Windgeist

Achim Stuzmann war einer der besten Kitesurfer des Nordens. In Brasilien schluckt er eine Auster, zehn Tage später ist er vom Kopf ab gelähmt. Es folgt eine Reise, die man nur mit viel Lebenskraft besteht

Ein grauweiß gestrichenes Haus steht in der Poststraße am südwestlichen Ende der Insel Fehmarn, es steht fast direkt am Meer. Nach einigen Metern kommt der kleine Deich, dahinter schwappt die Ostsee schon an den schmalen Strand. Es ist das Wochenende vor Weihnachten. Es ist jetzt über zwei Jahre her, dass er die Auster aß.

Achim Stuzmann sitzt in dem Haus an seinem Küchentisch und fragt, ob ich sehe, wie glatt das Wasser hinter der Mole ist. Nach einer Weile sagt er: »Es ist perfekt heute, wie eine Piste.« Zwanzig, dreißig schnelle Schritte würden genügen, bis die Füße im kalten, klaren Wasser stünden und dann in den Fußschlaufen Halt fänden. Der Drachen würde in einer steilen Kurve vom Himmel fliegen, das Board sofort loszischen.

Stuzmann steht auf, er muss sich dafür am Tisch festhalten. Er will den Hund rauslassen, und wenn er durchs Wohnzimmer zur Haustür läuft, schleppen seine Füße hinterher. Aber er kann wieder ein paar Meter gehen.

Ein strammer Wind aus West weht an diesem Nachmittag über die Insel, das Tiefdruckgebiet hat ungewöhnlich warme Temperaturen gebracht, acht, neun Grad, und es ließe sich jetzt sonst was mit diesem milden Dezemberwind anstellen. Man könnte Kurven ins Meer schlitzen, sich in die Luft heben lassen. Wer es beherrscht und dazu imstande ist, der könnte mit seinem Lenkdrachen und dem Kiteboard Kreise in den grauen Himmel fliegen. Loopings, den Kopf im Sprung nach unten gerichtet.

Manchmal wandern Stuzmanns Gedanken nach Brasilien zurück, verlieren sich danach in dem, was er einen dunklen Wald nennt, einem Wald, der auf keiner Landkarte verzeichnet und in keinem Surfguide vermerkt ist, aber dann fängt er sich, und dann liegt da wieder die Ostsee vor seinem Haus, und der Tee ist fertig. Achim Stuzmann schaut aus dem Fenster. Zwei Surfer in schwarzem Neopren tragen ihr Material durch den Garten nebenan. Über dem Wasser im Osten ziehen zwei Kitedrachen, in der Orther Bucht sind die Segel der Windsurfer zu sehen. Weihnachtssurfen. Sie machen das immer, wenn die Temperaturen es irgendwie erlauben. Auf der Reede stehen Schaumkronen.

»Kennst Du diese Stände an den Flughäfen, wo du dir Deine Koffer in Plastikfolie einschweißen kannst? So in etwa war das. Du bist der Koffer, und dann wickelt sich die Plastikfolie immer enger um Dich herum«

Stuzmann zeigt auf das dreigeschossige Nachbarhaus gegenüber, in dem Ferienwohnungen liegen. »Siehst du das Haus da vorn?«, fragt er. »Ich bin mit dem Kite schon so hoch gesprungen, dass ich das Dach von oben sehen konnte.« Er muss weit über zehn Meter in der Luft gewesen sein. Stuzmanns lange blonde Locken sehen noch immer so zerzaust aus, als wäre er gerade irgendwo auf der Welt aus den salzigen Wellen gestiegen, hätte sein Board am Strand abgelegt und das Segel in den Sand gedrückt. Doch jetzt ist Winter, und dies ist Deutschland, und in dem kleinen Ort namens Orth ist fast nichts los. Auf dem Parkplatz um die Ecke steht sein Bus, mit dem Logo seines Kiteshops, der Windgeister heißt. Die gesamte rechte Seite des Wagens ist mit einem Foto bedruckt, auf dem Stuzmann formatfüllend über das Wasser fegt, so schnell und bei so viel Wind, dass er auf dem Meer zu liegen scheint. Freihändig hängt er im Trapez tief unter dem Drachen und lacht in die Kamera, Wasser spritzt.

