Flossen hoch!

Abtauchen ins Paradies. Meerjungfrauen sind bunt wie Korallenfische und flutschen fabelhaft durchs Wasser. Dabei werden Märchen nahbar und die Schwimmer zu grell geschminkten Fischwesen

Das Wunder muss sich irgendwann vor über 400 Millionen Jahren ereignet haben. Eines schönen Tages im Paläozoikum ging, Entschuldigung, robbte der Quastenflosser aus den Ozeanen an Land und befand: Um mich auf festem Boden umzutun, werde ich wohl Beine benötigen. Und so wurden aus seinen Flossen, wahrscheinlich ein paar Millionen Jahre später, Beine. Damit nicht genug. Aus seinen Brustflossen wuchsen Arme, aus seinem Maul ein Mund, aus seiner Schnauze ein Gesicht. Kurz: Aus dem alten Hohlstachler ging irgendwann der Mensch hervor. So behaupten es jedenfalls die Evolutionsforscher, und laut ihnen steckt in uns allen noch immer eine gute Portion Fisch.

Womöglich ist das der Grund, warum sich manche nach den Ursprüngen sehnen. Statt vom Fisch zum Mensch wollen sie vom Mensch zum Fisch werden. Und das, natürlich, in schönstmöglicher Form. Sie wollen zum Fabelwesen changieren. Zum Fischmensch. Zur Meerjungfrau. Und beileibe – warum nicht?

Es ist ein sonniger Tag auf der kleinen philippinischen Insel Boracay. Die Palmen rascheln im Wind, weißem Mehl gleich neigt sich der Strand ins blaue Meer, zwei Rikschafahrer dösen im morgendlichen Schatten eines Kokosnussstands, als nun vier braun gebrannte junge Damen des Weges kommen und offenbar nichts Geringeres im Schilde führen, als die Evolution ein paar Millionen Jahre zurückzudrehen.

Sie tragen große Flossen unter den Armen, schuppenartig gemustert und tropenbunt bedruckt, die beiden Enden zu zwei feinen Spitzen auslaufend. So wie bei einem kleinen hübschen Korallenfisch. Sagen wir: einer Süßlippe, einem Fahnenbarsch oder einem kreischbunten Papageifisch. Pauline Evora und Megan Aniel heißen die beiden, die ihre Taschen unter einer Palme abgestellt haben, sich nun in den beinahe puderzuckerweißen Sand am Spülsaum des Meeres legen und sich umziehen. Genauer gesagt: anziehen – und sozusagen in die Haut eines Fischs schlüpfen. In ein eigens geschneidertes, aus Polyester und Elastan bestehendes Meerjungfrauenkostüm.

Ihre Füße wandern in die großen Monoflossen, dann krempeln sie den Stoff hoch, verschwinden in den hautengen Beinkleidern, bis diese ihnen schon über die Bauchnabel reichen. Pauline und Megan verwandeln sich da unten am philippinischen Strand gerade in Fische, und dies immerhin so wahrhaftig, dass ihre Körper nunmehr zu Fischrümpfen mutiert sind, ihre Füße zu Flossen und Megan sich sogar mit wasserfester Farbe das Gesicht geschminkt hat: natürlich im Fischlook. Blaue Kreise auf der Stirn, lilafarbene Schuppenmuster, die sich bis auf ihre Wangen ziehen.

Fertig ist der Fischmensch. Eine überaus ansehnliche Kreatur. Farbenreich und frohgemut, gelenkig und geschmeidig, man könnte glatt sagen: flutschig. Und nun müssen Pauline und Megan mit ihren beiden Schülerinnen nur noch eines tun: schwimmen gehen und abtauchen.

Zu viert robben sie ins Meer. Dorthin, wo das Wasser so klar ist wie Glas, so warm wie Seide und wo das Licht in feinen Linien über den hellen Sand der Lagune flirrt. Dann gleiten sie in die Wogen, machen ein paar Bein-, Entschuldigung, Flossenschläge, einem Delfin gar nicht so unähnlich, und bald, nur 20 Meter vom Ufer entfernt, entschwinden sie im Meer. Tauchen ab, schwimmen davon. Werden zum bestmöglichen Äquivalent eines Ozeanwesens. Zu einem Fisch – so weit es dem Menschen möglich ist.

