In 46 Tagen um die Welt

In sechs Wochen ist François Gabart solo und nonstop um die Erde gesegelt. Ein Fabelrekord, pünktlich zum Heiligen Fest 2017. Seine irre Fahrt wird in die Sportgeschichte eingehen

Um kurz vor zehn am Sonntag morgen taucht das Raumschiff des François Gabart auf dem Meer auf, es ist der dritte Advent, und es ließe sich fast von einer Erscheinung sprechen. Wie eine Nadel ragt der 35 Meter hohe Mast des Trimarans nemans „Macif“ neben der Landspitze von Saint-Mathieu in den Himmel, der Rumpf aus dieser Entfernung nur eine flache Silhouette, die über das Wasser zu fliegen scheint. Sechs, sieben Schlauchboote haben sich am weitesten aus der Brester Bucht hinausgewagt, jetzt geben sie Vollgas, um einen Mann zu empfangen, der da gerade wie ein neuer Heiliger von den Ozeanen zurückkehrt. 

Vier Zahlen sind es, um die es bei dieser verrückten Geschichte am Ende geht. Vier Zahlen, die seit der letzten Nacht in die Segelgeschichte eingegangen sind wie ein Donnerschlag. Sie stehen für einen neuen Weltrekord, doch in diesem Fall reicht das Wort nicht ganz aus. In Frankreich spricht man vielmehr vom Möglichmachen des Unmöglichen. Von einem Wunder, einer neuen Dimension. Seit letzter Nacht benutzen sie in Frankreich darum nun auch gern dieses eine Verb. Wenn es darum geht, dass ein Mann allein und in möglichst kurzer Zeit um die gesamte Erde segelt, hat der im westfranzösischen Départment Charente geborene François Gabart alle bisherigen Rekord nicht nur gebrochen – er hat sie „pulverisiert“.

Und das sind die Zahlen: 42 Tage, 16 Stunden, 40 Minuten, 35 Sekunden. So lange hat Gabart gebraucht, um von der Insel Ouessant bis zur Insel Ouessant zu segeln, einmal über den „Course au Large“, die Route um alle Kaps, durch die Südpolarmeere einmal um die Welt. Man muss diese Zahlen einordnen, um zu verstehen. Es ist die zweitschnellste Zeit, mit der Menschen jemals unter Segeln den Planeten umrundet haben. Die schnellste Zeit schaffte im Januar 2017 Francis Joyon auf seinem Trimaran „Idec“ – allerdings mit einer ganzen Mannschaft an Bord. Gabart aber segelte allein: und war doch nur zwei Tage langsamer.

Das wirklich Unfassbare vollzog sich denn auch in der Kategorie des Solosegelns um den Erdball. Bis um 02.45 Uhr und 35 Sekunden in der Sonntag Nacht hielt der Franzose Thomas Coville hier den Rekord, mit einer Zeit, die als kaum schlagbar galt. Gabart jedoch unterbot Covilles Rekord nicht nur um eine Armlänge – er war sechs Tage schneller. Sechs Tage, zehn Stunden, 23 Minuten.

Es ist ein bisschen so, als würde da einer Usain Bolts magischen Weltrekord knacken und die 100 Meter nicht in 9,58 – sondern mal eben in unfassbaren acht Sekunden laufen. Gabarts Leistung ist darum auch nicht nur ein weiterer Segelrekord. Seine Fahrt geht in die Sportgeschichte ein. Und zieht gleich einen ganzen Reigen weiterer Rekorde nach sich.

Gabart segelte ebenfalls das beste Etmal der Geschichte. Am Eingang zum Indischen Ozean schaffte er in strammen Südostwinden mit einem durchschnittlichen Speed von 35,4 Knoten 851 Seemeilen in 24 Stunden. Das waren 67 Meilen mehr als das bis dahin schnellste Etmal. Die nächste Bestmarkte folgte bald darauf. Die Pazifikquerung von Tasmanien bis Kap Hoorn: sieben Tage, 15 Stunden, 15 Minuten. Auch die nächste kapitale Etappe fraß Gabart regelrecht in sich hinein. Von Kap Hoorn bis zum Äquator brauchte er nur sechs Tage, 
22 Stunden und 15 Minuten. Zeiten, bei denen sich die restlichen Eckdaten seiner Reise nur noch wie Marginalien lesen.