Achim Stuzmann, der Name passt nicht so recht zu einem der besten Kitesurfer der Insel. Alle nennen ihn Stuzi. Und alle wissen um ihn. Doch keiner weiß, wie es in dem dunklen Wald war.Niemand kann es sagen, fühlen, wissen. Und niemand kann es aufschreiben. »Kennst du diese Stände an den Flughäfen, wo du dir deine Koffer in Plastik-folie einschweißen lassen kannst?«, fragt er. »So war das in dem Wald. Du bist der Koffer, und dann kommt die Plastikfolie, und du wirst darin eingeschweißt. Immer enger, immer weiter, die Folie legt sich um deine Beine, deine Arme, deinen Körper, bis du dich nicht mehr bewegen kannst. Nur noch deinen Kopf kannst du bewegen, wenn du Glück hast.«

Stuzi, 53 Jahre alt, sitzt auf dem Stuhl und macht einen Witz in seinem Schwäbisch. Er kann wieder lachen, aber er weiß jetzt, dass lachen zu können keine Selbstverständlichkeit ist, und auch der Begriff des Muts hat für ihn eine andere Dimension gewonnen. Nicht vergleichbar mit jener Art, die nötig ist, um mit vierzig Kilometer pro Stunde auf eine fünf Meter hohe Welle zuzufahren. Dies ist eine andere Kate-gorie. Großer, dunkler, schrecklicher Mut. Stuzi fragt, ob ich ihm den Tee reichen und die Tüte mit den Weihnachtskeksen öffnen könne. Seine Hände haben zwar Fortschritte gemacht, aber die Finger sind steif und wollen nicht so richtig. Sie werden am längsten brauchen. Er muss von innen nach außen regenerieren, die zerstörten Myelinscheiden um die Nervenzellen müssen wieder zum Leben kommen, und die an den Fingern liegen am weitesten außen.

An diesem Abend trinkt Stuzi ein, zwei Bier in der Inselkneipe, die Seensucht heißt und gleich um die Ecke liegt. Am Tresen sitzen geht einigermaßen, und es tut gut, gelegentlich mal rauszukommen. Im Fernseher läuft Fußball, aber was ist schon Fußball. Da laufen sie auf dem Rasen rum und fliegen nicht übers Meer. Auf dem kurzen Rückweg zu seinem Haus gehen wir zu zweit, und einer der besten Kitesurfer der Insel sagt, dass es gut wäre, wenn ich direkt neben ihm liefe. Er sei etwas wackelig, und neulich habe ihn der Westwind vom Rollator geblasen. Er fiel hin, und das war nicht so gut. Die steifen Knochen, die dünnen Muskeln. Die tauben Nerven, die dem Gehirn die Befehle verweigern. Wir gehen langsam und dicht beieinander. An seinem Rollator leuchtet eine kleine Taschenlampe den Weg.

Es ist längst dunkel. Zwei Fehmaraner kommen drüben von den Stegen des kleinen Hafens, sie haben die Kragen hochgeschlagen, rufen »Hallo, Stuzi« und wünschen frohe Weihnachten. Die Kurzform seiner Geschichte kennen sie alle auf der Insel.

Schon die Kurzform der Geschichte ist ziemlich ungemütlich. Sie handelt davon, dass es dich immer erwischen kann. Überall, aus heiterem Himmel. Die Geschichte wirft urplötzlich Fragen auf. Fragen, ob es so etwas wie das Schicksal gibt, Gut, Böse, Himmel, Hölle, Strafe, Gott, Gerechtigkeit. Die Geschichte verändert Menschen, schafft neue Helden, Wünsche, Maßstäbe. Sie verändert die Art, wie du isst, wie du pinkelst, wie du denkst. Sie stellt alles auf den Kopf.

