Kein Spaziergang

Vor 50 Jahren wagten die ersten Astronauten die Reise zum Mond. 
Die Menschen auf der Erde hielten den Atem an. Was sie 
mit eigenen Augen sahen, führte über alle Horizonte hinaus

Marilyn Lovell wusste nicht, ob sie jubeln, schreien oder weinen sollte. Also schwieg sie. Ihr Mann 
Jim war gerade zurück nach Houston gekommen, es war ein Montag im August 1968, und er fragte, ob sie sich einen Moment setzen könnten. Es gäbe Neuigkeiten. 
„Tut mir leid“, begann Jim Lovell. „Aber unser Weihnachtsurlaub in Acapulco fällt aus.“ Pause. Lovell weiter: „Ich fliege zum Mond.“

Jim Lovell war einer der drei Astronauten, denen im Wettrennen zum Mond eine bahnbrechende Aufgabe zukam. Die NASA hatte vorzeitig entschieden, dass es die Mission von Apollo 8 sein würde, die das erste Mal den Erdorbit verlassen und die Reise zum Mond antreten sollte.

Es würde ein epischer Trip werden. Ein ganz großes Ding für die Geschichtsbücher. Denn was heute wenige erinnern: Die Crew von Apollo 11 um Neil Armstrong landete zwar das erste Mal auf dem Trabanten – Apollo 8 jedoch wagte den ersten bemannten Flug dorthin. Fast eine halbe Million Kilometer durch den offenen Weltraum, gefolgt vom Eintritt in den Mondorbit. Während ihrer zehn Umkreisungen würden die drei ebenfalls die ersten Menschen sein, die die Rückseite des Mondes erblicken sollten. Eine entrückte Einsamkeit, in der jeglicher Funkkontakt abbrechen würde. Unter ihnen der schwarze lunare Schatten, ansonsten: der freie Blick ins offene All.

Mit über 40.000 Kilometer pro Stunde jagten Jim Lovell, Frank Borman und Bill Anders nach dem Start und nach dem Schuss aus der Erdumlaufbahn schließlich davon: in einem steilen Winkel immer weiter von der Erde weg. Nie zuvor war der Mensch so schnell unterwegs gewesen. Nie zuvor hatte er sich so weit von seinem Heimatplaneten entfernt. Und nie zuvor war er nur noch 112 Kilometer von der Mondoberfläche entfernt.
Die ungeheuerlichste Premiere aber lag weniger im nüchternen Kalkül physikalischer Größen, sondern in einer Erfahrung gänzlich anderer Dimension. Denn die Erde schrumpfte. In den Fenstern der sich entfernenden Kapsel wurde sie stetig kleiner. Bis die Astronauten sie zum ersten Mal in Gänze sahen und als das erblickten, was sie ist: eine blau-weiße Murmel im pechschwarzen Nichts. Ein winziger und fragiler Ball im unermesslichen Universum.

Der Erde stockte der Atem. Noch nie hatten so viele Menschen zuvor mit eigenen Augen gesehen, wie ihr Heimatplanet zu einem Körnchen im Nichts schrumpft

Während erster Liveübertragungen aus dem Raumschiff beschrieben die Astronauten die Erde. Lovell: „Was ihr seht, ist die nördliche Hemisphäre. Der Nordpol ist oben. Etwas unterhalb der Mitte ist Südamerika.“ Von der Erde meldete sich Houston und kommentierte die Livebilder, die man empfing. „Die Wasserflächen sind von einem Königsblau, die Landmassen von hellbrauner Textur, die Wolken blendend weiß. Die Erde scheint viel heller als der Mond.“

Kommandant Frank Borman, aus der Kapsel: „Ihr seht euch selbst – aus 180.000 Meilen Entfernung aus dem Weltraum.“ Der Erde stockte der Atem. Nie zuvor hatten so viele Menschen einer Fernsehübertragung beigewohnt. Genau zu Heiligabend schließlich kreiste die Kapsel um den Mond, während die Astronauten aus dem Buch der Genesis vorlasen – verfolgt von Milliarden ehrfürchtiger Zeugen auf allen fünf Kontinenten, die der irren Predigt lauschten. Apollo 8 an Erde, live aus dem Mondorbit. Kommandant Borman schloss mit den Worten: „Gute Nacht, viel Glück. Frohe Weihnachten und möge Gott euch alle segnen, euch alle auf dieser guten Erde.“