Durchschnittsgeschwindigkeit über die gesamte Strecke: 27,2 Knoten. Maximal erreichter Speed: 39,2 Knoten. Gesegelte Distanz: 27.859,68 Seemeilen. Es sind Fabelwerte. Und der Grund, warum in Brest schon am Morgen dieses dritten Advents die Korken knallen.

Unfassbare Zahlen: 42 Tage, 16 Stunden, 40 Minuten, 35 Sekunden. Eine Fahrt wie ein Paukenschlag

Draußen auf dem Wasser kommt der Trimaran nun heran. Es wehen nur zwei Windstärken, aber die Motorboote müssen Gas geben, um mitzuhalten. Mit gut 15 Knoten schwebt die „Macif“ in der Brise ihrem triumphalen Einzug nach Brest entgegen. Mit Segeln, deren Fläche größer ist als zwei Tennisplätze. Mit drei schmalen Rümpfen, drei Rudern, zwei Foils, einem Schwert und einem Gewicht von 14,5 Tonnen. Im Inneren arbeiten mehrere Computer, es gibt Satellitentelefon, Kameras, einen Schalensitz wie in einem Rennwagen, eine Nische zum Schlafen, eine weitere zum Kochen von Gabarts Liebslingsgericht: Couscous.

Der 30 Meter lange Tri gleicht einer vollvernetzten Rakete unter Segeln und ist nur einer der zahlreichen Gründe, warum diese Rekordfahrt überhaupt gelingen konnte. Maxi-Trimarane dieser Art treiben ein fragiles Verhältnis auf die Spitze, welches das Segeln in den letzten Jahren immer schneller gemacht hat: möglichst wenig benetzte Fläche, möglichst große Segel, möglichst geringes Gewicht. So ein hochnervöses Segelmonstrum zu beherrschen, ist schwierig genug. Es allein sechs Wochen lang um die Erde zu dreschen, eine Extremherausforderung. Technisch wie physisch.

Zudem auch ein mentaler Husarenritt aber war die Reise letztlich nicht nur wegen Wind, Wellen und Einsamkeit. Die französische Versicherungsgesellschaft „Macif“ hat in den letzten fünf Jahren 25 Millionen Euro in das Boot und das Projekt gesteckt. Kein Pappenstiel im Segelsport. Und da kann es durchaus nicht schaden, heile nach Hause zu kommen. Am besten, natürlich, mit einem neuen Rekord.

Kurz nach zehn Uhr sind es weit über hundert Boote, die Gabart das Geleit zum Hafen bereiten. Ein Kreuzer der Marine ist rausgefahren, Lotsenboote, Fischer, Ribs voller Journalisten, Fähren, Dutzende Yachten, Motorboote und Fähren voller Zuschauer drängeln sich um den Trimaran, so dass die Boote hier und da schon aneinandergeraten. Im Himmel fliegen Helikopter, senden Live-Bilder ins französische Fernsehen, die bald um die Welt gehen werden und es in Deutschland sogar in die Abendnachrichten schaffen.

Auf der „Macif“ haben derweil längst die Techniker des Teams das Ruder übernommen; sie waren schon in der Nacht an Bord gekommen, nachdem Gabart die imaginäre Ziellinie vor Ouessant durchlaufen hatte. Überall auf dem Wasser schaukeln Kameras und werden Jubelrufe laut. „François! François!“ Es ist fast wie auf einem Popkonzert.