Die Kurzform von Stuzis Geschichte geht so: Die Sommermonate 2011 waren gut, die Kitekurse auf Fehmarn ausgebucht, seine beiden Läden liefen. Nach dem Ende der Saison, im Herbst, reist Surfer Stuzi nach Brasilien. Er testet dort neues Material für das Kite-Magazin, steht an weißen Stränden und rast über das blaue Meer. Dann isst er eine Auster. Wenige Tage später ist Stuzi zurück in Deutschland und kurz darauf vom Kopf ab gelähmt.

Die Geister des Winds fand Achim Stuzmann früh; vielleicht waren auch sie es, die ihn fanden. Mit 19, es ist das Jahr 1979, macht er Ferien in Holland und belegt einen Kurs im Windsurfen. Der Sport steckt noch in den Kinderschuhen, aber er spürt sofort: Das ist mein Ding. Zu Hause in Giengen an der Brenz spart er Geld, kauft sein erstes Brett und übt auf den süddeutschen Baggerseen. Nach dem Abitur macht er Ferienjobs, arbeitet hier und da. Alles Geld fließt fortan in dieses traumhaft leichte Nutzen des Winds. Mit einem Freund fährt er zum Windsurfen an den Gardasee, sieht die frühen Cracks Halsen ins Wasser schneiden und auf kleinen Boards über die Wellen springen. Zurück in Giengen, fahren Stuzi und sein Freund in einem alten VW Jetta nachts die Baustellen ab. Sie klauen Styrodurplatten, Dämmmaterial. Sie schnallen die hellblauen Platten aufs Dach, geben Gas und kacheln wie die Blöden durch die dunklen Dörfer Süddeutschlands. Das Styrodur eignet sich gut als Schaumkern, bald stehen die beiden auf dem Dachboden im Haus der Eltern und shapen ihre ersten eigenen Boards. 


Im Surfmagazin leuchten die Wellen Hawaiis, zeigen Heroen wie Robby Naish, Mike Waltze oder Jürgen Hönscheid unfassbare Manöver. Die Freiheit auf den Bildern schmeckt nach Wind und Wellen. Einem Leben mit einem Brett unter den Füßen.

Stuzmann beginnt ein Sportstudium in Konstanz. Aber am Bodensee weht fast nie ein Lüftchen. Er ist jetzt 23. Er nimmt ein Urlaubssemester, fährt zurück zum Gardasee, da pustet die Ora; er surft jeden Tag, bis er nicht mehr kann. Stuzmann jobbt in Hotels als Surflehrer, isst Pizza für eine Mark. Er wird immer besser auf dem Brett. Er bleibt ein halbes Jahr. Danach sitzt er in Konstanz wieder in den Hörsälen. Nachts schuftet er in den Lagerhallen einer Autozubehörfirma, morgens hat er müde Augen. Er hat Wellen im Kopf, von Böen fein gekräuseltes Wasser, die Boards, die immer schlanker und kürzer werden. Diese wunderschöne Form eines Surfboards. Seine Linien.
Mitten in einer Vorlesung, draußen biegen sich die Bäume, steht er eines Tages auf und marschiert quer durch den Hörsaal. Als der Professor ihn fragt, was er vorhat, antwortet Stuzmann: »Ich gehe jetzt windsurfen – und ich komme nicht mehr wieder.«

Der Rest der Geschichte ist ein stetiger Weg zu den Wellen dieser Welt. Seine Augen glimmen unter den Locken, als er sich erinnert, von seinen vielen Reisen erzählt und dabei an seinem Küchentisch oben in Fehmarn sitzt und die Teetasse zittert, die er mit beiden Händen halten muss. Draußen ziehen noch immer zwei Surfer über die Ostsee, und in zwei Tagen ist Weihnachten, da darf man sich was wünschen. Stuzis Wunsch ist es, das nächste Etappenziel zu erreichen. Einen weiteren winzigen Schritt zu machen auf den endlosen Sprossen seiner senkrechten Genesungsleiter, die sich im Ungewissen verliert.

