Russische Königin

Selten war eine Immigrantin so köstlich. Die Königskrabbe kam aus Kamtschatka in die Barentsee, vermehrte sich rasend und beglückt heute auch die Europäer

Das Monster spielt in diesen Tagen mal wieder verrückt, es entzieht sich. Die Kreatur mit dem durchsichtigen Blut und dem roten Fleisch scheint den schlammigen Grund bei Vollmond nicht zu mögen. Vielleicht hat es sich auch gerade gehäutet und schläft. Sie wissen es einfach nicht genau, weder die Fischer noch die Forscher.

Kürzlich jedenfalls krabbelte kaum einer der Vielfraße mehr in die Körbe. Das Wesen döst vermutlich im Matsch. Zu Millionen, 200, 300 Meter tief auf dem Meeresgrund.

Einer der Fischer steht in gelbem Ölzeug am Steg vor dem Dyfjord, er hat Hände und Unterarme wie Schinken. »Verdammte Krabbe«, pöbelt er. »Meine Körbe sind so leer wie ein hohles Hemd, ich werde morgen wieder auf Heilbutt gehen.« Vor ihm spreizt sich der Nordatlantik. Wie eine Schicht Silberpapier ruht das Polarmeer zwischen den gottverlassenen Bergen.

Am Morgen war die Sonne früh über den Fjorden aufgegangen und hatte das nördliche Ende Europas in ein helles Licht getaucht. Eine Welt wie aus versteinerter Dünung stieg aus der Dunkelheit. Kahle Buckel, Berge und Klippen vor kaltem Meer.

Hier oben auf 71 Grad Nord schreiten mehr Rentiere als Menschen durch die norwegischen Weiten. Die wenigen Häuser sehen aus wie rotweiße Klümpchen, die sich tief in die Buchten krallen, als hätten sie Angst vor dem Sturm. Vor den Holzstegen schwappt die Barentssee an die zerfranste Küste der Finnmark; weiter nördlich kommen nur noch Spitzbergen, Arktis, Nordpol.

Dicke Fische schwimmen in diesem Meer. Mandelhaie, Nagelrochen, Finnwale, Weißwale und Langfinnendelfine. Es tummeln sich Steinbeißer, Dorsch, Heilbutt und Makrele. Alles schön und gut und teils äußerst köstlich, aber doch in keiner Weise vergleichbar mit besagter Kreatur. Schon aus Formgründen sticht sie heraus.

Das Geschöpf sieht aus wie eine groteske Mondlandefähre, besitzt acht staksende Beine, deren Enden so spitz sind, als wolle die Kreatur damit Fische aufspießen. In Wahrheit klettert sie so die unterseeischen Steilhänge rauf und runter. Die Beine wachsen nach, reißen sie mal ab. Ausgestreckt besaßen einige Exemplare schon einen Durchmesser von 1,80 Meter und brachten es auf acht Kilo.

Das Ding vermehrt sich schnell und in Millionenzahl, weil es außer gefräßigen Steinbeißern und dem noch viel gefräßigeren Mensch keinen Feind zu fürchten hat. Wer will schon in diesen Panzer beißen? Rücken, Beine, Scheren sind mit Zacken übersät wie eine dornige Kraterlandschaft.

Im Gegenzug frisst das Vieh alles, was ihm in die Quere kommt. Muscheln, Heringe, Kleinkrebse, Würmer und Algen stopft es sich mit den Scheren in sein behaartes Maul. In Truppenstärke marschiert es durch die Habitate, pflügt gierig über die Meeresgründe. Dabei schnappt es sich sogar die Köder und Fische von den Langleinen der Fischer.

Am Osloer Fischereiministerium kippten Umweltschützer aus Protest schon 2000 der Tiere vor die Pforten der Politiker und forderten: »Rottet das Monster aus, der Eindringling frisst unser Meer leer!« 

Überdies hat das Geschöpf russischen Generälen die Köpfe verdreht und Spitzenköche Loblieder anstimmen lassen. Denn dies ist das zentrale Merkmal von Paralithodes camtschaticus, gemeinhin Königskrabbe genannt: Sie schmeckt verteufelt gut! Wie Hummer, nur fester und etwas faseriger, noch eine Spur intensiver, salziger, meeriger. Manche Männer hat die »King Crab« reich gemacht. In Deutschland kostet eine 220-Gramm-Dose bis zu 40 Euro. Eine Delikatesse mit seltsamem Ruf und nebulöser Historie. Irgend so ein Riesenvieh, das irgendwo aus Sibirien stammt.