Und dann kommt er an Deck, der Mann der Stunde. Ein rotblonder Schopf, dunkles Ölzeug, leichter Bart, blass, aber über beide Ohren lächelnd. Gabart, 34 Jahre jung, hebt die Arme, turnt leichtfüßig über die drei Rümpfe, winkt von backbord, grüßt von Steuerbord. Schreie der Begeisterung fliegen ihm zu, auf einem Motorboot fügt eine Teenagerin Daumen und Zeigenfinger zu einem Herz und schickt ihm den Liebesgruß mit ausgetreckten Armen entgegen. Gabart muss sich fühlen wie Neil Armstrong auf der Madison Avenue, nach dem Mondflug mitten in der New Yorker Konfettiparade.

Ein Feuerlöschboot pustet zwei mächtige Wasserfontänen in die Luft, die sich wie zwei riesige Schwingen hinter dem Trimaran erheben. Sogar Kanuten und Stand-up-Paddler gesellen sich aufs Wasser, um den Helden zum empfangen. An der Einfahrt zum Brester Hafen herrscht Volksfeststimmung. Auf der Mole und an der Pier haben sich weit über 5000 Menschen eingefunden, um zu feiern und den jetzt schon Unsterblichen und sein irres Schiff mit eigenen Augen zu sehen. Brest, der „Rekordhafen“, kennt das zwar alles schon, viele Segelstars sind hier bereits von ihren Donneritten heimgekehrt. Aber das hier ist eine außerordentliche Nummer. Für den französischen Segelsport eine fantastische Bescherung kurz vor Weihnachten.

Draußen steht Gabart derweil vor dem Bugstag, zündet rote Rauchfackeln und schwenkt sie zum Zeichen des Sieges. Er ist klein, wirkt fast zierlich. Spaziert mit erhobenen Armen über die Trampoline und Rümpfe, als sei er mit seinem Trimaran in den letzten sechs Wochen verwachsen.

Am Samstag, den 4. November, war er um kurz nach zehn Uhr morgens von hier aus losgefahren. Es wehten 20 Knoten aus Nordwest, und die atlantischen Winde sahen gut aus, um ihn rasch nach Süden zu bringen. Und dies war einer der weiteren Faktoren, die den Rekord möglich machten: das Wetter und die Kunst, es vorherzusehen. Gabart arbeitete dafür zusammen mit einem der erfahrensten Männer der Branche. Sein Wetter-Router Jean-Yves Bernot, genannt „der Zauberer“, hatte schon Größen wie Ellen MacArthur oder Michel Desjoyeaux um die Welt gelotst, diesmal aber schien der Papst der Windprognostiker in seinem Segler ein ganz besonderes Talent zu erkennen.

„François ist eine sehr guter Stratege, er denkt enorm präzise und vorausschauend“, sagt Bernot über den Skipper. „Zudem haben wir uns unterwegs perfekt ausgetauscht. Was Wetter und Entscheidungen betrifft, sprechen wir dieselbe Sprache.“ Doch seien es gar nicht die optimalen Winde gewesen, die Gabart derart hervorragende Zeiten herausfahren ließen. Bernot: „In fast allen Seegebieten herrschte normales Standardwetter, nichts Außergewöhnliches. Im Indischen Ozean hatten wir sogar eine denkbar schlechte Situation, zwei Tage, die für die Katz waren. Zurück auf dem Atlantik noch mal ein halber Tag, an dem wir viel verloren haben.“
Am Ende, so Bernot, würden die Winde auf so einer Tour niemals durchgehend perfekt sein können. „Dafür müsstest du schon in die Kirche von Sainte-Anne d’Auray gehen und Kerzen anzünden.“

Woher aber dann die enorme Geschwindigkeit bei diesem einsamen Rekordversuch? Bernot: „François ist die ganze Zeit gesegelt, als säße ihm ein Gegner zehn Meilen auf den Fersen. Wie er dabei das Boot beherrschte, war absolut beeindruckend.“ Und Gabarts Ehrgeiz lässt sich nur erahnen. Im Nordatlantik konnte er sich vor Müdigkeit kaum mehr auf den Beinen halten, weil er tagelang kaum geschlafen hatte. Bernot lotste ihn daraufhin in einen schwacheren Windbereich, damit er etwas ruhen konnte. Gabart aber meldete sich nach sechs Stunden und meckerte prompt über Satellit: „Was ist das für eine scheiß Route hier? Gib mir Wind!“ Bernot: „Ich konnte es manchmal kaum glauben, wie er sich selbst und das Boot über so lange Zeiträume immer wieder ans Limit trieb.“