»Gute Nacht, viel Glück.
Möge Gott euch alle segnen,
euch alle auf dieser guten Erde«
Kommandant Frank Borman, Apollo 8

In der Tat besaß die Reise von Apollo 8 eine gött-liche Dimension. Das 440.000 Kilometer entfernte Raumschiff hielt den Menschen sozusagen die Schöpfung vor Augen – was auch immer jeder einzelne sich darunter vorstellen mochte. Alle Theorien der Physiker und Mathematiker, alle Fantasien und Träume der Glaubensanhänger: Hier wurde das erste Mal wirklich sichtbar und real, was vorher immer nur Worte umrissen hatten.
Die Erde war der Lichtblick in der Finsternis.

Drei Missionen später landete Apollo 11 im Juli 1969 auf dem Mond. Neil Armstrong drückte seine Moonboots in den lunaren Staub und stapfte durch das Mare Tranquilitatis, durch das Meer der Ruhe. Schräg über ihm ging die Erde auf. Seine Heimat war so weit weg, dass er sie mit dem ausgestreckten Daumen komplett verdecken konnte. Ein Körnchen im Vakuum. Über eine halbe Milliarde Menschen starrte damals fassungslos auf die Bildschirme, eine weitere geschätzte Milliarde klebte in 64 Ländern vor den Radios. Kein Superbowl-Finale, kein Endspiel der Fußballweltmeisterschaft hat im Verhältnis je wieder eine solche Quote erreicht.

Die Flüge zum Mond führten über alle Horizonte hinaus. Bis Apollo 17 landeten sechs Crews auf dem Trabanten. Zwölf Männer, die auf dem Bruder der Erde spazierten. Es waren Gänsehautmomente ohnegleichen. Aber auch Momente einer übermächtigen Wahrheit: Man sah die Erde, das eigene Zuhause, verloren im Nichts. Die Mondmissionen bedeuteten darum, vielleicht sogar in erster Linie, eine Art Blick in den Spiegel – den die Menschen am Ende nicht ertrugen.

Während die Erdbevölkerung bei den ersten Umkreisungen und Landungen noch in einer Art kollektiver Atemlosigkeit innehielt und auf ihrem kleinen Ball im All kurz zusammenrückte, wendete sie sich schon bald wieder ab. Emsig gingen die Menschen wieder ihrem irdischen Tagesgeschäft nach. Bereits nach Apollo 12 wollten die meisten Amerikaner lieber wieder Baseball gucken als eine weitere Landung verfolgen. Der Vietnamkrieg nahm weiterhin seinen Lauf, das Wettrüsten im Kalten Krieg, die Hungersnöte in Afrika, die Fehden der Völker, die Machtspiele der Nationen.

Der Mensch auf dem Mond und der damit einhergehende Blick auf die Erde und das eigene Schicksal – es war letztlich wohl zu viel und zu verrückt. Und vielleicht auch zu beängstigend. Es war das Erblicken einer weit übergeordneten Realität, vor der man verstört die Augen verschloss. Über den eigenen Tellerrand hinwegschauen, das mochten die Erdlinge als Tugend formuliert haben.

Aber das hier war eine Nummer zu groß.

Aus den grandiosen Aussichten sind Einsichten nicht wirklich erwachsen. Die Erde kreist weiter um die Sonne, ihre Bewohner unbeirrt weiter um sich selbst

In diesem Winter jährt sich der erste Flug zum Mond zum 50. Mal, im kommenden Sommer wird die erste Mondlandung 50 Jahre her sein. Was haben wir gelernt in dieser Zeit? Und was lernen wir, betrachten wir heute die noch immer unfassbaren Fotos und Filme, welche die Astronauten von ihren Flügen mitgebracht haben?

