schnell auf ihren Schneemobilen über die gefrorenen Seen. „Ein verschneiter Buckel, eine Senke, und sie stürzen meterweit über ihren Lenker“, sagt der deutsche Notarzt Bastian Ulmer. „Danach sind die Rippen gebrochen, die Oberschenkel, oft holen wir sie dann mit dem Helikopter.“

So sieht ein Hangar im verschneiten Nirgendwo aus. Eine Unterkunft für Überflieger, und leise rieselt der Schnee

Er muss nachher noch in die Stadt, tanken und einkaufen, und das alles wird gute zwei Stunden in Anspruch nehmen, weil hier oben alles etwas länger dauert und weil wieder neuer Schnee gefallen ist. Vor seinem Haus türmt sich eine Schneewehe bis hoch zu den Fenstern, und links ist auch Schnee und rechts auch. Überall knirscht es, wenn man drin herumstapft. Nur im Haus ist es warm und brennt der Kamin.

Am Nachmittag will Bastian Ulmer mit seinem Schneemobil noch raus auf den See fahren, ein Loch ins Eis bohren, um zu fischen. In den nächsten Tagen wollen sie jagen. Links, an der Wand neben dem Kamin, hängt ein ausgestopfter Auerhahn, es riecht nach Kiefer. Weites Land, weite Gedanken. Und viele Möglichkeiten, wenn man mit engen Gewohnheiten einmal bricht und tut, was andere vielleicht für verrückt halten, was hier oben im Norden Schwedens allerdings absolut normal ist. Da, wo nicht ganz so viele Häuser stehen und nicht ganz so viele Verkehrsschilder und wo nicht zwangsläufig das passiert, was passiert, wenn die Menschen wie Stahlnägel aufeinanderleben.

Ab und zu kommen wieder die fernen Bilder. Die Flure. Die Krankenbetten, die hin- und hergeschoben wurden, die flitzenden Schwestern und Ärzte in den deutschen Krankenhäusern. Es herrschten „gewisse Strukturen“, wie er es nennt. Die Hatz, die Hierarchien. Die Leitern, die man hinaufzugehen hat. ­Bastian Ulmer nimmt kurz das Wort „Erfolgsdenken“ in den Mund und verzieht leicht sein Gesicht. Aber dann verblassen diese Szenen wieder. Vor zehn Jahren packte er seine Tasche und zog nach Schweden, hoch in den Norden. Doch ging es nicht schnell und entschieden, sondern langsam und auf Umwegen. Ein altes Gesetz. Der Mann geht nicht zum Glück, das Glück kommt zum Mann.

Er war schon eine ganze Weile Arzt gewesen, arbeitete in den Schichtdiensten, in der Intensivmedizin, als Anästhesist, probierte Krankenhäuser in verschiedenen deutschen Städten. Überall das Gleiche. Dabei war es gar nicht die Arbeit, die er ja liebt. Es waren die Korsetts, das Streben, die Straße mit nur einer Bahn; und vielleicht auch das eine oder andere, von dem er noch überhaupt nichts wusste. Er fuhr gern nach Schweden. Er mochte die Seen, die Fische. In Schweden, das fast anderthalbmal so viel Fläche besitzt wie Deutschland, leben zehn Millionen Menschen. Ein Achtel. Und je weiter nördlich man kommt, desto weniger werden es. Er verbrachte Wochen hier, in den freien Zeiten, die zur Erholung dienten, und er wohnte bei einer befreundeten Familie. Eines Tages sagte die Familie zu ihm, als ob sie etwas spürte: „Wir sprechen ab jetzt nur noch Schwedisch mit dir. Kein einziges Wort Deutsch mehr, kein einziges Wort Englisch.“ Und sie taten es wirklich. Keine bekannte Vokabel mehr. Nur das leere weiße Blatt einer neuen Sprache.