Nach fünf Tagen erreicht Gabart die südliche Hemisphäre und segelt dem bestehenden Rekord über drei Stunden hinterher. Das mag wenig klingen, gemessen an der langen Route. Doch geht es bei den rasenden Hochleistungsbooten heute längst um Stunden und Minuten. Die Segler hetzten den Seemeilen inzwischen hinterher wie Sprinter den Hundertsteln.

Die zweite Woche wird ein Traum. Gabart kann recht mühelos eine gebrochene Latte reparieren, biegt in den Südatlantik ein, bald in den Indischen Ozean. Nun hat er die Nase schon deutlich vorn: Am Kap der Guten Hofnung liegt er bereits zwei Tage und sechs Stunden vor der Rekordzeit von Thomas Coville. Windgott Bernot und Gabart haben offenbar eine goldrichtige Entscheidung getroffen und einen östlicheren Kurs gewählt, um ein Hochdruckgebiet zu meiden. Vor ihm liegt nun die „schwindelerregende Wüste der südlichen Meere“, wie Gabart die folgenden Seergionen in einem seiner geposteten Videos nennt.

Im Indischen Ozean muss er bremsen, um ein Sturmsystem passieren lassen, danach steht ein lästiger Zickzackkurs an. Gabart steuert immer südlicher, segelt südlich der Kerguelen. Er ist jetzt in antarktischen Gewässern. Bald aber muss er schon wieder nördlicher steuern, weil um die Heard-Inseln die ersten Eisberge gemeldet werden. Eine Kollision: fatal.

Die Fahrt geht in die vierte Woche. Gabart musste inzwischen einige kleine Reparturen erledigen, die gebrochene Trommel am Furler des Vorsegels, eine defekte Entsalzungsanlage. Der Tri schlägt brutal durch die Wellen. Sein Team in Frankreich, mit dem er regelmäßig in Kontakt steht, merkt, dass sowohl das Boot als auch der Skipper die ersten Ermüdungen zeigen. Dann passiert er die Datumsgrenze, tief unten im südlichen Meer. Am 25. November um 22.05 Uhr springt die Borduhr um auf den 27. November. Gabart ist jetzt 21 Tage unterwegs.

Dann kommt die gefährlichste Situation der Reise. Völlig unerwartet sichtet Gabart einen Eisberg. „Das war ziemlich surreal“, sagt er später über Satellit. „Es war ein Riesending, wo eigentlich kein Eis hätten sein sollen. Und natürlich hätte es noch viel mehr in der Gegend geben können. Für ein paar Minuten fühlte sich mein Leben ziemlich fragil an.“ Gabart steuert nördlich, er muss eh bald in den Pazifik. Er macht 30 bis 35 Knoten, rast Richtung Kap Hoorn. Und gibt seinem Team zu Hause in Frankreich den lapidaren Satz mit: „Das Südmeer ist wunderschön, aber es ist jedesmal das Gleiche. Du bist heilfroh, wenn du da raus bist.“

Mit sechs Tagen Vorsprung läuft er die französische Küste an. Es ist Nacht, über der Bretagne regnet es

Nach 29 Tagen rundet „Macif“ Kap Hoorn, Gabarts Vorsprung ist auf zwei Tage und acht Stunden angewachsen. Und er zeigt eine erste emotionale Regung. „Ich kann es nicht fassen, ich hätte nie gedacht, das Kap in dieser Zeit schaffen zu können.“ Doch prompt bekommt er einen Sturm auf die Nase: 50 Knoten Wind. Gabart: „Der Südatlantik ist eines der schwierigsten Meere.“ Und wieder macht ihm die Trommel am Furler zu schaffen, er kann die Fock zeitweise nicht einrollen, schießt mit viel zu viel Segelfläche durch den Starkwind.

