Suzanne und das Meer

Sie hält den Daumen raus und macht Meile. Beim »Hitchsailing« trampt eine segelvernarrte Holländerin auf Yachten um die Welt. Und will nebenbei die Ozeane retten

Dies ist die Geschichte einer jungen blonden Frau, die sich ganz fürchterlich ins Segeln verliebt hat. Die nicht mehr lassen kann vom Leben auf dem Wasser, vom Geruch einer Kajüte, von diesem leisen Schwanken eines Bootsrumpfs. Die das Knarzen der Schoten hören will und aufs Meer blicken muss. Und die, darüber hinaus, den durchaus ernst gemeinten Traum verfolgt, die Erde nicht mit dem Flugzeug zu bereisen, sondern ausschließlich mit der Kraft des Windes. Per Segelyacht und per Anhalter.

Dies ist aber auch die Geschichte einer jungen engagierten Frau, die auf der Suche ist. Die für eine noch recht junge Generation steht und ihren Weg finden will in einer komplizierten, schnellen und schmutzigen Welt. Die der Überzeugung ist, dass gewisse Dinge auf diesem Planeten ziemlich schief laufen. Und die, darüber hinaus, mit ihren 30 Jahren Sätze sagt wie diesen: „Die Zeit des Redens ist vorbei, wir müssen handeln. Jeder von uns. Jetzt.“

Die Holländerin Suzanne van der Veeken lacht, ihre blonden Haare leuchten in der türkischen Sonne. Es ist brütend heiß draußen, das trockene Hinterland des winzigen Orts Ece Yalí braun und verbrannt, aber das Meer beginnt gleich unten in der Bucht. Es weilt in diesen Tagen nicht ein einziger ausländischer Tourist in dieser Region südlich von Bodrum; es herrschen gerade nicht die besten Zeiten in der Türkei. In der Woche zuvor gab es nach einem Putschversuch Aufstände im Land. Verhaftungen in Istanbul, Straßensperren in Ankara. Doch Suzanne van der Veeken mag das große Spiel der Politik nicht, trauen tut sie ihm schon gar nicht. Sie sagt: „Die Türken hier unten an der Küste zählen zu den nettesten Menschen, die ich auf meinen Reisen getroffen habe.“

Seit zwei Monaten ist Van der Veeken hier. Ein Segelboot hatte sie, von Griechenland kommend, in der Nähe abgesetzt. Und nun schreibt sie, inmitten dieser kleinen türkischen Provinz am Meer, an ihrem ersten Buch.
Am Nachmittag nimmt sie wie jeden Tag ihre Flossen, ihren Schnorchel, ihre Taucherbrille und schwimmt hinaus in die Bucht. Sie bleibt lange im Wasser, an manchen Tagen verbringt sie zwei, drei Stunden im Meer. Das Wasser ist warm und blau, und Suzanne van der Veeken könnte mit einem Atemzug auf zwanzig, dreißig Meter Tiefe abtauchen und drei Minuten lang die Luft anhalten. Die Kunst des Apnoetauchens lernte sie auf Bali, und seitdem lehnt sie es ab – wie so manches andere inzwischen auch –, mit Pressluftflaschen zu tauchen. „Es macht zu viel Lärm“, sagt sie. „Es ist unnatürlich, es verscheucht die Fische.“

Das Meer in der Bucht ist nur zehn Meter tief, mit wenigen Flossenschlägen ist sie unten, schwebt über den Grund. Es sind kaum Fische zu sehen. Van der Veeken schwimmt weiter hinaus, auf dem Rücken, auf dem Bauch, in Richtung einiger Felsen, schwimmt mit den Flossen um eine Ecke und kommt nach einer halben Stunde an einen kleinen Strand. Sie geht an Land, setzt sich. Dann beginnt sie, den Müll an dem Strand aufzusammeln und türmt ihn zu einem Stapel auf. Plastikflaschen, Tüten, Latschen, eine Zahnpastapackung. Sie nimmt ihre wasserdichte GoPro, macht Fotos. Den ganzen Haufen lichtet sie ab, einzelne Stücke. Zerschlissene Schwimmringe, eine alte Shampooflasche. Sie fotografiert den Strand, die Bucht. Dann lacht sie mit ihren großen, blendend weißen Zähnen in die Kamera, macht ein Selfie von sich und der Welt.