»Wenn ich es schaffe, die drei flachen Stufen in mein Haus zu gehen, ohne mich am Geländer stützen zu müssen, bin ich zufrieden. Danach will ich es schaffen, wieder allein auf meinen zwei Füßen zu stehen.« Es ist dafür viel Training nötig. Reha, schmerzhafte Übungen, sechs Tage die Woche. Nachdem Stuzmann das Studentenleben damals an den Nagel gehängt hatte, kaufte er sich einen VW-Bus, stopfte Bretter, Finnen, Segel hinein. Fuhr los. Er verbrachte Monate auf Lanzarote, Teneriffa.

Er trinkt einen Schluck Tee, draußen stürmt es. Seine Freundin kommt rein, alle nennen sie Stevie. Stuzi und Stevie. Windgeister, Sonnenmenschen

Er schlief am Strand, aß Spaghetti vom Gaskocher und surfte die Wellen in der leeren Bucht von Famara. Zurück in Deutschland, fragte ein Freund, ob sie ihren dreißigsten Geburtstag auf Fehmarn verbringen wollten. »Fehmarn? Kenne ich nicht«, antwortet der Süddeutsche Stuzmann. Als sie auf der damals noch leeren Bauerninsel im Norden Schleswig-Holsteins ankamen, wuchs ihm der Fleck sofort ans Herz. Die Strände, die Sandbänke. Die Wellen oben in Altenteil und am Grünen Brink. Kaum Surfer. Das Paradies.

Das Windsurfen wurde nun populärer und professioneller. Auf ein Angebot hin, als Surflehrer zu arbeiten, packte er seine Sachen und zog nach Fehmarn. Es wurde daraus ein Leben im Rhythmus des Windes und der Jahreszeiten. Im Sommer Norden, im Winter Süden. Er kaufte einen alten Van in Arizona, Surfboards in L. A., gondelte ein halbes Jahr durch Baja California. Er und seine Surferfreunde lebten in der Pampa, schliefen im Bus, surften die Pazifikwellen. Das Geld aus den Sommern als Surflehrer auf Fehmarn reichte stets, damit sie den deutschen Wintern entfliehen konnten. In Australien kaufte Stuzmann sich das nächste angerostete Auto, diesmal fuhr er mit seiner Freundin zwanzigtausend Kilometer, von Strand zu Strand. Sechs Monate lang Westküste, surfen.

Die Jahre gingen dahin, herrliches Dasein. Zog der Novemberregen in die Gemüter des Nordens, saß er im Flieger. Landete in Venezuela, Thailand, in der Dominikanischen Republik, auf Aruba. Mit den Charchulla-Zwillingen, zwei bekannten Surfaussteigern aus Deutschland, zog er viele Monate durch Südamerika, und inzwischen war das Kitesurfen aufgekommen: das Gleiten auf winzigen Planken, rasend schnell durchs Wasser gezogen von riesigen Lenkdrachen, die an dreißig Meter langen, hauchdünnen Leinen fliegen. Stuzmann war ein Mann der ersten Stunde. 

Er trinkt einen Schluck Tee, draußen stürmt es noch immer. Seine Freundin kommt rein. Sie heißt Stefanie, aber alle nennen sie Stevie. Stuzi und Stevie. Windgeister, Sonnenmenschen.

Stuzi erzählt, wie er damals komplett aufs Kitesurfen umsattelt. Das erste Mal abhebt und fliegt. Wie er in Orth einen Surfladen eröffnet, bald einen zweiten. Er verkauft Material, bietet Kurse an. In der flachen Reede, direkt vor der Haustür, könnten die Lernbedingungen nicht besser sein. In den Sommern beschäftigt er mehrere Kite- und Surflehrer. Stevie macht das kleine Café nebenan, in der hübschen Villa unter den Walnussbäumen. Es gibt dort Erdbeertorte, Milchshakes, Caipirinhas; die Leute sitzen in der Sonne. Das überschaubare Orth wird zu einem kleinen Surfermekka. Auf den Wiesen liegen Boards, Menschen in Neoprenanzügen laufen herum. Stuzi ist so etwas wie der Lokalmatador.