Es ist neun Uhr morgens in Mehamn, einem Nest, in dem gerade mal 900 Menschen leben. Drei Fischfabriken gibt es, einen Bäcker, zwei Gasthäuser, viele Fischerboote. Der Flughafen besteht aus einer in die Felsen geschlagenen Landepiste und einem Abfertigungshäuschen. Hier und da stehen Motorschlitten in der Walachei und warten darauf, dass ab Oktober wieder der erste Schnee fällt und das Land einfriert. Mehamn gilt als das nördlichste Angelziel der Welt, Nordkap und Russland liegen um die Ecke.

Vidar Karlstad schnappt sich Öljacke, dünnes Fleece-Hemd, es ist ein milder Tag Anfang September. Karlstad ist in Mehamn geboren, er fischt, seit er in einem Boot aufrecht stehen kann. Ein Mann des Nordens, der vor Freude strahlt, wenn er an die eisigen Winter denkt. An jene Zeit, wenn er zum Eisfischen geht, zum Skilanglauf oder mit dem Motorschlitten übers Eis prescht, bis er nach einer Woche im russischen Murmansk ankommt.

Auf die Frage, ob er niemals eine warme Sonne vermisse, sagt er: »Ich mag den Süden nicht, viel zu heiß und zu voll da unten.« Karlstad spricht dabei von so hitzegeplagten Gegenden wie Stockholm oder Göteborg. Auf die Frage, warum ihm Daumen und Zeigefinger fehlen, antwortet er: »Wodka und Dynamit, es war Sylvester.«

Wenige dürften die nordnorwegischen Fjorde so gut kennen wie er. Karlstad, 54, betreibt hier oben eine Lodge für fischverrückte Angler. Gelegentlich steuert er die Schiffe der Fischfabriken und leitet den Flughafentower, wenn Maschinen landen. Vor allem aber fährt Karlstad seine eigenen Boote, fischt und nimmt Gäste mit raus, die die Monsterkrabbe selbst einmal ködern und verspeisen wollen.

 

An diesem Vormittag legt er mit seinem Kabinenkreuzer ab, die Minor 34 besitzt eine Extra-Klassifizierung für hohe Wellen und zweimal 350 PS. Dreht Karlstad auf, rast er mit 70 Sachen über das leere Meer wie mit einem Raumschiff. Der Dyford dehnt sich leer und groß, nur in der Ferne dümpelt ein rotes Fischerboot. Als Karlstad herankommt, ruft er rüber, fragt nach dem Fang. Der ältere Fischer menetekelt ebenfalls: »Nur zwei, drei Krabben in fünf Netzen, das war’s, ich weiß auch nicht, was los ist.«

Sie tauschen sich kurz über Tiefen und Strömungen aus, dann prescht Karlstad weiter. Die Steilwände der Fjorde ziehen vorbei wie steinerne Kessel. Unter dem Bootsrumpf müssen sich gewaltige Täler verbergen, ganze unterseeische Gebirgszüge. 

Hinten auf dem Arbeitsdeck liegt das Fanggeschirr schon parat. Der Krabbenkorb: ein rechteckiges Aluminium-gestänge, behangen von einem grobmaschigen Netz. Karlstad zerbricht drei tiefgefrorene Makrelen und stopft sie in einen kleinen Sack, der mitten im Korb hängt. »Die Krabben riechen den Verwesungsgestank und werden gierig.«

Er schaut aufs Echolot, stoppt die Maschine. Das Boot schwebt auf 110 Meter tiefem Wasser. Dann wuchtet er den Korb über Bord. An einer langen Leine sinkt er ins klare, grüne Meer, verliert sich in den kalten Abgründen. Eine Boje am Ende einer Schwimmleine markiert die Stelle. 