Suzanne mit Meer und Strandmüll.

Am Abend wird sie mit den Fotos ihre Blogs und Internetseiten füttern, die sie führt. Jeden Tag postet sie mindestens eine Nachricht, eine Botschaft. Einen Wink aus ihrer Welt und ihrer Denke. Nichts Missionarisches, nichts Dogmatisches. Etwas Aufrüttelndes allerdings sollen ihre digitalen Tagebücher schon haben. Ein Foto von einem Delfin, der neben einer Plastiktüte durchs karabische Meer schwimmt. Ein Video von einem Mantarochen, der eine Tüte schluckt. Das Bild sich auflösender Badelatschen im Sand von Spanien. Dann wieder sie auf einem Segelboot, im Meer. Blumen. Dreck. Fischerleinen. Palmen. Eine Bar. Ein im Meer treibendes Stück Isolierschaum. Dann wieder Einheimische. Sie an einem Steg, am Steuer einer Yacht. Wie sie eine vergammelte Styroporboje aus einem Hafenbecken fischt.

»Die Zeit des Redens ist vorbei, wir müssen handeln. Jeder von uns. Jetzt«

Es sind Fotos und Szenen aus den Augen der Suzanne van der Veeken. Der „Oceanpreuneurin“, wie sie sich nennt. Momentauf-nahmen einer Frau und des Meeres, das sie so vergöttert und das sie beim „Hitchsailing“ bereist. Denn das ist ihre Passion und ihr Unterfangen: Als Segeltramperin schlägt sie sich durch von Yacht zu Yacht, hangelt sich von Koje zu Koje, reist von Hafen zu Hafen und auf diese Weise über die Ozeane – und propagiert im Zuge dieses vagabundenhaften Segeldaseins obendrein den Schutz der Meere.

Sie kann nicht anders. Sie hat nicht viel Geld und will in erster Linie nur eins: segeln. Auf Booten sein, am Meer, im Meer. Und sie will, darüber hinaus, etwas tun. Etwas Sinnvolles, etwas Gutes. Etwas, das ihr am Herzen liegt und das ihr obendrein als richtig und wichtig erscheint. „Nicht reden, machen. Jetzt!“ Sie sagt das noch mal, als sie da so am Strand sitzt, mit ihren nassen Haaren neben dem Haufen Müll. „Es sind nur kleine Schritte, aber ich tue, was ich tun kann, und wenn jeder ein wenig mitmachte, würden wir schon weit kommen.“
Wobei sich das Machen in ihrem Fall eher als ein Nicht-machen erweist. Als eine Form des Entzugs und der Enthaltsamkeit. Als radikale Abwendung von gewissen Gewohnheiten.

Seit Jahren lebt sie vegan. Null Fisch, null Fleisch. Sie verzichtet in letzter Zeit, wenn sie nur eben kann, auf Reisen mit dem Flugzeug. Auf Fahrten im Auto, im Bus, im Taxi. Sie nimmt gelgentlich eine Fähre, aber lieber bewegt sie sich bei ihrem Abenteuer lediglich unter Segeln durch die Weltgeschichte. Sie geht viel zu Fuß, sie schwimmt. Sie besitzt nicht viel. Ihre sieben Sachen passen in einen großen Ruckack, eine Tasche. „Das wichtigste, das ich mitnehme, sind mein Laptop und mein Smartphone. Damit bin ich vernetzt, damit komme ich um die Welt.“
Auf der Rückseite ihres Smartphones klebt fast ein Dutzend Simkarten. Für diverse Länder und Orte, die sie bereist hat und wieder bereisen will. Der Zugang zur ständigen Kommunikation. Das Vernetzen. Das Schreiben und Kontaktieren. Das Möglichwerden ihres Lebenstils.