Er schaut zum Wohnzimmerschrank. Da liegen Fernsteuerungen und zwei Modellflugzeuge. »Sie sind aus Hartschaum gebaut, gutes Material«, sagt er. »Wenn du sie crashst und ein Flügel abbricht, klebst du ihn wieder an.« Menschen lassen sich nicht so schnell reparieren. Aber vielleicht wird er sie bald wieder fliegen lassen, die Flugzeuge. Auf einem Stuhl am Feldrand sitzend. Mal sehen, ob die Finger das hinbekommen, wenn sie die Sticks an der Fernsteuerung führen müssen. »Sehr feine Bewegungen.«

Er weiß nicht, wie weit er die Leiter hochkommen wird. Er weiß nicht, wohin sie überhaupt führt. Niemand weiß es. Vielleicht wird er eines Tages wieder auf dem Brett stehen; auf der Insel würden die Korken knallen. Vielleicht wird es beim wackligen Gehen bleiben, ein paar Meter. Die verdammte Auster.

Es ist der 20. November 2011, als es geschieht. Stuzi weilt in Galinhos, einem Dorf im Nordosten Brasiliens. Vor dem Riff laufen gute Wellen, in der Bucht ist das Wasser glatt und spüligrün, ein ordent-licher Wind weht. Die neuen Boards sind getestet, die Berichte für das Kite-Magazin verfasst, die Fotos im Kasten. Mit einigen Freunden, darunter zwei Ärztinnen, machen sie am letzten Tag einen Ausritt und kommen zu einer Lagune. Dort sitzt ein Fischer in seinem Boot, verkauft Austern. »Es waren nur ein paar Sekunden im Kopf, aber in diesen Sekunden vernachlässigte ich das einzige Mal die Essensregel, die in solchen Ecken der Welt immer gilt – cook it, peel it, or leave it.« Stuzi gibt dem Fischer drei Reais und isst die Auster. Er liebt Meeresfrüchte.

Stunden später hat er Durchfall, muss sich erbrechen. Nichts Ungewöhnliches, europäische Mägen vertragen nicht alles. Der Durchfall aber hält an, am nächsten Morgen hat er Fieber, kaum noch Kraft, aus dem Bett zu kommen. Er will sich eine Woche kurieren, einen späteren Rückflug buchen, aber die beiden Ärztinnen bestehen darauf, ihn sofort mitzunehmen. Die vier müssen in ein Boot steigen, in einen Eselskarren und ein Taxi nehmen, um von Galinhos zum Flughafen zu kommen. Stuzi sitzt bleich im Flieger, als die Maschine nach Deutschland startet. Nachtflug. Die beiden Ärztinnen geben ihm Medikamente. Diarrhö der üblen Sorte, der Fluch der Tropen. Wird schon wieder, denken alle. Niemand ahnt, dass in seinem Körper bereits ein Zerstörungsprozess eingesetzt hat. Und dass die Zeit läuft.

Campylobacter heißt der kleine Übeltäter. Ein kleiner Keim nur, aber er setzt den Teufelskreis in Bewegung. Bis die Ärzte einen ernsten Verdacht haben und das erste Mal vom Guillain-Barré-Syndrom sprechen. Seine Freundin tippt die Worte bei Google ein und klappt dann den Computer zu

Er kommt zurück nach Fehmarn, liegt im Bett, energielos. Ein Arzt nimmt eine Stuhlprobe, diagnostiziert Campylobacter, einen Magen-Darm-Keim, meist von Tieren übertragen, der ansteckend, aber nicht tödlich ist. Nach vier weiteren Tagen kann er noch immer kaum aufstehen. Seine Freundin Stevie sagt: »Du wirst immer schwächer, da stimmt was nicht.« Als Stuzi sich aufrafft und in die Küche läuft, merkt er, dass sich sein Gang verändert hat. Seine Füße setzen nicht mehr richtig auf, rollen nicht mehr normal ab. Die Schienbeinmuskeln scheinen lahm. Am nächsten Tag schleppt er sich zum Auto. Will den Zündschlüssel drehen. Aber schafft es nicht. »Spätestens jetzt war mir klar, dass da etwas ganz Übles im Gange war.«