Die Krabbe lockt. Das Geld, das sich mit ihr verdienen lässt. Der Himmel, dein Boot und die verregnete Freiheit zwischen den Fjorden. Ja, das alles verlockt ungemein. Und so kommt es, dass du irgendwann einfach immer länger da draußen auf dem Meer bleibst

Die Berufsfischer legen bis zu fünf dieser Körbe an einer einzigen Stelle aus, denn in der Fangsaison von September bis Ende Januar darf jedes Schiff in den Fjorden bei Mehamn 1200 der Königskrabben fangen. An guten Tagen fahren bis zu 40 heimische Krabbenboote raus, weitere kommen von den Lofoten und den Versterålen-Inseln hinzu. 

Die wuchtige Krabbe lockt die Fischer vor allem wegen des Geldes. Denn sogar ein kleines Boot mit zwei Mann Besatzung kann an einem Tag schnell mal 1000, 2000 Euro machen. Die gefangenen Tiere landen an Bord in Plastikwannen, werden mit Salzwasser frisch gehalten. Noch am selben Tag verkaufen die Fischer sie an die Fischfabriken.

Dort bekommen die Fischer rund 12 Euro für ein Kilo. Die Fabrik verlangt nach Verarbeitung vom Händler das Doppelte, der nächste Zwischenhändler nimmt vom Restauranteinkäufer abermals das Doppelte: Dieser zahlt also bereits 50 Euro fürs Kilo. Und schlägt seinen Anteil drauf. Wer das köstliche Krebsfleisch als Endverbraucher isst, muss fürs Kilo – jene nach Darbietung und Qualität – zwischen 80 und 200 Euro berappen.

In Mehamn und an der Küste der Fanggründe ist die Krabbe auf dem Speiseplan derweil fast nirgends zu finden. Es gibt sie hier weder in Dosen noch in den wenigen Restaurants. Paralithodes camtschaticus wird in den Fabriken sofort zerlegt, gedämpft, gefrorenen, verpackt. Trucks fahren die Königskrabbe nach Süden zum Export: Kurz darauf jettet sie nach Japan, China, Amerika. Oder landet auf Fischmärkten und in Spitzenrestaurants Europas, deren Köche die Delikatesse zunehmend entdecken.

Am Nachmittag tuckert Vidar Karlstad zurück in den kleinen Hafen. »Ich werde den Korb eine Nacht liegen lassen«, sagt er. »Irgendwann werden sie wieder wild und ziehen über die Gründe der Fjorde.«

Dabei leben die Königskrabben, vor allem die Männchen, meistens in der offenen Barentssee. Anfang September jedoch migrieren sie in die flacheren Fjorde, um sich dort zu paaren und zu häuten. Die Krabbe schmeißt ihren alten Panzer ab, weil dieser sich nicht der wachsenden Körpergröße anpasst; das neue Schutzschild ist darunter schon gewachsen. Die Muskeln müssen beim Wandern über die Meeresgründe und fürs Häuten viel Kraft aufbringen – darum letztlich die edle Konsistenz des Fleischs, der vorzügliche Geschmack.

Dass die Norweger die Krabbe überhaupt vor ihrer Haustür fangen können, verdanken sie keineswegs der Natur. Denn ursprünglich lebte das leckere Wesen ausschließlich in den kalten Regionen des Nordpazifiks. Alaska, Nordkanada, besonders das russische Kamtschatka in der Beringsee: Dies sind die klassischen Gründe der Königskrabbe – weshalb sie vor allem als Kamtchatka-Krabbe bekannt ist. Auf den meisten Dosen, die in deutschen Feinschmeckerläden zu haben sind, ist es auf dem Etikett zu lesen: »Chatka-Crab«.

In den 1960er Jahren allerdings siedelten russische Forscher das Tier vor der Küste Murmansks an – 5000 Kilometer weiter im Westen. Warum? Vielen Sowjet-Generälen, sogar Stalin selbst, soll die Krabbe so gut gemundet haben, dass sie für ihre Leibspeise ständigen Nachschub forderten. Und sie wollten nicht auf Ware aus dem hintersten Sibirien warten, sondern die dicke Krabbe in einem Meer nahe Moskau wissen. Das Tier wurde also umgesiedelt, vermehrte sich, wanderte durch die dunkle Barentssee und missachtete jede Grenze: 1977 wurden die ersten Exemplare plötzlich auch in Norwegen gefangen.

Die russischen und norwegischen Fischer östlich des Nordkaps waren begeistert. Man rief sogar Schonzeiten aus, damit sich die gewaltige Krabbe weiter vermehren konnte.