Nur bei ihrer liebsten Beschäftigung hat sie meist gar keinen Empfang mehr: beim Segeln auf See, auf dem Mittelmeer, mitten auf dem Atlantik. Wer ihr dann eine Mail schickt, erhält diese automatische Abwesenheitsnotiz: „Der Ozean hat gerufen. Habe mein Büro auf ein Segelboot verholt. Es kann mit meiner Antwort länger als sonst dauern. Ahoi!“ Zu ihrem Ansatz, die Meere und die Umwelt zu schützen, gehören aber noch Einschnitte anderer Art. Sie sagt: „Ich will nicht mehr warten, dass etwas passiert, dass sich etwas ändert. Ich will auch nicht mehr auf irgendwelche Beschlüsse vertrauen, auf Bemühungen anderer, auf die Initiativen irgendwelcher Unternehmen oder Organisationen. Ich möchte etwas tun! Also fange ich an, wo jeder anfangen sollte – bei sich selbst.“

Sie kauft strikt keine Nahrungsmittel mehr, die eingeschweißt, die irgendwie verpackt sind. Null. Wenn sie irgendwo in der Welt einen frischen Obstsaft bestellt und dieser mit Strohhalm serviert wird, dann nimmt sie den Strohhalm aus dem Glas und gibt ihm dem Ober zurück. Sie sagt dann: „Nein, danke, den möchte ich nicht, bitte nehmen Sie ihn wieder mit.“ Mehr sagt sie nicht. Kein Zeigefinger, kein Ökogebet. Nur wer ihr die Frage stellt, warum sie keinen Strohhalm will, dem antwortet sie: „Plastikmüll – Strohhalme stehen da weltweit an fünfter Stelle.“ Auch hat sie davon Abstand genommen, Wasser in Plastikflaschen zu kaufen. Null. Selbst dann kauft sie keine, wenn sie in Thailand weilt, in Malaysien oder Indonesien; bekanntlich nicht die saubersten Ecken der Erde. Sie besitzt eine im Auftrag der Nasa entwickelte Trinkflasche mit Vlies-Filter und geladener Schichtmembran, arbeitet mit der Firma Water-to-Go zusammen. „Mit diesen Flaschen kannst du Wasser aus einem indischen Fluss schöpfen und trinken, ich hatte nicht ein einziges Mal Magenprobleme.“

Sie hat davon Abstand genommen, Wasser in Plastikflaschen zu kaufen. In Zahlen heißt das: null

Sie kauft wenig, bestellt in Lokalen nur lokales Essen. Wenn ein Wein nicht aus der Region kommt, womöglich gar aus Chile oder Südafrika importiert ist, dann trinkt sie keinen Wein. Dann trinkt sie Wasser. Auf ihrer Website listet sie Tipps auf, um etwas für die Meere zu tun. Regeln, die jeder beherzigen kann. Reduce, reuse, recycle. An jedem Strand selbst mindestens drei Stücke Plastik mitnehmen und korrekt entsorgen. Sich informieren. Die Botschaft verbreiten. Mit Gewohnheiten brechen.

Die ihr wichtigste Form der Entsagung aber will sie in Zukunft immer mehr kultivieren: das Unterwegssein mit Segelbooten, nur mit dem Wind um die Welt kommen. Sie war schon auf den Whitsundays unterwegs, ist in der Südsee gesegelt, im Mittelmeer, über den Atlantik, in Asien. Hat sich in Spanien durch die Häfen geschleppt. Sie liest die einschlägigen Seiten der Hand-gegen-Koje-Angebote, hinterlässt dort Nachrichten, hängt Zettel mit ihrer Telefonnummer in den Häfen aus.  „Suche Mitsegelgelegenheit, egal, wohin. Passe auch auf einsame Boote auf, kümmere mich um Ihr Boot, wenn es länger allein in einem Hafen liegt.“ Boat-Sitting nennt sie das. Oft läuft sie auch über die Stege, spricht fremde Crews an, die Skipper. Hauptsache, auf einem Segelboot sein. Sie hat einen Narren daran gefressen. Darüber hinaus passt es zu ihrem Anliegen, zu ihrer Sache. Eine Segelverrückte ist sie, die noch immer Erfahrungen sammelt. Navigation, Sturm, Anlegemanöver. Genügend Seemeilen hat sie längst gesammelt. Es müssen um die zehntausend sein. Bald will sie ihre ersten Scheine machen. „In Spanien oder irgendwo im Mittelmeer, alles zu seiner Zeit“, sagt sie.