Seine Freundin Stevie fährt ihn in die Klinik Oldenburg, in der Neurologie wird sein Rückenmark angezapft, er bekommt Stromstöße. Die Ärzte haben den Verdacht, es habe mit den Nerven zu tun. Als Stevie dann die Diagnose hört, tippt sie die Worte Guillain-Barré-Syndrom in den Computer. Sie klappt den Computer zu. Die Wahrscheinlichkeit, einen Sechser im Lotto zu haben, liegt bei 1 zu 14 Millionen. Die Wahrscheinlichkeit, vom Guillain-Barré-Syndrom erwischt zu werden, lag bei 1 zu 105 000. Männer sind 1,5-mal so oft betroffen wie Frauen.

Die Krankheit kann jeden erwischen.

GBS. Die Ärztin in der Neurologie klärt ihn auf. Sie macht das so vorsichtig wie ein Engel. Man geht davon aus, dass Keime schuld sind, Infektionen. Hinter den sterilen Wänden der Neurologie fallen seltsame Begriffe. Häufige Erreger seien Campylobacter jejuni, das Epstein-Barr-Virus, das Zytomegalievirus. Das Immunsystem greift diese feindlichen Keime an, will sie abtöten. Bei diesem seltenen Syndrom jedoch läuft etwas schief. Das Immunsystem zerstört gleichzeitig die Myelinscheiden – jene Schichten, die die Nerven umhüllen und an der Weiterleitung der elektrischen Impulse beteiligt sind. Es kommt zu rapiden Veränderungen des peripheren Nervensystems. Die aus dem Rückenmark wachsenden Nervenwurzeln werden angegriffen, dann frisst sich die Autoimmunkrankheit von innen nach außen durch den Körper. Die Nerven geben keine Impulse mehr weiter. Sie sprechen nicht mehr miteinander. Sie verstummen.

Zuerst treten Lähmungen in den Beinen auf, dann wandern die Lähmungen den Rumpf hoch, die Arme, machen sich ans Herz und an die Atmung. Atem- und Schluckmuskulatur können lahmgelegt werden, die Krankheit verläuft bei jedem anders, niemand weiß, wie viel Zeit bleibt, wie weit es geht, wie hoch, wie tief hinein. Rund 25 Prozent der Patienten erleiden eine Atemlähmung. Koma, künstliche Beatmung. Das Ende.Die Ärztin bringt es ihm vorsichtig bei, wohldosiert, mit fein gewählten Worten. Die Geschichte schafft jetzt neue Helden, Maßstäbe. »Wenn die Ärz-tin nicht so gewesen wäre, wie sie war, wäre ich aus dem Fenster gesprungen.« Stuzi nimmt einen Zimtstern.

Er bekommt sofort Immunglobuline gespritzt, intravenös, dreimal am Tag, fünfmal die Woche. Das Mittel stoppt die Ursache, doch die Lähmungen schreiten weiter voran. Es ist schon viel zu viel Zeit verstrichen. »Du musst dir das so vorstellen: Du rast mit deinem Auto aufs Eis, gehst voll in die Bremsen. Die Reifen blockieren, aber du rutschst weiter. Und weißt nicht, wie weit du noch schlittern wirst.«

Am zweiten Tag der Behandlung muss ihn die Ärztin stützen. Am dritten muss er am Rollator gehen. Am vierten kann er nur noch seinen Kopf bewegen, gerade noch atmen. Der Wagen ist gestoppt, kurz vor dem Abgrund. Stuzi ist schwerstbetroffen. Vom Strand in den dunklen Wald, in nur einer Woche.

