Viel Vergnügen

Mit der Insel Phu quoc haben die Vietnamesen Großes vor. In nur wenigen Jahren soll aus dem tropischen Kleinod ein gigantischer Ferienpark werden. Die ersten Achterbahnen rauschen schon jetzt durch die utopische Kulisse

Herr Huan Trang sitzt an diesem Novembernachmittag am Strand von Sao Beach, er sitzt auf einer aufblasbaren Wasserrutsche aus Plastik und wartet darauf, dass auf seiner Insel Phu quoc die Saison beginnt. In den letzten Tagen schickte der Himmel noch schweren Regen, aber nun kündigt sich die Trockenzeit an. Nun wird bald wieder die Sonne scheinen, wird das Meer blau leuchten, werden die Chinesen kommen, die Russen, die Europäer und wird die vietnamesische Ferieninsel alles versuchen, um ihrem Endziel eine Phase näher zu kommen. Zwischen die beiden Gottfiguren in seinem kleinen Schrein hat Herr Trang ein Bündel Dollarnoten geschoben.

Er geht die paar Meter hoch zu seiner Beachbar, die er neben seiner 200 Quadratmeter großen, bei schönem Wetter im Meer dümpelnden Plastikspielwiese ebenfalls betreibt. Er verkauft in der Bretterbude Eiscafé, Cola, Fanta, vietnamesischen Reiswein. In einem Bassin mit trübem Wasser liegen Garnelen, Muscheln und kleine Flusswelse, die velleicht noch leben; auf Wunsch gibt es sie gebraten.

Neben der Bude, hinter der Bude liegt Müll. Zerfetzte Palmwedel, Kanister. Zwei Russinen laufen barfuß durch den weißen Sand, laufen vorbei an Sonnenschirmen und umgekippten Stühlen. Es ist heiß und schwül. Hinten aus dem Dschungel erheben sich hellbraune Wolken und das Dröhnen einer Großbaustelle. Die Tochter von Herrn Huan Trang schiebt sich die Staubmaske wieder vors Gesicht, aber über ihrem Kopf, an einer kleinen, rostigen, schiefen Stange weht sie noch, die Flagge der sozialistischen Republik Vietnam, roter Fonds mit gelbem Stern.

Herr Huan Trang sitzt, wie soll man sagen, zwischen den Zeiten. Sitzt mit seiner kleinen Strandbar und seinem bunten Wasserpark irgendwo zwischen einer alten und der neuen Version der Insel Phu quoc. Hockt mit seinem Geschäft inmitten einer sich aufblasenden asiatischen Utopie, die bald keine mehr sein wird. Die sich erheben wird wie der Staub aus dem Grün, wie die Drachen aus den Träumen.

Herr Trang stochert in seinem Eiscafé. Sein goldfarbenes iPhone bimmelt, seine Füße spielen mit den Latschen. Er weiß es noch nicht, vielleicht will er es auch nicht wissen, aber bald, in den nächsten zwei, drei Jahren, wird er davongespült werden wie ein Körnchen von einem Tsunami.Bis dahin aber singt Herr Trang seine Hoffnung hinaus aufs Meer. Er breitet die Arme aus, sagt auf Englisch: »Beautiful ocean, many tourists, very beautiful.«

Die Losung ist klar: »Beautiful ocean, many tourists, very beautiful«

Vor zehn Jahren schlief die Insel Phu quoc noch. Viel Busch, viel Grün, schmale, einsame Strände. Die Fischer fuhren auf ihren Sampans, in den Dörfern liefen Hühner. Dann kamen eines Tages die ersten Traveller, sie kamen aus Thailand, weil man dort schneller mit der Zeit ging, weil es dort längst immer voller wurde. Die Traveller fanden eine ferne Insel vor, die noch halbwegs ihren Gelüsten entsprach. Leer und billig, fast nur Einheimische. Warmes Meer, Garküchen. Die dreieckigen Chinesenhüte, die auf rostigen Drahteseln neben den Reisfeldern fuhren. All die friedlichen Bilder, die der Klang dieses Worts Vietnam noch versprach.

Vor sechs Jahren tauchten bereits mehr Reisende auf, Winterflüchtlinge, die Geld hatten. Kleine Gästehäuser entstanden, Hotels, Restaurants, und irgendwann muss irgendwer den ersten Cheeseburger auf der Insel gebraten haben. Vor vier, fünf Jahren wuchs der erste Palast. Der alte Flughafen wurde stillgelegt, der neue, größere und weiter im Süden gelegene eröffnet. Vor drei Jahren rochen die ersten großen Konzerne die Luft der Insel. Das Internet hatte die Nachricht rasend schnell verbreitet, die Posts, die bunten Bilder, die Seiten der Reiseberichte.

