Sternhagelvoll

Das Dach Teneriffas lässt tief blicken. Nicht nur aufs Meer und über die Inseln – sondern auch mitten ins Universum. Willkommen im Weltraum: Auf dem Teide-Vulkan liegt eine der bekanntesten Sternwarten der Welt

Daniel Padron klebt vor seinem Computer, aber er surft nicht im weltweiten Netz, sondern im Universum. Im echten. Seine Augen haften auf dem Bildschirm, verfolgen einen winzigen weißen Punkt. Es ist der Komet namens »Johnson VC«, der erst kürzlich entdeckt wurde und gerade in rund zweihundert Millionen Kilometern Entferung um die Sonne schießt. Padron legt einige elektronische Filter über das grauweiße Bild, bis eine helle Spur erkennbar wird. »Der Schweif«, sagt er. »Er kann mehrere Millionen Kilometer lang werden. Schön, nicht?«

Was zu sehen ist, spielt sich da oben in den unendlichen Weiten tatsächlich gerade ab. Der Komet nähert sich auf seinem Orbit der Sonne, er schmilzt vor sich hin, löst sich auf, ionsiert. »Eines Tages ist er verschwunden«, sagt Pedron. »Vielleicht in tausend Jahren.«

Es ist weit nach Mitternacht auf dem Gipfel Teneriffas, doch für die wenigen Menschen, die jetzt noch am Observatorio del Teide weilen, schlagen jetzt die wichtigsten Stunden des Tages. Auch der junge Astronom Padron wird noch lange vor seinem Rechner sitzen und die weißen Pünktchen betrachten, die das Teleskop IAC 80 ihm liefert. Tausende Bilder macht das Okular des Sternenauges in dieser Nacht, die Computer sammeln Millionen Daten, um mehr über den fernen Schweifstern zu erfahren. Es ist eine entrückte Arbeit. Abstrakt und mathemtatisch, aber letztlich doch konkret und echt. Im Universum lesen. Die Himmelskörper da oben erkennen, verfolgen und verstehen. Eine knifflige Angelegenheit. Denn das einzige, das den Astronomen dafür zur Verfügung steht, ist das Licht, das die Erde aus den Tiefen des Weltalls erreicht. Bündel elektromagnetischer Strahlen, mehr nicht.

Je nach Reflektion und Winkel zur Sonne kann das empfangene Licht jedoch viel über Kometen und Asteroiden verraten. Wie schnell sind sie? Rotieren sie gleichmäßig oder taumeln sie durchs All? Verlassen sie ihren Orbit? Könnten sie eines Tages der Erde nahe kommen, gar mit ihr kollidieren? Und woraus bestehen sie: Wasser, Silizium, Uran? Könnten wir sie eines Tages als Energiequelle anzapfen? Die Astronomen gehen vielen Fragen nach, auch wenn es jahrelange Sisyphusarbeit ist. „Etwa tausend der wichtigsten Asteroiden kennen wir bereits recht gut, hinzu kommen um die zwanzig Kometen, die wir jedes Jahr entdecken“, sagt Daniel Padron. „Unser Ziel ist es, sie genauer zu charakterisieren. Sie könnten uns nämlich auch auf eine neue Spur bringen, wie das Universum entstanden ist.“

Padron, 27, sitzt in seinem Kontrollraum, überall stehen Monitore auf den Tischen, Computer, Anzeigen, Bildschirme. Koordinaten flackern dort, ellenlange Zahlenreihen, Parameter und Perioden. Es sind die Positionsangaben von Sternen und Asteroiden, Berechnungen von Umlaufbahnen und Entfernungen zur Sonne. Die Sprache der Astronomen. Noch drei weitere Stunden widmet sich Padron seiner Arbeit. Dann fährt er die Systeme runter, verlässt das Teleskop und tritt hinaus in die von Milliarden Sternen übersäte Nacht über der Insel. Fünf Minuten zu Fuß sind es bis zum Hauptgebäude der Sternwarte, und nun kippt auch Padron, vier Uhr morgens, endlich ins Bett.

Runde Gebilde öffnen sich wie Muschelschalen, sobald es oben auf dem Vulkan dämmert. Millionen Euro teure Teleskope kommen zum Vorschein. Ihre Mission: so weit und tief ins Universum glotzen, dass man – bei näherer Betrachtung und noch näherer Überlegung – wahnsinnig zu werden droht

Am nächsten Morgen geht die Sonne schon früh über den Kanarischen Inseln auf. Im Westen taucht La Palma aus dem Atlantik, im Westen zeichnet sich Gran Canaria im Meer ab. Und hier oben, auf dem Dach Teneriffas, tritt langsam eine menschnenleere Vulkanwelt ans Tageslicht. Eine karge Landschaft ohne Bäume zieht sich über die Flanken der Insel, schwarzes Gestein, pieksiger Ginster, dahinter erhebt sich der spitze Kegel des Teide-Vulkans und ragt über 3700 Meter hoch in den Himmel.