Am nächsten Morgen fliegt Stuzmann über die Insel. Rast an Feldern vorbei, hört lauten Rock. Seine Freundin fährt. Er wollte ihn haben, diesen großen alten Mercedes mit der satten Anlage. Nur Fahren, die Welt vorbeiziehen sehen. Bewegung, Freiheit

Am nächsten Morgen fliegen wir über die Insel. Rasen mit achtzig Sachen an Feldern vorbei, hören laut Rock, krachende Gitarren. Stevie fährt. Stuzi wollte ihn haben, diesen großen alten Mercedes mit der satten Anlage. Nur fahren, die Welt vorbeiziehen sehen. Bewegung, Freiheit. Das Stück, das läuft, hat er mit seiner Band mal eingespielt. Wenn er früher nicht surfte, saß er viel am Schlagzeug. Sie traten in Orth auf, vor Stevies Café und der Fischbude. Die Menschen tanzten.

Vierzehn Monate war er im Krankenhaus, auf den Pflegestationen. Er erinnert sich zwischen den Songs, beim Autofliegen. Sie hatten ihm zum Schluss einen kleines Blasröhrchen an die Schulter geklebt. Wenn er die Schwestern rufen wollte, musste er seinen Kopf drehen, hineinblasen, um ein Signal auszulösen. Einmal verrutschte das Röhrchen. Niemand kam. Er lag stundenlang im Bett, regungslos, pinkelte alles voll. Sogar seine Stimme war verebbt. Unterhalb des Kopfes war alles gelähmt. »Du liegst nur da, allein mit deinen Gedanken. Du kannst nachts nicht mehr schlafen. Das Schlimmste ist die Klaustrophobie. Alles schnürt sich zu. Du siehst Dinge, die nicht da sind.« Das Herz begann zu rasen in seinem ansonsten reglosen Körper, Panik stieg auf, Atemnot. »Das war das Unerträglichste. Da helfen nur noch Schmerzmittel, Happy-Pillen, sonst drehst du durch.«

Nun galt es, die Schäden zu betrachten. »Das ist wie nach einem Tsunami, die Welle ist weg, aber es bleibt die Verwüstung.« Wie weit waren die Nerven geschädigt? Würden sie sich erholen können? Und wie weit? »Dann musst du anfangen aufzuräumen.« Es begann die Millimeterarbeit auf der Genesungsleiter. Eine Arbeit, die enorme Kraft erfordert. Keine Muskelkraft, sondern Lebenskraft. Du weißt vorher nicht, ob du sie besitzt. Du weißt das auch nicht, selbst wenn du schon zehnmal den Everest rauf- und runtergelaufen bist. Als sie ihn das erste Mal bewegten, schrie er vor Schmerz. In vier Wochen hatte er sechzehn Kilo abgenommen. Die Muskeln waren geschwunden, die Gelenke steif. Die Rippen stachen durch die Haut. Er schloss die Augen. Er dachte an seine Insel, an die langen Spaziergänge mit seinem Hund. Er stellte sich die Weite auf dem Deich vor, den Wind, das Wasser. Trainierte es sich regelrecht an, sich in dieser Vision festzuhalten, in ihr Stärke zu finden. Der Krankenhauspsychologe hatte fast nie Zeit.

Eines Tages kamen die Physiotherapeuten an sein Bett, redeten ihm zu, bewegten ihn, behutsam, machten Späße. Surfer in Weiß, die Schicksale noch ganz anderer Strickart gesehen hatten, fürchterliche Stürme, und die kamen jetzt an und machten Mut und bewegten ihn. Millimeter für Millimeter. Stuzi saß im Rollstuhl. Seine Mutter hatte sich ein Zimmer genommen, wohnte neben der Klinik. Wenn es ihn am Kinn juckte, musste sie ihn dort kratzen. Sie kam jeden Morgen um sieben. Schob ihn durch die Flure, zum Frühstück, zur Therapie. Sie war immer da. Der erste große Schritt war der, als er nach vielen Wochen seinen rechten Fuß vom Boden auf das Trittbrett des Rollstuhls setzen konnte. Allein, ganz langsam. In Zeitlupe. Die Physios trugen ihn Monate später während der Reha in ein Schwimmbad. Wasser. Stuzi sagte, sie sollten ihn loslassen. Sie ließen ihn los. Er fiel in sich zusammen, sank wie ein Häufchen auf den Grund.