Noch aber kam der seltsame Wandel auf Vietmans einziger tropischen Insel im Meer eher verhaltenen Startvorbereitungen gleich. Lediglich die Vision, etwas Großes aufs Reißbrett zu stellen, etwas Enormes. Doch vor einem Jahr war es vorbei mit der Prokrastination. Die sozialistische Regierung Vietnams schraubte an den Resolutionen Nummer 19 und 35, schuf paradiesische Bedingungen für Investoren; die Berichte von Weltbank und Europäischer Handelskammer nahmen Notiz, registrierten die stabile politische Lage im Land. Sie erhöhten die Punktzahl, die ein pontentiell prosperierendes Wirtschaftreich ausweist, sie erhöhten sie von 77 auf 86. Der „Business Climate Index“, der globale Indikator dafür, wo auf dieser Erde noch Geld zu machen ist, schnellte nach oben.

Und nun fiel der Startschuss. Zu vernehmen in ganz Vietnam, im Besonderen jedoch auf jener Insel im Golf von Thailand, wo die schönsten Sonnenuntergänge des Landes zu bewundern sind, wo die Strände liegen und die Verheißung nach einem Paradies noch würde funktionieren können. Dann ging es los. Alsbald kamen die Planierraupen und die Milliarden. Der Drache, der nun Appetit auf Insel hatte.

An diesem Dezembertag scheint endlich die Sonne über Phu quoc. Im Norden der Insel, auf Höhe Bai Dài Beach, fahren mehrere Reisebusse vor dem »Vinpearl Land« vor. Der Vergüngungspark ist noch nicht ganz fertig gestellt, aber die Besucher dürfen schon hinein, dürfen 20 Dollar bezahlen, um im Waterpark die 20 Meter Wasserrutschen hinunter zu flitzen, um im Riesenrad zu fahren, in den Karussels, Achterbahnen und hydraulischen Katapulten. Sie haben im »Vinpearl Land« ein altes europäisches Schloss nachgebaut, hinter Glas sollen bald Wassernixen schwimmen, in einem Amphitheater buntbestrahlte Fontänen zu Mozart tanzen. Aus den Lautsprechern singen schon jetzt Phil Collins und Frank Sinatra, die ersten Geschäfte haben geöffnet, sie verkaufen zumeist in Rosa gehaltenes Babyspielzeug; an den Buden von »Yummy Land« gibt es Softeis.

Unten am Meer haben die ersten beiden Hotels der vietnamesischen Urlaubsfabrik namens »Vinpearl« eröffnet. Bauten wie aus weißem Marmor, Pools so groß wie Seen. Glas blitzt, frisch gepflanzte Palmen stehen in Reih und Glied. Im Norden und Süden, ebenfalls am Saum des Meeres, dehnen sich bereits die nächsten Großbaustellen. Bulldozer klettern dort durch Krater ausgehobener Erde, Kräne stehen auf den werdenen Fundamenten für Villenparks, Hotels und zehnstöckige Bettenburgen. Das »Grand World« der LDG Group ist hier am Entstehen, zwei halbmondartig geschwungene Komplexe mit 4600 Betten, umrahmt von einer in wenigen Monaten aus der Erde getriebenen Welt aus Palmen, Pools und aufgeschütteten Lagunen.

Unweit lassen sich, in elektrisch betriebenen Kleinbussen, die Touristen durch den ersten Safaripark der Insel fahren. Aus Afrika importierte Zebras laufen durchs Grün, Gnus, Giraffen; bald sollen die ersten Elefanten eintreffen. Ebenfalls unweit, vernebelt von Dieselwolken und hustenden Trucks, liegen die mobilen Barracken der Bautruppen und Billiglöhner, stehen die fliegenumschwirrten Fisch- und Fleischstände der Wanderarbeiter und türmen sich die Müllhalden von Cua Can. Berge aus Unrat und Gestank, zwischen deren Ausläufern Frauen stapfen, Männer sortieren und Kinder leben.

Doch sind es weniger die Ausmaße, über welche die Besucher dieser Insel derzeit begeistert staunen. Es ist die Geschwindigkeit. Die pure Geschwindigkeit, mit der Zehntausendschaften vietnamesischer Arbeitsbienen mitten im Golf von Thailand diese asiatische Ferienkirmes in die Welt pressen. In vier, fünf Jahren, manche sprechen von zwei Jahren, wollen sie zum Finale kommen. Dann soll die Metamorphose vollzogen und das vietnamesische Vegas vollbracht sein.

Zahlen verraten, wie der Drache denkt, was er vor hat. Kamen vor zehn, zwölf Jahren gerade mal ein paar hundert Rucksackreisende auf die Insel, fluteten 2014 schon 568.000 Touristen die Insel; ab 2020 rechnen die Investoren mit über zwei Millionen Besuchern im Jahr.

Eigens für Phu quoc haben die Behörden die Einreise erleichtert. Wer die Insel direkt anfliegt oder im Transit kommt, darf 30 Tage bleiben, ohne Visum. Die Vietnamesen, die nun endlich auch zu den Aufsteigern in Fernost zählen, fackeln nicht lange. Ihre Insel im lauwarmen Meer pusten sie zu einem gigantischen Erholungszoo hoch: In über 200 touristische Projekte fließen insgesamt acht Milliarden Dollar an Investitionen. Vor allem die Vietnamesen selbst wollen ihre fantastische, dem stickigen Festland vorlagerte Insel einmal sehen. Doch kommen zunehmend auch Russen, Chinesen, Europäer. Schwedische Chartermaschinen fliegen Phu quoc erstmals direkt aus Stockholm an.