Umweltschützer aber schlugen eines Tages Alarm: Es sei eine unkalkulierbare Gefahr, wenn der Mensch eine Spezies in ein fremdes Biotop verschleppe. Heute vermeldet das Meeresforschungsinstitut Bergen, dass diverse Tier- und Pflanzenarten aus einigen Fjorden bereits verschwunden seien. Niemand weiß, wie sich die Krabbe auf Fischbestände und Habitate noch auswirken wird. Die »Stalin-Krabbe«, wie die Norweger sie auch nennen, sorgt darum immer wieder für Diskussionen. Fischer und Gourmets profitieren – müssen aber gleichzeitig fürchten, dass manche Fischarten dezimiert werden und das Meer Schaden nehmen könnte. Die krabbelnde Köstlichkeit ist zum Politikum geworden.

Die krabbelnde Köstlichkeit ist zum Politikum geworden. Und die Fischer könnten noch so viel aus dem Meer holen – es würde wohl kaum reichen, um das dornige Urvieh auszurotten

Und sie ist äußerst hartnäckig: Die Fischer könnten noch so viele Tonnen aus dem Meer holen – es wäre kaum genug, um das Urvieh auszurotten. Zudem sorgt die »King Crab« für gute Geschäfte: Die Norweger fangen laut ihrer Fischereibehörde inzwischen bis zu 1250 Tonnen im Jahr, wobei allein den Fischern ein »First-Hand value« von bis zu 18 Millionen Euro bleibt.

Die Fangquoten östlich des Nordkaps sind darum limitiert, um auch in Zukunft gutes Business zu garantieren. Westlich des Kaps hingegen dürfen unbegrenzte Mengen aus dem Meer geholt werden. Die Behörden wollen vermeiden, dass sich der Fremdling noch weiter westlich und südlich ausdehnt. Einige Tiere wurden zwar schon südlich der Lofoten gefunden, aber die Zahlen bleiben überschaubar. Die Fischer behaupten, die Krabbe möge kein warmes Wasser. Alles über acht, neun Grad meide sie.

Am nächsten Tag fährt Vidar Karlstad abermals raus, die Fjorde ragen in den Himmel wie ein großes graues Schweigen. Als er die Position erreicht, schmeißt er die hydraulische Winde an und holt die grüne Leine Meter für Meter ins Boot. Dann kommt der Korb in Sicht. Karlstad beugt sich über die Reling, starrt in die Tiefe und schreit vor Freude. Da hängen sie dick und fett zwischen den Maschen: gleich ein ganzer Haufen der liliabraunen Krabben. Karlstad hievt den Korb an Bord, knüpft das Netz auf. Die gesamte Ladung kracht aufs Achterdeck.

»Das sind sind gut und gerne 70 Kilo Fleisch!«, feixt er und steht mit seinen Gummistiefeln in einem Berg von King Crabs. Die Achtfüßler krabbeln um seine Beine, liegen neben-einander, übereinander, stapeln, häufen sich. Ihre Beine rudern in der Luft weiter, die Scheren wollen sich noch Fraß in die Mäuler stopfen, obwohl nichts zwischen den Zangen klemmt. 

Karlstad schmeißt die Jungtiere wieder über Bord, nur Exemplare über 2,5 Kilo dürfen mitgehen. Doch die meisten Krabben sind groß, wiegen satte vier, fünf Kilo. Mit einem Messer sticht er in die Panzer, um sie zu töten. Klarer Schleim trieft auf die Arbeitsplattform des Boots: das farblose Blut des Tiers. Die meisten Weibchen tragen jetzt den Rogen. Ein dunkelbrauner Batzen winziger Eier, der unter dem Bauch-panzer klebt. 

»Probieren?« fragt Karlstad.

Er klappt den Bauchpanzer auf, seine Finger graben sich in die Rogenkammer. Der Krabbenkaviar schmeckt gut. Salzig, streng. Dann schnappt sich Karlstad eine kapitale Krabbe, drückt auf die Glieder der Beine. »Gute Qualität«, sagt er. »Viel Fleisch, kaum Luft im Panzer.« Breit grinst er über seinem Norwegerpulli. Einen Teil der Beute wird er für seine Gäste einfrieren, einen anderen an die Fabrik verkaufen. Den Rest aber will er selbst essen. Heute noch. Vidar Karlstad liebt Meeresbewohner.