Sie hat sich in diesen Wochen an der türkischen Küste ein kleines Zimmer gemietet, um zu schreiben. Zum Meer sind es nur vierzig Meter. Nach dem täglichen Schwimmen und Tauchen sitzt sie in einem kleinen Café am Wasser. Die türkische Sim-Karte ist aktiviert. Sie prüft ihre Mails, ihre Seiten. Sie hat Antwort bekommen von der Crew einer 1935 gebauten Schoner-Yacht, die gerade durch die griechische Inselwelt segelt. An Bord sind noch eine andere Holländerin, zwei Brasilianerinnen, der Skipper und dessen Frau.

„Sie suchen noch jemanden an Bord“, sagt sie. „Ich muss nur ein Boot finden, das mich von Bodrum nach Paros bringt.“ Sie schickt eine Mail, postet schnell noch ein Foto auf ihrer Internetseite „Oceanxploration.com“. Sie im Sonnenuntergang, mit einem Stück zerschlissenem Fischernetz in Händen. Das Bloggen ist ihr eigentliche Tätigkeit. Sie hat aber auch schon Reiseberichte geschrieben, Kitesurf-Reisen organisiert, für Touristikprojekte gearbeitet. „Ich verdiene nicht viel Geld, aber ich brauche auch nicht viel. Mit tausend Euro im Monat komme ich gut über die Runden.“ Für ihr Buch hat sie 4000 Dollar übers Crowdfunding gesammelt.

Das Buch will sie online vermarkten. Es wird vom Segeltrampen handeln. Es soll verraten, was man wissen muss, um auch ohne Boot durch die Weltgeschichte zu segeln. Ihre Erfahrungen, ihre Ratschläge. Wo man Yachten findet, welche Crews man besser meidet. Van der Veeken kann ein ziemlich schräges, breites, weißes Lächeln aufsetzen, wenn sie vom Segeln spricht. Ihre Augen wandern dann irgendwie aus, schauen in eine Ferne. Die Boote scheinen wirklich etwas mit ihr gemacht zu haben. Es muss über die normale Dosis hinaus gehen.
Sie trinkt einen Schluck Wein, einen türkischen aus den Bergen. Und erzählt aus ihrem Leben.

Geboren wurde sie nahe Breda in Holland, in dem Dorf Gilze en Rijen. Sie spielte als Kind viel Tennis, ging früh das erste mal schnorcheln. Ihre Eltern waren schon immer versierte Taucher. 
Mit 17 ist sie mit der Schule fertig. Beginnt zu studieren, Psychologie, Soziologie, Marketing. Toursitikmanagment wird bald zu ihrem Gebiet, nebenbei arbeitet sie als Snowboardlehrerin in den Alpen, als Bedienung, verdient sich Geld in Bars und Restaurants. Sie geht in ein Surfcamp, leitet dort die Aktivitäten, organisiert. Lernt Surfen, Kitesurfen, macht den Tauchschein. Das Meer. Schon damals zieht es sie immer mehr dorthin. Sie studiert dennoch weiter, arbeitet als verkleidetes Maskottchen in einem Themenpark.