Einmal vergaßen die Schwestern ihn auf dem Flur, weil sie heutzutage alle Hände voll zu tun haben und weil es viel zu wenige von ihnen gibt. Das Fenster stand offen. Es war Winter und zog, und da stand er zwei Stunden in seinem Rollstuhl am Fenster und fror sich den Hintern ab und konnte nichts machen. Er erinnert sich noch an die Musik, die im Flur dudelte, weil sich dem Menschen in gewissen Situationen die kleinsten Nuancen einbrennen. Gestochen scharf und für immer. »Es lief unerträgliche Schlagermusik.« Der alte Mann neben ihm im Zimmer wurde beatmet. Sie lagen tagelang, nächtelang nebeneinander, er, der Surfer, und der Alte, der es nicht mehr lange machen würde. Am Ende machten sie Witze, herrliche, lebensrettende Witze.

Es ist Sonntag auf Fehmarn. Wir steigen aus dem Mercedes. Stuzi geht in das kleine Café in Burgtiefe, Stevie stützt ihn. Sie treffen sich mit Freunden zum Frühstück. Auf den Tisch kommen Croissants, Brötchen, Milchkaffee, Käse, Orangensaft. Essen zu können. Trinken. Die Geschichte stellt alles auf den Kopf. Sie macht sogar aus Orangensaft wieder Orangensaft. Einen verdammten Hochgenuss.

»Glaub mir, ich habe viele Abenteuer erlebt, hohe Wellen und raue Ecken am Ende der Welt. Aber jetzt weiß ich, was ein wirklich großes Abenteuer ist.«

Stuzi sagt, die Leute sollten wissen, was die Krankenschwestern taten. Dass sie Unglaubliches leisteten. Die Leute sollten wissen, was die Pfleger taten. Woher nehmen die ihre Motivation, ihre Kraft? Jeden Tag. Die Menschen tragen und ihnen den Leib waschen, und auf keinem Gipfelfoto reißen sie die Arme hoch. Er habe auf den Stationen, hinter den Türen zum düsteren Wald, Menschen gesehen und kennengelernt, denen es noch viel schlechter ging als ihm. Keine Aussicht auf Besserung. Nur bergab. Das, sagt der Surfer Stuzi, das sind die Helden.

Fünfmal die Woche arbeitet er heute mit dem Ergotherapeuten, für Hände und Arme. Dreimal die Woche mit dem Osteopathen. Sooft es die Kraft erlaubt, trainiert er an Geräten und auf seiner Matte zu Hause im Wohnzimmer. Die Muskeln bewegen, die verborgenen Fasern tief im Inneren stimulieren. Ganz kleine Schritte. Bis das Leben, hoffentlich, in die Nerven zurückkriecht. Drei, vier Jahre hat er sich als Ziel gesteckt. 1000, 2000 Tage beharrliche Übungen. Dann will er wieder auf dem Brett stehen. Unterwegs, irgendwann, wenn er glaubt, dass es wieder funktionieren könnte, will er die Drumsticks wieder in die Finger nehmen und spielen. Derweil aber geht er, isst, trinkt, lacht. Fliegt in seinem Mercedes über die Insel und schaut aus seiner Küche über den Deich und auf die Ostee. Das ist viel, sehr viel.

Das wirklich große Abenteuer hat alles verschoben, verrückt. Es hat damit zu tun, wie man die Dinge sieht, wie man sie bemisst und welche Abgründe die Angst kennt. Es hat damit zu tun, wo man war, ob und wie lange man es dort unten ausgehalten hat. Völlig unbekanntes Territorium. Unsichtbar. Solch ein Reich besitzt keinen Horizont, keine Ufer und ist nirgends beschrieben. Die Tiefsee.

Es ist nachmittags auf Fehmarn. Stuzi, nunmehr Entdecker, schaut aufs Wasser. Er nimmt einen Zimtstern und will gleich noch auf die Matte.

Text © Marc Bielefeld
Aufmacherfoto: © Stillfactory/alamy.com  Fotos © inusuke/istockphoto.com

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