Der Rabenvater

Im großen weiten Amerika steht ein Rentner und füttert die Raben am Pazifik. Man braucht dafür ein ruhiges Händchen und muss die Kunst beherrschen, Vertrauen zu gewinnen

Der Mann stand am Pazifik, Rücken zum Meer, stand einfach da, stundenlang und seelenruhig. Er trug einen Basthut von hellem Braun, gehalten von einer langen Schnur, die auf seine Brust fiel. Das Hemd weiß und kurzärmlig, die Hosen pink, so stand er also da, dieser amerikanische Rentner, und lehnte regungslos an einem Zaun vor grünem Ozean.

Ich sah den Mann in Kalifornien, nördlich von Big Sur, da wo Amerika groß ist und weit, noch größer und weiter als anderswo. An der Pier standen Mexikaner und angelten, sie redeten wenig Englisch und sie sahen so abgehalftert und zahnlos aus, wie man es von anständigen Mexikanern in Amerika erwartet.

Ich hatte meinen Wagen geparkt, war auf der Durchreise. Ich ging runter zum Wasser, wollte mir das Meer beschauen, lange und ungestört, da sah ich diesen Mann am Pazifik. Er hatte eine seltsame Haltung angenommen, wie eine schief ins Bild gestellte Puppe. Schräg und starr lehnte er am Zaun, bunt unter blauem Himmel. Die eine Hand fuhr gelegentlich langsam und behutsam in seine eine Hosentasche, der andere Arm ruhte auf dem Zaun, am Ende eine flach ausgestreckte Hand.

Was war dieser Mann? Ein Pantomime? Ein Meditierender? Einer dieser amerikanischen Irren, die mit sich selbst und der Luft sprechen und das Reich Jesu verkünden? Ein Bettler? Ein Lebenskünstler? Ein Asket?

Ich setzte mich auf den Rasen nebem dem Parkplatz und beobachtete den Mann eine Zeit lang. Nach einer Weile erkannte ich, dass der Mann ein Zauberer war. Ein Zauberer der Ruhe. Ein Meister der Geduld. Ein Liebhaber. Ein Vogelflüsterer.
In seiner Hosentasche hatte er Vogelfutter gebunkert, Kürbiskerne, Sonnenblumenkerne, Nüsse. Mit seiner linken Hand war er vorsichtig in seine Tasche gefahren, hatte sich eine Portion Vogelfutter auf die rechte Hand gehäuft und diese nun von sich gestreckt und regungslos auf dem Zaun abgelegt. Und so wartete er. Wartete und wartete, rungungslos unter blauem Himmel und vor diesem endlosen Meer.

Die ersten Vögel kamen nach zehn Minuten. Sie kamen ebenfalls vorsichtig, verhalten und scheu wie die Hände des Mannes. Es waren sehr schwarze Vögel, pechschwarze Punkte vor gleißender Sonne, und erst nach einer von Misstrauen getränkten Weile wagten sie sich an den Mann mit der pinken Hose heran. Schrittweise, zentimeterweise, erst noch flatternd und auf Flucht bedacht, dann trippelnd wie gefiederte Ballerinen, mit ihren kleinen ledrigen Vogelfüßen auf dem Zaun tapsend. Genauso kamen die Vögel näher.

Der mutigste aller Raben kam aus heiterem Himmel geflogen. Es dauerte eine ganze Weile, aber dann fraß der Vogel dem Mensch aus der Hand 

Ich kann nicht sagen, was genau diesen Moment ausmachte und aus welchen unsichtbaren Ingredienzen er bestand. Aber es war ein schöner Moment. Denn in Wahrheit war es ein Tanz der Geduld mit den Vögeln. Ein Tanz, der einem nicht alle Tage geboten wird. Still, leise und ohne Löwen und ohne Zirkus, aufgeführt von einem amerikanischen Renter und schwarzen Raben.

Die Raben kamen jetzt sehr nah heran, näher und immer näher, bis noch nur wenige Federlängen die rechte Hand des Mannes von den spitzen Schnäbeln der Raben trennten. Der Mann rührte sich nicht, keine Regung, kein Mucks. Seine Augen ruhten still und konzentriert auf den Vögeln, ich konnte das ahnen, obgleich der amerikanische Rentner mit den pinken Hosen eine schwere schwarze Sonnenbrille trug.

Dann griff der erste Rabe zu. Griff zu, wenn ich das einmal so formulieren darf. Schnappte gierig und doch vorsichtig mit seinem Schnabel nach den Kernen und Nüssen und entfernte sich schnell wieder für einige sichere Federlängen und Flügelschläge. Dann jedoch wagte er sich erneut vor, der Mutigste all jener Raben, die inzwischen aus heiterem Himmel angeflogen kamen. Und der mutigste Rabe erhaschte noch mehr Kerne, Nüsse, Futter.

Dann kamen die anderen Raben heran. Sie umflatterten den Mann bald in Scharen, bogen in Steilkurven vom Himmel hinab, kamen von links, von rechts gezischt, mühelos die Kunst des Fliegens demonstrierend, alle Flugzeuge und Helikopter nurmehr lächerliche Menschenwerke. Vor allem aber lockten die Raben wohl der Hunger und die ruhige und leise Hand des Mannes.

Ich saß noch immer auf der Wiese und sah dem Schauspiel zu. Dann sah ich, wie die hässlichen Vögel noch mehr wurden und noch mehr und den Mann bald umzingelten, umwolkten, umrasten. Der Mann aber blieb seelenruhig. Gelegentlich fuhr seine linke Hand in die Hosentasche und holte Nachschub. Körner, Nüsse.
Nach einer halben Stunde stand ich auf, ging zu dem Mann hin und fragte ihn, ob ich ein Foto machen dürfte. Der Mann sagte: „Sure, go ahead.“ Mehr sagte er nicht.
Dann, nach ein, zwei dummen Bildern, fragte ich den Mann, was er dort eigentlich machen würde? Warum? Wie lange schon?

Der Mann sagte, er würde die Vögel mögen. Er wäre gern hier unten Pazifik, und wenn man geduldig genug sei und das rechte Futter dabei habe, würden die Raben sehr nahe herankommen und man könnte den Wind auf der Haut spüren, der entsteht, wenn die Raben hastig nach den Körnern picken und sich dann wieder mit schnellen Flügelschlägen entfernen.
Wir führten ein kurzes Gespräch.

Ja, es sei wohl ein etwas seltsames Hobby.

Ja, er käme schon lange hierher. Er hätte früher in einer Stahlfabrik gearbeitet, oben im Hinterland von Sacramento. Jetzt sei er Rentner, nicht mehr viel zu tun. Aber so sei das eben.

Die Vögel seien scheu. Aber sie würden genau wissen, wann sie ihre Scheu überwinden und in welchem Maße sie ein Risiko eingehen müssten, um an das Futter zu gelangen.

Die Raben seien in Wirklichkeit keine hässlichen Vögel. Es seien die Vögel der Küste und die Vögel des Meeres. Das sagte der Mann noch.

Dann sagte er, auf Englisch und genau so: „It’s a quiet thing, you know. I like these birds. They come close but they never harm you. I think I know quite a bit about these birds now. I come here every day.“

Ich ging zurück zu meinem Mietwagen. Als ich den Motor startete, bimmelte es aus unsichtbaren Lautsprechern und ich musste mich anschnallen. Dann fuhr ich den Highway Number one weiter gen Süden. Ich verzichtete darauf, das Radio anzuschalten. Genoss dieses Amerika. Groß und weit und leise. Und dachte darüber nach, wie es wohl sein wird, wenn ich eines Tages alt bin.

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