Dann findet sie während des Studiums einen Praktikumsplatz, bei dem sie sich ums „Tour assessment“ kümmern muss. Sie soll Berichte schreiben, wie nachhaltig Bikerouten sind, was Quad-Touren anrichten, wie man Wanderpfade sauber halten kann. Sie findet diesen Praktikumsplatz auf: Mauritius. Dort besteigt sie während der Recherchen zum nachhaltignen Tourismus auch das erste Mal eine Segelyacht. Und dort geschieht es dann um sie. Sie sieht erste Mal eine Kajüte, eine Koje, fühlt eine Schot. „Ich wusste sofort, Boote waren mein Ding, Boote und das Meer. Alternativlos.“

Sie arbeitet weiter für ihr Studium, will ihren Master machen. Ihr Thema: Wie sich der moderne Tourismus aufs Klima auswirkt. Es ist nicht schön, was sie lernt, sieht, erfährt und bald in Form von Zahlen und Auswertungen selbst zu Papier bringt. Sie ist in diesen Zeiten, fürs Studium und für Jobs im Tourismus, viel unterwegs. Australien, Tonga, sie zieht durch die armen Küstenregionen Kambodschas. Immer sieht sie auf ihren Reisen auch Segelboote in den Marinas, an den Moorings. Und landet, wie automatisch, immer wieder auf irgendwelchen Booten. Segelt zu den Whitsundays, fährt mit auf Törns um die Tonga-Inseln. Schwebt zwischen Studium, Holland und einem kuriosen Traumdasein. Und macht mit 25 ihren Abschluss mit Bestnote, cum laude.

Danach geht sie nach Peru, erarbeitet ein Projekt für alternative Einkünfte in einer ärmlichen Bergregion. Sie verbringt fünf Monate in den Anden, auf 5500 Meter über Meereshöhe. Und entscheidet: zurück ans Meer. Sie geht nach Tarifa, arbeitet als Kitesurflehrerin, mietet ein Zimmer, untervermeitet es teurer über Air BnB, wohnt selbst in einem Zelt. So verdient sie sich ein wenig Geld, um ihr neues Projekt zu starten: Hitchsailing und Bloggen. Seitdem tingelt sie auf Segelbooten durch die Weltgeschichte, schreibt, postet und sammelt Follower.

Die Erfahrungen, die sie macht, sind nicht immer gute. Um über den Atlantik in die Karibik zu segeln, landet sie auf der Yacht eines belgischen Eigners, der immer seltsamer wird. An Bord der Beneteau 44 sind neben ihr noch fünf andere zusammengewürfelte Crewmitglieder, aber auch sie werden schnell skeptisch. Der Skipper trinkt, holt ungeplant noch zwei weitere Leute an Bord, verlangt auf einal mehr Geld. Das Schiff ist in bedenklichem Zustand, vieles funktioniert nicht, der Wassertank leckt; offenbar will er Reise und Boot mit dem Geld der anderen lediglich finanzieren.

Dann bietet er ihr an, die Kabine mit ihm zu teilen. Schmeißt Leute raus, sucht sich neue. Es wird psychologisch, dicke Luft noch vor dem Ablegen auf den Atlantik. Später kommt es sogar zu einer Schlägerei und einer Anhörung vor Gericht. In Las Palmas steigt Suzanne van der Veeken aus, die anderen tun es ihr bald gleich. Auf den Internetseiten der Crewgesuche landen schnell Hinweise, diesen Skipper unbedingt zu meiden.

Es sind Einblicke in die Welt der Blauwasserszene, in jene Diaspora, die sich mit ihren Booten auf den Meeren und in den Häfen herumdrückt. „Es gibt viele Verrückte da draußen“, sagt sie. „Viele Eigner haben kein Geld und wollen die Crew ausquetschen. Man muss viel Zeit investieren, um einen guten Skipper und ein gutes Boot zu finden.“ Sie traf Skipper, die Leute illegal über Landesgrenzen schmuggeln wollten, solche, die Crewmitglieder in ihren Kabinen einsperrten. Ein Skipper drohte gar, jemanden zu ertränken. Sie hörte in den Häfen von Meutereien, weil der Skipper sich als Psychopath erwies. Aber auch unter den Crews gäbe es immer wieder schräge Vögel. Leute, die unterwegs durchdrehten, sich inakzeptabel verhielten. „Man lernt viel über Menschen, wenn man sich in der Szene der Langfahrtsegler bewegt, und nicht nur Gutes“, sagt van der Veeken. Und auf dem Wasser könne das problematisch werden. „Wenn das Boot erst mal unterwegs ist, gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Jeden Tag wird die Yacht einen Fuß kleiner.“