Dann geht er in die sechste Woche, und die läuft formidabel. Am 10. Dezember erreicht er die nördliche Hemisphäre. Sein Vorsprung: Inzwischen sind es sagenhafte fünf Tage und 13 Stunden. Im Nordatlantik aber liegt der Rücken eines Hochdruckgebiets, das ihm schwache Wind bescheren und die Fahrt verlangsamen könnte. Gabart und sein Team sehen es positiv. Lieber in ruhigem Wetter ankommen, auf Sicherheit gehen und den Vorsprung halten. Doch es kommt anders. Gabart ist unermüdlich, noch immer reizt er den Trimaran bis aufs Letzte aus. Und kann zum Schluss sogar noch weitere Zeit gutmachen. Bis er am Ende über sechs Tage schneller ist als der alte Rekordhalter Coville.

Kurz vor der Ziellinie spricht er die Worte: „Von dieser Zeit hätte ich nie zu träumen gewagt. Ich wusste, dass ich mit dem besten Wetter, mit allen guten Prognosen, diesem Boot und meiner besten Leistung den Rekord vielleicht würde schlagen können. Im besten Fall um einen oder zwei Tage. Aber sechs? Das ist ziemlich außergewöhnlich.“
Niemand kann diese Zeit fassen. Gabart selbst ist sprachlos. In einem Video, gesendet kurz vor dem Ziel, schluchzt er vor Glück. Ein Wunder. So fährt er auf die französische Küste zu und schließlich über die Linie. Es ist Nacht, über der Bretagne regnet es.

Was sich so leicht liest, war nicht leicht. Es war ein 42-Tage-Ritt auf der Rasierklinge, bei dem in jeder Sekunde etwas hätte schief gehen können. Yves le Blevec war fast zur gleichen Zeit mit seinem Trimaran losgesegelt, um die Erde gegen den Wind zu umrunden. Erst riss ihm der Traveller aus dem Fundament, dann kenterte er vor Kap Hoorn. Es wehte mit 50 bis 70 Knoten, sieben Meter hohe Wellen marschierten durchs Meer. Die Struktur der Rümpfe hielt den Schlägen des Sturms nicht stand, der Tri gab nach und ging kopfüber. Ein Helikopter der chilenischen Marine konnte le Blevec retten. So schnell kommt das Aus auf so einem Galopp um die Welt.

Dass die Fahrt ein außergewöhnlicher Coup ist, zeigt auch der vorherige Rekord von Thomas Coville. Mehrere Versuche und acht Jahre hatte der gebraucht, um die lange nicht antastbare Bestmarke von Francis Joyon zu überbieten. Erst 2016 schaffte es Coville, aus 57 Tagen 49 zu machen.
Dann kam Gabart.

Dass er das Unglaubliche schaffte, liegt aber auch an der perfektionistischen Planung des Törns. An der peniblen Ausarbeitung der Route, an den drei Experten für Wind und Wetter, die mit im fünzehnköpfigen Team waren, an zwei Experten für die Performance-Analyse und zwei weiteren für die Überwachung und Instandhaltung des Tris auf seiner Fahrt. Sie hatten sich in der Basis an Land so eine Art zweites Inneres der „Macif“ zurechtgelegt, wo nur das zur Hand war, was sich auch an Bord befand. Schäden und Reparaturen konnten sie auf diese Weise simulieren, sehr schnell die beste Lösung finden und diese an Gabart übermitteln. Eine Methode, die sie sich von den Apollo-Missionen abgeschaut haben.