Am Abend sind acht Tische und 16 Stühle in seiner Stelzen-Lodge am Wasser aufgebaut, Karlstad hat Familie, Freunde und sogar die beiden Krankenschwestern aus dem Dorf eingeladen. Die Krabben sind zurück – es soll ein Fest geben.

In der kleinen Küche steht derweil Karlbjørn Kristoffersen und hantiert schon mit seinen Töpfen und Pfannen, mit Knoblauch, Butter, Öl. Kristoffersen, 42, war lange Küchenchef, doch die Jobs in den norwegischen Restaurants waren ihm zu stressig. Heute kocht er auf einer Bohrinsel im Nordatlantik, das bringt gutes Geld, seine vielen freien Wochen verbringt er in Mehamn. Er liebt in die Natur hier oben. Das Jagen und Fischen. Das Kochen und das Essen.

Vidar Karlstad reicht ihm die frische Beute durchs Küchenfenster: kiloweise noch triefende King Crabs. Kristoffersen wetzt sein Messer, zieht Kevlarhandschuhe über und macht sich sofort über die Tiere her. Einige zerlegt er, andere dünstet er im Ganzen. 

»Die erste King Crab landete 1997 in meiner Küche«, erzählt er und reißt dem nächsten Tier die linke Schulterpartie aus dem Leib. Erst vor 17 Jahren hätten die ersten norwegischen Chefs begonnen, mit der Krabbe zu kochen. »Auch ich hatte zuvor noch nie so ein Ding im Ganzen gesehen und dachte nur: Meine Güte, was für eine Kreatur!« 

Auf der Arbeitsplatte vor ihm knackt und sabscht es, Kristoffersen bricht Beine ab, schneidet Gliedmaße durch, ab und zu schielt er genüßlich in den Ofen. Die ersten Krebse nehmen langsam ein knalliges Rot an.

Das Fleisch der Krabbe eigne sich hervorragend für kulinarische Experimente, flötet Kristoffersen. »Du kannst viel damit anstellen.« Er habe es schon in Pesto und Knoblauch gebacken, das gekochte Fleisch angebraten, mit Weißwein und Salsa, Gemüse und Öl. Dazu serviere er alles mögliche, Pasta, Knoblauchbrot, Kartoffeln. Am besten aber sei die schlichte Variante. Die Krabbe samt Schale ein Viertelstunde dämpfen oder in heißem Wasser kochen. Fertig. Dazu Brot, Zitrone, Mayonnaise. »So essen wir sie am liebsten.«

Kristoffersen wirbelt in der kleinen Küche herum, nimmt einen Schluck Weißwein. Dann zückt er einen ersten garen Panzer aus dem Dampf, schneidet ein Beinglied auf und zieht das weiße, roséfarbene Fleisch hinaus. 

»Hier, probier!«, sagt er. »Vor fünf Stunden kletterte das Biest noch über den Meeresgrund. Schmeckt wie Hum-mer, nur noch viel raffinierter im Geschmack. Nun ja, der Hummer gallopiert ja auch nicht in 400 Meter Tiefe durch die Barentssee!«

Vier Fischer, zwei Krankenschwestern, drei schwedische Angler, eine junge Pilotin, Karlstad mit seiner Frau sowie Kristoffersen mit Sohn und Freunden sitzen abends an der Tafel. Es gibt Wein und Bier und Brot, Mayonnaise, angemacht mit Knoblauch, dazu in Oregano gebackene Toastscheibchen, Zitrone und Haufen, nein: Berge von Königskrabben. Die Kreatur liegt auf weißen Schalen. Sie glänzt, als habe sie jemand orangefarben lackiert. Sie schmeckt fantastisch.

 

»Wieviel kann ich von dem Fleisch essen, ohne einen Schock zu kriegen?«, will einer wissen.

»Du kannst essen, bis es dir aus den Ohren wieder rauskommt«, sagt Vidar Karlstad. »Vergiss das mit dem Eiweiß, wir sind Vikinger.«

Karlstad hebt das Glas und macht einen Trinkspruch. Dann steht er auf und geht ins Bett. Morgen früh um fünf wird sein nächster Krabbenkorb ins Meer sinken.

Text: Marc Bielefeld
Fotos: Andreas Lindlahr

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