Nach der Landung betreten die Passagiere derzeit eine asthmatische Baustelle unter Palmen, die sich von An Thói im Süden bis nach Bai Thom im Norden fast flächendeckend über die Insel zieht. An fast jeder freien Stelle am Meer können sie sehen, wie Hotels, Resorts oder Golfplätze aus dem Boden sprießen.

Die Besucher wandeln über die wuselnden alten Märkte der Hauptstadt Duong Dong, wo die Verkäuferinnen Gewürze, Knollen und Meeresfrüchte feilbieten. Tigermuscheln dümpeln in den Schalen, bunte Krebse, Rochen und aufgeschnitte Haihälften liegen in der Sonne. An den Stränden der Westküste, in kleinen und noch überschaubaren Resorts am Meer, leuchten abends die Sundowner und wummern nachts die Bässe in den anliegenden Bars.

Schwer und steil sinkt die Sonne am Abend hinter der kreischenden Stadt ins Meer. Am Hafen liegen die in sich verkeilten Flotten der Fischerboote und Dschunken, die ihren Fang löschen und bald am schmatzenden Fluss festmachen. Herscharen von Mopeds fräsen sich durch die Straßen, Garküchen dampfen, Lokale blinken. Unten am Dong River, unweit der Brücke in die Altstadt, treffen sich in einer Bar am Night Market allabendlich die französischen Expatriaten, die seit vielen Jahren auf der Insel leben und ihre Geschäfte betreiben. Die Zeiten des kolonialen Indochinas sind lange vorüber, aber im »Saigon Hub« fließt noch immer guter Weißwein und landen Jaboksmuscheln als Amuse-gueule auf den Tellern. Ventilatoren schaufeln die schwüle Luft durch die offene Bar, und an diesem Abend sitzen sie wieder zusammen am Tresen, Claudiot, Fabiot, Charles, Michel und die anderen.

Rafael nimmt noch einen Schluck, die Bierflasche schwitzt. »Unten im Süden bauen sie die größte Seilbahn der Welt, sie führt mitten übers Meer, auf 160 Meter hohen Betonpfeilern, bis zu den Inseln der Fischer«

Sie erzählen von den Grundstückspreisen, die explodiert sind. Von Quadratmeterpreisen, die sich in den letzten zehn Jahren verhundertfacht hätten. Sie erzählen von den Highways, vierspurigen Trassen, die bald von Nord nach Süd durch den Busch führen, erbaut auf Fundamenten aus Müll. »Die Insel, die wir einst vorfanden, wird bald nicht mehr existieren«, sagt Claudiot, der Patron des Lokals. »In zwei, drei Jahren ist sie tot.«

Rafael, ein Franzose, der seit sieben Jahren auf der Insel lebt, schiebt sich die Sonnebrille in die dunklen Haare. »Ils font n’importe quoi«, sagt er auf Französisch, und die Kippe wackelt zwischen seinen Lippen. »Sie machen, was sie wollen, und sie machen es schnell.« Er meint damit das Casino, das im Norden entsteht. Den großen Hafen für die Kreuzfahrtschiffe, der bald fertig ist. Er meint Resorts wie das »Emerald Bay«, das derzeit im Süden aus der Erde gewuchtet wird. Eine von Mauern abgeschottete, zigtausende Quadratmeter große Erholungsoase, zu der schon bald nagelneue Palmenalleen führen werden und über deren Portal schon jetzt zwei goldene Löwen thronen.

Rafael nimmt einen tiefen Schluck aus der schwitzenden Bierflasche, draußen gleitet eine Fledermaus durch die klebrige Nacht.

Und er meint den »Wahnsinn im Süden«, von dem jetzt alle sprechen. Südlich von An Thoi errichten vietnamesische und österreichische Bauherren die »Hòn Thơm Phú Quốc Ropeway«, eine der mächtigsten und längsten Seilbahnanlagen der Welt. Die ersten vier Pylonen stehen bereits, und sie erheben sich wie monströse Raketen aus dem Meer: 160 Meter hohe Betonpfeiler, an denen demnächst 70 Gondeln hängen, in denen 10.000 Personen pro Stunde in schwindelerregender Höhe acht Kilometer weit über das tropische Meer getragen werden.

Schon im Frühjahr 2017 soll die Anlage fertig sein. Eine babylonische Konstruktion hoch über den Korallen, zwischen denen schon lange keine Fische mehr schwimmen. Der Franzose Rafael nimmt sein Bier, klopft mit dem Zeigefinger gegen seine Stirn. Doch ist dies nur seine Sicht der Dinge. Die eines fernen Europäers, die eines Fremden. Hier unten auf dem Night Market indes, während einer PR-Veranstaltung in Sachen Tourismus, tanzen die Vietnamesen freudestrahlend in die Zukunft. Angestachelt von sechs Cheerleadern in schwarzen Hotpants, rotgeschminkte Lippen und gelbe Plastikblumen durch die Luft wirbelnd.

Text und Fotos © Marc Bielefeld

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