Das Unfassbare war ferner nur möglich durch Satelliten, das Internet, modernste Technik, Datenbanken, die jahrelangen Erfahrungen von Bootsbauern, Konstrukteuren, Segelmachern, Wetterleuten und Strukturspezialisten. Eine grandiose Teamleistung. Glück muss hinzukommen, auf jeden Fall. Zudem das richtige Gespür, ein Näschen für Fahrten dieser Größenordnung. Und das beginnt schon mit dem Start. Gabart beschreibt ihn so: „Der Moment loszufahren ist nicht einfach. Es ist am Ende allein meine Entscheidung, wann es losgeht, trotz aller Wetterdaten und Beratungen im Team. Das Fenster muss stimmen, das Bauchgefühl. Es ist wie vom Zehner springen. Du stehst da oben, und irgendwann springst du. Zack. Dann bist du unterwegs. Und auf einmal ganz allein.“

Der Erfolg der Rekordfahrt liegt auch am Menschen Gabart. Er ist jung, diszipliniert und talentiert. Schon die Schule schloss er mit Bestnoten ab, seine Schwester beschrieb ihn nach seinem Sieg bei der Vendée Globe als äußerst zielstrebig. Er sei in seinem Leben kaum auf Partys gegangen, machte auch als Teenager nichts exzessiv. Nur eines liebte er schon immer: den Wettkampf. Beim Scrabble bestand er auf die Einhaltung der Regeln, wollte beim Kartenspielen immer gewinnen.

Natürlich und wohl in allererster Linie aber ist es der Segler Gabart, der diese Fahrt real werden ließ. Es genügt ein Blick in seine Biografie. 1997: Französischer Champion im Optimist. 1999: Französischer Champion auf der Moth. 2003: Junior World Champion im Tornado. Und so weiter und so fort. Er wird Zweiter und Vierter beim Transat Jacques Vabre, französischer Meister im Einhand-Offshore-Racing. 2013 sahnt Gabart dann in einem Jahr fast alles ab, was beim Hochseesegeln zu haben ist. Er gewinnt die Trophée Azimut mit Michel Desjoyeaux, die Artemis Challenge, das Fastnet Race, gewinnt schließlich auch noch auf Anhieb die Vendée Globe. Die härteste Einhandregatta der Welt.

Mehr geht nicht. Eigentlich.

Gegen halb zwölf schließlich wird die „Macif“ ins Hafenbecken am Quai Malbert gezogen. Und nun darf Brest seinen neuen Supermann der Ozeane feiern. Am Ufer wehen Flaggen, „Bravo François“, „Hero des mers“. Kinder lassen Luftballons steigen, unten an der Pier streckt ihm eine wuselnde Horde Journalisten die Mikrofone ins Gesicht. Von überall Schreie, Kameras, Handys.

Gabart macht das alles problemlos mit. Und so gerät sogar sein Auftritt an Land – nach 46 Tagen brutalem Sport, Alleinsein und radikalem Schlafmangel – höchst professionell. Er gibt Interviews, bergüßt die Menge, lässt den Schampus knallen, nimmt nur einen kleinen Schluck. Und wirkt noch immer erstaunlich frisch. Einen schweren Segelsack greift er sich, wuchtet ihn über das Trampolin des Tris und setzt sich zum Fotoshooting in Position. Er kann strahlen, kaum ein Satz, der ihm schwerfällt. Und auch eines vergisst er nicht zu sein, vielleicht, weil er es ist: bescheiden. Nachdem das Mikro kurz ausgefallen ist, sagt er: „Ich rede bestimmt wieder mal zuviel.“ Sein Dank gilt danach seinem Team und den Menschen von Brest, die ihn so grandios empfangen. Nachdem er die Gangway hochgegangen ist und oben auf der Tribüne steht, sagt er vor der jubelnden Menge ins Mikrofon: „Ich bin euch allen unendlich dankbar“.

Ein Bilderbuchheld. Es fliegt Konfetti, laute Musik spielt. Dann muss er vor laufenden Kameras seine Hände in eine blaue Masse pressen. Ein Abdruck für den Brester „Walk of fame“ der Segler. Dort wird seine Signatur auf einer Messingplatte bald in die Steine der Promenade eingelassen. Neben Namen wie Franck Cammas, Phillippe Monnet, Florence Arthaud.