Blubb, weg sind sie.

Nun glaube niemand, dass die vier Damen Exotinnen wären. Fischerverliebte Einzelfälle, die an Märchen und Schimären glauben. Mitnichten. Auf der ganzen Welt stülpen sich inzwischen nicht nur Frauen, sondern auch immer mehr Männer Fischkostüme über, um sich in der Kunst des „Mermaidings“ zu üben. Von Tokio bis Toronto steigen sie in die Schwimmbäder und ziehen dort ihre Bahnen, rollen sich in die seichten Wellen der warmen Meere und tauchen ab, solange sie die Luft anhalten können.

Zahllose Schulen bieten heute Kurse an. Auch in Deutschland. Im Ottilienbad in Suhl fanden bereits Deutsche Meisterschaften im Meerjungfrauenschwimmen statt. Sieger wurde übrigens ein Mann. Alexander Sengpiel aus Dachau, eigentlich Luft- und Raumfahrtingenieur, ist seither der schnellste Meerjungmann im Lande. Warum der versierte Schwimmer zur großen Monoflosse greift, erklärte er nach seinem Sieg so: „Es reicht ein kurzer Beinschlag, schon schießt du aus dem Wasser wie Flipper.“

Wer das fischige Vergnügen für eine oberflächliche Angelegenheit hält, hat keinen langen Atem. Und keine Ahnung. Meister im Mermaiding tauchen mit nur einem Atemzug 40 Meter und tiefer ins Meer hinab

Einige Nähereien und Tauchshops haben sich sogar aufs Mermaiding spezialisiert. Sie verkaufen große Monoflossen und maßgeschneiderte Kostüme in allen erdenklichen Farben und Mustern, dazu die passende Schminke. Zum Beispiel das fünfteilige Make-up-Set „Meerjungfrau“, zu erwerben von der ernsthaften Nixe, der es keinesfalls nur ums Schwimmen und Tauchen geht, sondern auch um die perfekte Pose. Am Strand und im seichten Meer nämlich nehmen Meerjungfrauen allzu gern Haltung an. Strecken die Flossen in die Höhe, legen sich keck in Position und lassen sich zauberhaft ablichten. Denn das fischige Erscheinungsbild ist Teil der Disziplin. Ein heiteres Schauspiel und ein echter Hingucker in jedem geposteten Fotouniversum: Welcher Mensch ist der schönste Fisch im ganzen Meer?


Doch wehe dem, der denkt, Mermaiding sei nur ein Modefimmel für Freunde der Verwandlung. In Kursen für Fortgeschrittene schwimmen die Fischefreaks bis auf 
20 Meter Tiefe und üben sich im Freitauchen. Maria Noella Zosa, ebenfalls versierte Meerjungfrau, hält auf den Philippinen sogar den Rekord im Freitauchen: Mit einer Monoflosse und nur einem Atemzug tauchte sie bis auf 51 Meter Tiefe. Das sind mehr als fünf Zehn-Meter-Sprungtürme übereinander – und diese Strecke musste sie einmal hinab und dann wieder hinauf tauchen.


Richtig. Das schaffen sonst nur: Fische!

Auf den Philippinen steckt Megan gerade den Kopf aus dem Wasser. Aus einiger Entfernung könnte man sie für einen Seehund halten, eine seltene Amphibie oder ein sehr großes Seepferdchen. Sie schwimmt eine Weile auf dem Rücken dahin, dreht sich, schlägt mit ihrer Fluke, taucht wieder ab, zieht in eleganten Kurven durch das blaue Reich unter der Meeresoberfläche.
Die beiden Novizinnen machen sich auch gut. Üben, noch etwas tollpatschig, den Schwung mit der mächtigen Flosse.

Ihre Füße stecken dabei in den Halterungen, als hätte man ihre Beine zusammengebunden. Das ist gewöhnungsbedürftig. Aber effektiv. Beim Delfinschwimmen flitzen die beiden bald immer schneller durchs Wasser. Pauline, eine der beiden Lehrerinnen der Mermaid Academy Boracay, macht es ihnen vor. Sie schwimmt einen Looping im klaren Meer, gleitet kopfüber unter der silbrigen Oberfläche dahin, als würde sie durch den Weltraum fliegen. Das Bild besitzt etwas Poetisches, etwas Märchenhaftes. Der Mensch als Fisch. Ja, warum nicht?