Kalt ist die Luft an diesem Morgen, nur ein leiser Wind zieht über die 2400 Meter hoch gelegenen Gipfelausläufer der Insel. Die Karaokebars der Touristenorte sind nun weit weg, die Strände tief unten nur noch helle Striche. Von hier oben aus liegt einem die Welt aus Flugzeugperspektive zu Füßen. Ringsherum blaues Meer, ein paar tiefe Wolken werfen ihre Schatten auf das Wasser und die Inseln; an klaren Tagen ist sogar Fuerteventura weit im Süden zu sehen. Noch grandioser gerät nur noch eine Aussicht: die nach oben in den Weltraum. Fast jede Nacht beginnt das Firmament regelrecht zu knistern, steigt die Milchstraße aus dem östlichen Horizont und zeigen sich die Sterne in maßloser Fülle.

Der perfekte Ort, um tiefe Blicke ins All zu werfen. Überall ragen runde Gebilde aus dem dunklen Lavaboden, weiße Kugeln und flache Gebäude, deren Kuppeln und Schiebedächer sich öffnen und entfalten, um Antennen, Teleskope und Radare feizugeben, die sich ungestört dem Weltraum zuwenden. Es sind die Ohren und Augen des Teide-Observatoriums, einer der bekanntesten Sternwarten der Welt. Millionen Euro teure Sensoren, Spiegel und Kameras, die Asteroiden beobachten, Sonnenwinde einfangen und das Licht ferner Galaxien empfangen. Dass das Instituto Astrofísica de Canarias eine Sternwarte auf dem Vulkan Teneriffas betreibt, hat einen guten Grund: 85 Prozent aller Nächte hier oben sind sternklar, die Wolken liegen meist tiefer und schirmen alles künstliche Licht ab. Der Teide ist dann einer der dunkelsten Orte der Erde. Um die Sterne besser beobachten zu können, ist sogar der Luftraum über dem Vulkan gesperrt.

Fast immer sind diverse Wisschenschaftler auf dem Vulkan, um ihren Forschungen nachzugehen. Über 20 Nationen betreiben verschiedenste Teleskope am Teide und führen zahlreiche Experimente durch. Sie messen Eruptionen der Sonne, suchen nach Exoplaneten oder versuchen beim »Experimento Quijote« anhand radioteleskopischer Messungen, die Reststrahlung des Urknalls aufzuspüren. Die europäische Weltraumbehörde ESA betreibt am Teide eine »Optical Ground Station«. Hier wird die lasergestützte Satellitenkommunikation vorangetrieben und verfolgen die Forscher selbst zehn Zentimeter kleine Teile Weltraumschrott, die um die Erde rasen und der Internationalen Weltraumstation gefährlich werden könnten.

Bis zu dreißig Leute arbeiten regelmäßig oben auf der Sternwarte, vom Koch der Basis bis zu Professor Dr. Miquel Serra, dem astronomischen Leiter der Station. Seit 25 Jahren ist Serra für das Instituto Astrofísica de Canarias tätig, forscht nach NEAs, »Near Earth Asteroids«, hält Vorlesungen in aller Welt und betreut die Studien seiner Studenten. Der Professor ist an diesem Morgen als erster wach, nach einer kurzen Nacht kommt er um neun in den Frühstücksraum, dippt sein Croissant in den Milchkaffee. »Ja, ja«, sagt er, »Astronomie hat viel mit Matematik und Theorie zu tun«. Vor allem aber müsse man eines beherrschen: »mit wenig Schlaf auskommen.«

Gegen zehn taucht auch Daniel Padron wieder auf. Putzmunter schnappt er sich einen O-Saft, gesellt sich an den Tisch mit den anderen jungen Wissenschaftlern. Da sind Lucia Magdalena, 24, und Paloma Minguez, 29. Die beiden angehenden Astrophysikerinnen sind sogenannte Night Assistants. Nachts kümmern sie sich um die nicht besetzten Teleskope, warten Geräte, überwachen Experimente. Sie alle sind wohl Sternenverrückte hier, infiziert von den Geschehen im All, denen sie hier auf die Schliche kommen. Und sie erhaschen fantastische Bilder: Gebilde wie den 1500 Lichtjahre entfernten Pferdekpofnebel oder die Magellanschen Wolken. Zwergalaxien neben der Milchstraße, die nachts in aller Stille wie weiße Flecken durch den Teide-Himmel reisen.