Bastian Ulmer ließ sich darauf ein. Er kaufte sich ein schwedisches Vokabelbuch, begann schwedische Zeitungscomics zu lesen, er fragte, sie erklärten, langsam, Wort für Wort. Heute spricht Bastian Ulmer fließend Schwedisch, er weiß, was Skalpell auf Schwedisch heißt, Tupfer, Büroklammer, Einspritzdüse, Rotorblatt, er kann schwedische Witze reißen, und manchmal, wenn man ihm zuhört, weiß man nicht mehr, ob er ein deutscher Arzt ist oder ein schwedischer. Eine neue und fremde Sprache zu erlernen ist eines der größten Wunder, die es gibt. Es ist nicht leicht. Es macht Mühe und es strengt an, und darum versuchen es die meisten gar nicht erst. Weil es das Gehirn strapaziert und sie zu wenig Zeit haben und vielleicht auch wegen der Angst, übers Plappern nicht hinauszukommen.

Vor ihm lag das leere Blatt einer fremden Sprache. Es füllte sich langsam mit einem neuen Schatz aus Worten

Doch eine neue und fremde Sprache zu lernen ist die beste Übung für alles. Man lernt noch einmal neu schwimmen, neu denken, neu leben. Ein neuer Wortschatz. Es ist wie ein frisches, junges, kräftiges Herz. Dieses war der eine Umweg, aber es gab noch einen anderen. Einer, für den man sich ebenfalls für verrückt erklären lassen kann oder eben auch nicht. Bastian Ulmer hatte einen Freund, der war Helikopterpilot. Der erzählte ihm viel vom Fliegen, von den Instrumenten, den Checklisten, dem Stehen in der Luft und dem Schweben über der Welt. Bastian Ulmer hörte zu, fragte nach; er hielt es für einen Traum. Unmachbar, undenkbar. Er war 32 Jahre alt, er war Arzt. Er war unterwegs auf dieser einen guten soliden Straße, auch wenn diese nur eine Bahn kannte. Stahlnägel fliegen nicht.

Eines Tages hatte der Freund ein Buch besorgt und legte es ihm auf den Tisch. Bastian Ulmer korrigiert: „Nein, der Freund knallte es mir regelrecht auf den Tisch.“ Es war das Begleitbuch für die Ausbildung zum Helikopterpiloten, und der Freund sagte: „Es ist kein Hexenwerk. Du lernst jetzt fliegen, was ich kann, kannst du auch.“ Bastian Ulmer suchte sich eine Schule in Hamburg, da lernte er es, einen Hubschrauber zu fliegen. Erst einen kleinen Robinson, dann einen größeren Bell Jet Ranger. Er machte erst seine PPL, die Private Pilot License, danach machte er den Berufs­pilotenschein. Es war kein Hexenwerk. Es war anstrengend und es kostete Mühe, aber es war kein Hexenwerk.

Der deutsche Arzt in dem deutschen Krankenhaus. Dieser Mann mittleren Alters, der irgendwann im Laufe seiner durch Nachtschichten und endlose Dienststunden bestimmten Karriere, auf einmal und ohne, dass es die Kollegen so recht mitbekommen hatten, eine neue Sprache sprechen konnte und es beherrschte, einen Helikopter zu fliegen. Es ist kein Hexenwerk. Leicht ist es auch nicht. Du musst es erst mal tun. Aber wenn du es getan hast, dann bist du ausgebrochen.

Vor zehn Jahren nahm Bastian Ulmer seine Tasche und zog nach Schweden, sehr hoch in den Norden. An dem kleinen Krankenhaus in Gällivare, nördlich des Polarkreises, suchten sie keinen Professor mit ausgewiesenen Veröffentlichungen, sie suchten einen Arzt, der ins Team passte. Bastian Ulmer stellte sich vor. Sein Schwedisch sei gut genug, sagten sie, den Rest würden sie ihm beibringen. Kein Problem. So bekam er den Job. Am Nachmittag kommt er vom Eisfischen. Sein Schnee­mobil fährt durch die Weiten wie eine Raupe über den Mond.