Ihren Plan, den Atlantik zu queren, gibt sie darum nicht auf. Ein holländischer Eigner sucht noch jemanden für seine Ketch, es sind noch vier andere Holländer an Bord. Sie segeln von den Kanaren zu den Kap Verden, brauchen dann 18 Tage bis nach Tobago. Es wird eine herrliche Fahrt, ihre erste Ozeanquerung als Segeltramp. Sie lernt viel, sitzt oft am Kartentisch, hält Wache, steuert. Und ist begeistert. Ihr „Ding mit den Booten“ hat unter der ersten schlechten Erfahrung nicht gelitten.

In der Karibik findet sie schnell eine Yacht für den Rückweg über die Azoren bis nach Mallorca. Auf der 90-Fuß-Ketch sind der kanadische Skipper, vier Mann permanente Crew, zwei angeheuerte Segler und sie. Sie brauchen einen Monat für die lange Etappe. Großes Boot, großes Meer. An Bord verstehen sich alle prächtig. Suzanne im Glück. Öfter nimmt sie unterwegs Meeresproben, untersucht das Wasser mit ihrem transportablen Minilabor nach Schadstoffen. Und postet die Ergebnisse.

Ihre Internetseiten und ihr Projekt geben ihr immer wieder ein Gesicht, ein Profil, wenn sie sich bewirbt und nach Booten schaut. Da ist diese junge Holländerin, die etwas bewegen will. Die ihr seltsam entzücktes Lachen aufsetzt, sobald sie vom Segeln spricht. Die Menschen mit ihrer Botschaft erreicht. Erste kleine Artikel über sie sind erschienen, auch eine türkische Zeitung schrieb über die Segeltramperin mit Mission. Das öffnet Türen – und den Weg auf die Schiffe.

Sie segelt durchs Mittelmeer, landet in der Türkei, bald auf einer klassischen Yacht in der Ägäis. Sie ist inzwischen gut vernetzt in der Szene, kennt viele Leute, Segler, Crews und Skipper. Mitte Oktober springt sie aufs nächste Boot, die 57-Fuß Yacht „Eau Too“. Der Name passt. Auf ihren Seiten lässt sie ihre Follower wissen: „Das Boot ist zu einer Weltumsegelung aufgebrochen. Wir sind zu siebt an Bord, sechs Nationalitäten. Libanon, Polen, Frankreich, Australien, England und ich aus Holland. Wie cool ist das? Wir werden uns viele Geschichten zu erzählen haben. Und ich werde wieder über den Atlantik segeln.“

Der große Traum ist klar formuliert. Ein eigenes Boot, autark sein und die Welt mit dem Wind bereisen

Nun ist sie erneut unterwegs, da draußen auf dem Meer und nur mit dem Wind. Das dritte Mal über den großen Teich. Sie will danach durch die Karibik und das erste Mal auch über den Pazifik. Immer weiter, Daumen raus und Meilen machen. Will eine erste Dokumentation drehen über ihre Reise. Über die Menschen und das Meer. Wie schön es ist und wie versaut. Ihr großer Traum ist es, eines Tages eine eigene Yacht zu besitzen. Nichts Riesiges, ein Boot um die zehn, zwölf Meter. Voraussetzung: Das Boot soll nach ihren Vorstellungen modern sein. Nur mit selbst generiertem Strom auskommen, Wasser filtern, Regen auffangen. Völlig autark sein.

Ihre Mission wird noch immer dieselbe sein. Nur in einem Punkt will sie den Spieß dann umdrehen: jede Menge Anhalter mitnehmen – fortan auf eigenem Kiel.

Text und Fotos © Marc Bielefeld

Inzwischen ist Suzanne van der Veeken auf vielen weiteren Yachten gesegelt,
hat weitere Male den Atlantik gequert, und ihr Buch ist nun erschienen.
Es beschreibt, wie man eine Koje findet, bei einer geeigneten Crew anheuert
und was beim »Segel-Trampen« zu beachten ist.
Hier geht’s zur Seite der »Oceanpreuneurin«

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