Aus den fantastischen Aussichten haben wir Einsichten nicht wirklich gewonnen. Die Erde kreist weiter um die Sonne, ihre Bewohner unbeirrt weiter um sich selbst. Der blaue Ball, den uns Apollo vor Augen hielt, ist schmutziger geworden seither. Seine Ressourcen schwinden, seine Kappen schmilzen, seine Meere verdrecken. Mehr denn je wuseln die Menschen auf ihrem Gestirn herum, die Augen auf Zahlen und Wachstum gerichtet, mit Bedacht vornehmlich auf ihre Vorteile und täglichen Machenschaften. 
Selten jedoch führt der Blick einen Deut höher, wagt sich eine atmosphärische Schicht über das Erdkrustendasein hinaus. Noch immer hallt von da unten der Schrei nach wissenschaftlicher Erkenntnis und technischem Fortschritt, nach einer klugen und sauberen Zukunft – das Staunen über die raumgreifendere Perspektive aber scheint uns doch eher abhandengekommen zu sein. Als hätten die Flüge zum Mond den Blick fürs große Ganze nicht eröffnet, sondern – im Gegenteil – uns diesen am Ende sogar vielmehr geraubt.

Nun, vielleicht dauert es einfach eine Weile. Vielleicht brauchen Bilder wie jene der Mond-missionen eine Zeit, bis sie ankommen. Bis wir sie begreifen und beherzigen. Und vielleicht hilft es dabei, sich einmal in die Position der Astronauten zu versetzen. Dies ist übrigens ganz einfach. Man blicke in einer wolkenlosen Nacht nur einmal hinauf zum Mond – und stelle sich vor, es sei die Erde. Diese kleine Kugel im All. Überzogen von Wolken, umspült von den Meeren, gesegnet mit Land und Wald.

Das einzige Dach über dem Kopf, das wir haben.

Mann auf dem Mond. Charles Duke sammelt Gesteinsproben auf dem Descartes-Hochplateau. Die Astronauten von Apollo 16 bleiben zwei Tage und 23 Stunden auf dem Trabanten und sausen mit dem Landing Rover Vehicle (LRV) stundenlang durch den lunaren Staub

Photo © Courtesy of The National Aeronautics and Space Administration (NASA) Photographic Archives

Ziemlich weit draußen. Auf den letzten drei Apollo-Missionen nehmen die Raumfahrer Moon Buggys mit nach oben. Mit den nur 12,8 km/h schnellen Vehikeln entfernen sie sich bis zu 7,6 Kilometer von ihrer Landefähre. Hier wagt James Irwin gerade einen Ausflug in der vulkanischen Hadley-Rille. Die geliebten LRVs parken noch heute auf dem Mond

Photo © Courtesy of The National Aeronautics and Space Administration (NASA) Photographic Archives

Rendezvous im Orbit. 400 Kilometer über der Erde proben die Astronauten das schwierige
Kopplungsmanöver zwischen Raumkapsel und Mondfähre, was die späteren Landungen auf dem Mond überhaupt erst ermöglicht. James McDivitt steigt aus der Luke, während sie mit 28.000 Sachen unterwegs sind (siehe Foto ganz oben)

Photos © Courtesy of The National Aeronautics and Space Administration (NASA) Photographic Archives

 

Irrer Blick. Versonnen sieht Walt Cunningham aus dem Fenster und wird Zeuge eines unglaublichen Schauspiels. Unter ihm zieht der blaue Planet vorbei, während alle anderthalb Stunden die Sonne aufgeht. In nur 90 Minuten umrundet die Kapsel die Erde, und jedes Mal wird dabei einmal Tag und einmal Nacht

Photos © Courtesy of The National Aeronautics and Space Administration (NASA) Photographic Archives

Verkehrte Welten. Auf ihren Flügen zum Mond erhaschen die Astronauten immer wieder den Blick fürs Wesentliche und halten fest, was die Menschen auf der Erde bis heute nicht wirklich fassen können. Ihr einziges Zuhause ist nur ein fragiles Körnchen im endlosen Vakuum

Photo © Courtesy of The National Aeronautics and Space Administration (NASA) Photographic Archives

Aus einem Wust von 27.000 teils unveröffentlichten
NASA-Fotos wählten die Autoren Floris Heyne,
Joel Meter, Simon Phillipson und Delano Steenmeijer
die 225 besten aus. Zu bestaunen im neuen Bildband „Apollo VII–XVII“,
erschienen im teNeues Verlag.

teNeues.com

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