Lucia Magdalena will sich später der Suche nach erdähnlichen Planeten widmen, Paloma Minguez dem Urknall hinterher forschen. Natürlich kennen beide den Film »Contact« mit Jodie Foster. »Ich war zehn, als ich ihn das erste Mal sah«, sagt Magdalena. »Seither lassen mich die Sterne nicht mehr los.«

Am meisten Zeit jedoch verbringt Daniel Padron in der Mondwelt des Observatoriums. Seit sieben Jahren fährt er regelmäßig mit seinem Auto auf den Vulkan, quartiert sich in der einfachen Basisstation ein und bleibt länger als die meisten anderen. Seit zwölf Tagen weilt der studierte Astronom und »assistant observer« diesmal nun schon am Berg. Schiebt Nachtschichten und klemmt sich bei Dunkelheit vor die Monitore der Teleskope.

»Ich mag die Abgeschiedenheit hier oben, die Stille am Vulkan«, sagt Padron. »Du vergisst, dass du auf Teneriffa bist.« Erst recht, wenn er mal wieder seinen Kometen hinterjagt. Tagsüber aber stehen meist ziemlich irdische Tätigkeiten an. Statistiken auswerten, Computerprogramme und Koordinaten der NASA laden. Gelegentlich führt Padron auch Touristen und Schulklassen über die Sternwarte, erklärt ihn die Teleksope und die Arbeit der Astronomen.

Manche Asteroiden rasieren haarscharf an der Erde vorbei. Die Astronomen wissen in der Regel schon vorher, ob es knallt oder nicht. Und falls sie jemals Alarm schlagen sollten, dann gnade uns Gott

Am frühen Abend sinkt nun wieder die Sonne, und mit ihr verabschiedet sich der Tag. Es wird Zeit für das wahre Geschäft, den Weltraum. Professor Serra, Padron und die beiden night assistants sitzen beim Abendessen in der Kantine, vor den Fenstern thront der Vulkan in der kargen Lavawelt, tief unten das Meer. Auf dem Dach Teneriffas kehrt jetzt eine Art andächtige Stille ein: In der staubfreien und klaren Luft kriecht die Sonne wie eine glühende Tomate in den Atlantik. Das Team hat derweil neue Daten von der NASA bekommen. Heute Nacht wollen sie »2014 JO 25« verfolgen: einen Asteroiden von 650 Meter Durchmesser, der in diesen Wochen in anderthalbfacher Distanz zur Sonne einen Orbit durchläuft, bevor er für drei Jahre wieder von den Schirmen verschwindet. Allerdings kam »2014 JO 25« auch der Erde schon einmal bedenklich nahe: 1,76 Millionen Kilometer oder 4,5 mal die Distanz zwischen Erde und Mond. In kosmischen Dimensionen weniger als eine Haaresbreite. Und was geschähe bei einer Kollision? »Bumm«, sagt Padron, beim Abendessen noch in seinen Spaghetti stochernd. »Die Energie von mehreren hundert Atombomben würde sich entladen. Das Ende. Aber zum Glück wissen wir, dass dies in nächster Zeit nicht passieren wird.«

Um neun ist es soweit. Padron und die anderen gehen runter zum Teleskop, draußen glimmt längst der Sternenhimmel. Ein paar Stufen führen zu der Tür eines weißen Gebäudes, dahinter liegt das Innere der Kuppel. Das verkabelte „Auge“. Ein Gerüst aus Metall, bestückt mit Spiegeln und Optiken, die das Licht der Sterne einfangen und komprimieren. Das Teleskop selbst.

Unten im Kontrollraum fahren Dr. Serra und Padron die Rechner hoch, laden diverse Daten und Positionen. Millimetergenau richtet sich oben nun das Teleskop aus. Und auch diese Nacht werden sie wieder Stunden vor ihren Rechnern sitzen und Daten sammeln. Damit füttern sie einen Supercomputer, den „La Palma node“. Seine 512 Prozessoren können 4,5 Milliarden Berechnungen pro Sekunde anstellen. »Unser Hirn«, sagt Padron. »Gerade schnell genug, um den Dimensionen des Kosmos gerecht zu werden.«

Und dann taucht er auf, es ist schon wieder weit nach Mitternacht. Der Asteroid »2014 JO 25«. Ein weißes Pünktchen unter hundert anderen weißen Pünktchen. Ein einziges Geflirre, das sich auf dem Monitor breit macht. Padron zeigt auf den Schirm. »Dieser Punkt hier ist der Asteroid, die anderen sind alles Galaxien, jede mit einem Durchmesser von mindestens 200 Millionen Lichtjahren.

Das Unvorstellbare, das Galaktische. Oben auf dem Teide hat es Padron jede Nacht vor Augen. Seine letzten Worte, bevor er die Kopfhörer aufsetzt und endgültig abtaucht: »Schön, nicht?«

Text und Fotos: © Marc Bielefeld

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