Er hat heute keinen Fisch gefangen, aber er hat sich draußen auf dem See ein Feuer gemacht und Pfannkuchen aufgebacken. Nirgends ein Mensch. Alles weiß und grau, nur am Horizont stehen die Bäume der Wälder wie schemenhafte Gnome. Wenn hier draußen in der Wildnis dein Schneemobil versagt und dann womöglich auch noch dein Handy, dann hast du einen sehr langen Marsch vor dir und wahrscheinlich würdest du dabei erfrieren.

Am nächsten Morgen steht Bastian Ulmer früh auf und fährt zu dem kleinen verschneiten Heliport der Firma Fiskflyg. Ein Hangar mit einem großen blauen Rolltor, ein Kerosintank auf dem Vorfeld, mehr ist es nicht. Die Firma fing schon in den 1940er-Jahren damit an, die Fische der Samen aus dem Hochgebirge nach Porjus in die Zivilisation zu fliegen. Da wurden die Saiblinge und Forellen dann verkauft, für ein wenig Geld. Es kamen mehr Aufträge hinzu, von der Naturbehörde, Tierbestände zählen, Baumaterial fliegen, Techniker zu Antennenmasten, die weit in der Tundra stehen. Bis heute fliegt Fiskflyg mit seiner kleinen Flotte Menschen und Dinge dorthin, wo sie sonst kaum hinkämen oder Tage oder Wochen dafür bräuchten.

»Es ist kein Hexenwerk. Leicht ist es auch nicht. Du musst es erst einmal tun. Aber wenn du es getan hast, dann bist du ausgebrochen«

Bastian Ulmer geht zu dem blauen Jet Ranger und zieht den insektenähnlichen Helikopter aus dem Hangar. Sie suchten vor einigen Jahren noch einen Piloten, und der deutsche Arzt aus Soltau konnte fliegen, er sprach Deutsch, Englisch, und er sprach fließendes Schwedisch. Er ist in der letzten Zeit, neben seinem Dienst im Krankenhaus, nun schon viele Einsätze geflogen. Ab und zu bringt er Fliegenfischer zu den kalten Flüssen im norwegischen Grenzgebiet. In den späten Sommern hilft er, die Rentiere aus den Bergen zu holen, indem er sie mit dem Helikopter im Tiefflug von morgens bis abends die Flanken hinuntertreibt. Manchmal fliegt er Brückenteile zu schwer zugänglichen Baustellen.

Es sind Aufträge dieser Art. Bastian Ulmer flog auch schon mal eine komplette Ikea-Küche von der Fjällstation Ritsem im Norden nach Padjelanta im Süden, wobei der Kühlschrank an einer 20 Meter langen Trosse unter dem Helikopter hing und durch Nordschweden schwebte wie eine groteske Skulptur. Heute will er eine Runde nur so fliegen. Sich das Land anschauen, die weißen Seen, die Wälder und die Stelle, wo im Zweiten Weltkrieg der Lightning-Bomber abgestürzt ist und wo im Winter die beiden Leitwerke noch immer aus dem Schnee ragen wie Zielscheiben aus Blech. Um elf startet er. Der Helikopter dreht ab, er steuert ihn erst nach Nordwesten, dann hinein in eine völlig einsame und seltsam schraffierte Welt aus gebrochenem Eis, verwehtem Schnee und verwischtem Licht.

Bastian Ulmer, 40 Jahre alt, sagt, er mag es hier oben in ­Lappland. Das Fliegen, das Leben als Arzt in dem kleinen ­Krankenhaus. Den Rhythmus, den Schnee. Die Weite. Aus dem Helikopter, aus 200, 300 Meter Höhe, bekommt man vielleicht eine Ahnung. Die Welt hier oben ist so, als würden sämtliche Deutsche, einem endlosen Pilgerstrom von Stahl­nägeln gleich, ihr Land verlassen und die Natur anschließend eine Million Jahre lang sich selbst überlassen.

Text und Fotos © Marc Bielefeld

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