Die Sache mit den maritimen Mischwesen ist eine alte Nummer. Schon die alten Seefahrer hielten Dugongs und Seekühe für zauberhafte Weiber der Ozeane

Dass wir uns von dem maritimen Mischwesen verzaubern lassen, ist ein alte Geschichte. Schon auf seiner ersten Reise nach Amerika erhaschte Christoph Kolumbus einen Blick auf drei Meerjungfrauen am Bug seines Schiffs. In den Aufzeichnungen eines Seemanns steht zu lesen: „Am gestrigen Tag, dem 8. Januar 1493, als der Admiral nach Rio del Oro auf Haiti fuhr, sagte er, dass er eindeutig drei Meerjungfrauen gesehen hat, die aus der See auftauchten.“


Schon früh glaubten die alten Seefahrer an die ozeanischen Erscheinungen. Diese waren halb Fisch, halb Frau und warteten nur darauf, von einem weit gereisten Seebären geküsst und erlöst zu werden. Wahrscheinlich trieben den alten Salzbuckeln der Skorbut und die monatelange Einsamkeit auf See solche Trugbilder in die Köpfe. Der Mythos der Meerjungfrau aber war geboren. Dabei waren es wahrscheinlich Seekühe, die die Männer immer wieder um die Schiffe schwimmen sahen. Die Meeressäuger ähneln dem Menschen – mit ausreichend Fantasie – immerhin ein wenig. An ihren Vorderflossen sind sogar fingerartige Auswüchse zu erkennen. Doch sicher, ein, zwei Kübel Rum waren wohl schon nötig, um die grauen Gabelschwanzseekühe für die Weiber der Meere zu halten.

Und die ganze Geschichte geht noch viel weiter.

In der malaysischen Tambun-Höhle fand man 3000 Jahre alte Bilder von Seekühen, die in die Felsen geritzt worden waren. Der Name Dugong, wie die Tiere auch heißen, geht auf ein malaysisches Wort zurück. Es bedeutet so viel wie: „Dame des Meeres“. Auch im pazifischen Inselstaat Palau hat die Gabelschwanzseekuh schon lange eine besondere Bedeutung. Bis heute erzählt man sich dort Geschichten von jungen Frauen, die sich in sanftmütige Seekühe verwandeln. Einige von ihnen sollen havarierten Fischern schon das Leben gerettet haben.

Der Mensch und das Meer. Eine endlose Quelle für sagenhafte Anekdoten, Märchen, Fabeln, Fantasien. Die Meerjungfrau dürfte eine der schönsten Ausführungen sein. Nicht umsonst schrieben Dichter wie Hans Christian Andersen über die zauberhaften Kreaturen und stehen die Ozeanschönheiten heute als Symbole und Skulpturen in Kopenhagen, in Helsinki oder am Strand von Songkhla in Thailand.

Auf der tropischen und von blauem Meer umschwappten Insel Boracay aber verlässt man sich nicht auf Figuren, Sagen, Romane oder Verfilmungen wie etwa Walt Disney’s „Arielle, die Meerjungfrau“. Hier schlüpft man kurzerhand selbst in die Rolle einer maritimen Prinzessin. Nach einer guten Stunde entsteigen Pauline, Megan und die beiden anderen Damen dem Meer, legen sich am Strand in die warmen Wellen und lupfen kess die Flossen.

Die Sonne scheint, die Palmen biegen sich im Wind. Da kommen zwei aufgeregte Japaner mit gezückten Handys über den Strand gewetzt und nähern sich den schillernden Wesen. Die Japaner machen Fotos, knien im Sand, sie sind ganz aus dem Häuschen und stellen schon bald die alles entscheidende Frage:


„Wo bekommen wir solche Kostüme her?“

Text: Marc Bielefeld
Fotos: Marc Bielefeld (über Wasser), Benjamin Pflug (unter Wasser)

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