Und dann steht er noch eine einstündige Pressekonfernez durch, weil dies die modernen Zeiten sind, weil Medien und Sponsoren es so verlangen und weil dieser Gabart einfach nicht umkippen will. Zwei Stunden später erscheint er in dem kleinen Saal des Hafenbüros, dunkle Jeans, grauer Fleece. Er ist aufgräumt und lacht, ruft sein Team herbei und nennt jeden einzeln beim Vornamen. Gabart steht dabei nicht in der Mitte der Reihe. Er stellt sich an den Rand. Alle großen franzöischen Sender und Radiostationen sind anwesend. Reuter, AFP, Canal +, Paris Match. Ob er unterwegs Angst gehabt hat, will ein Reporter wissen. „Nicht wirklich“, sagt er. Selbst wenn er vor Kap Hoorn gekentert wäre, Hilfe wäre schließlich schnell gekommen. Nur im tiefen südlichen Meer sei ihm hier und da mulmig geworden. „Da hätte ich drei Wochen auf Rettung gewartet. Ziemlich unschön.“

Fast unscheinbar sieht er aus, als er da auf dem Hocker vor der Menge im Raum sitzt. Er könnte auch als Berufsanfänger in einer Bank durchgehen, mit ein, zwei kleinen Pickeln auf der Haut. Und noch immer reagiert er geduldig, fast enthusiastisch auf die Fragen. Der Schlüssel zu seiner Bestzeit? „Ich habe nicht so viel so gut gemacht“, sagt Gabart. „Ich habe aber auch wenig falsch gemacht.“ Ob er viel gefoilt sei? Er könne das nicht so genau sagen, antwortet Gabart. „Wenn du da oben auf dem Tri stehst und mit 30 Knoten durchs Meer rauschst, dann siehst und spürst du bei der Größe des Boots nicht, ob es gerade ein, zwei, drei oder vier Meter über dem Wasser schwebt. Es passiert zu viel auf einmal.“

Es sind schlichte Statements, keine Überhöhung. Und im Grunde sei es doch sogar recht gemütlich auf dem großen Boot. Beim Volvo Ocean Race würden sie viel nasser segeln. Und ja, es gebe, noch immer, viel zu tun. Gabart drückt das so aus: „So ein Boot zu segeln, ist sehr kompliziert, und wir entdecken dabei sehr viel, dass noch immer zu verbessern ist.“

Das sagt einer, der gerade, mit scheinbar müheloser Geste, auf den höchsten Thron des Segelsports gehüpft ist.
Alle verneigen sich vor diesem jungen Franzosen, auch die ganz Großen. „Eine unfassbare Zeit“, schreibt Robin Knox-Johnston. „In 49 Jahren haben wir es von meinen 312 Tagen auf 42 gebracht. Das ist, als vergleiche man die Gebrüder Wright mit der Concorde.“ Der Segler Antoine Gautier postet, François Gabart sei „monströs. Für solche Sachen ist er gemacht. Für genau so etwas“. Eine amerikanische Seglerseite schreibt online, noch in der Minute der Rückkehr: „Er hat über 27 Knoten Durchschnitt auf der Uhr. Mit einem Lächeln und einer blonden Locke im Wind.“ Und Staatspräsident Emmanuel Macron twitterte: „Was für eine Ausbeute. Alle meine Glückwünsche zu dieser außergewöhnlichen Leistung.“

Gabart, kurz vor dem Gehen, sagt, er habe von all den Tweets und Bekundungen gehört. Und er werde sie alle in Ruhe lesen. Kurz vor Weihnachten, wenn er wieder aufgewacht ist.

Text und Fotos © Marc Bielefeld
Abschlussfoto © Vincent Curutchet/DPPI/MACIF

Der Artikel erschien unmittelbar
nach der Recherche im
Segelmagazin »Yacht« in der Ausgabe 3/2018

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