Tolle Kamellen

Manchmal sind sie schon leicht verranzt, riechen nach Spak und haben Eselsohren. Ihr Inhalt aber ist nach wie vor starker Tobak. Ein Hoch auf die schönen alten Schinken, die es oft auch noch fast geschenkt gibt

Der Druck von Büchern hat über die Jahrzehnte zu einer Unmenge an Papier zwischen zwei Deckeln geführt. Stapelte man diese Druckerzeugnisse allesamt aufeinander, stünde man wahrscheinlich vor einem Bücherhaufen, der bis zum Mond hinaufreicht. Mist ist dabei entstanden, Schönes, Wunderschönes und großartige Literatur. Doch irgendwann folgt meistens der Büchertod. Einst frisch gedruckte Bestseller und Schätze der Bücherregale kommen um unser aller Schicksal nicht herum: Sie altern. Sie verstauben, vergammeln, vergilben – und werden eines Tages entsorgt.

Viele landen im Altpapier, werden geschreddert, verbrannt, recycelt. Und dann sind die einst so warm und begeistert gelesenen Exemplare weg. Futsch, ein für alle Mal. Tausende der vergessenen, alten und schönen Bücher aber existieren weiter und fristen eine Art Schattendasein: Wie Zombies liegen sie vergessen in den Kellern, schlafen in abgestellten Umzugskartons und setzen in nur von verwirrten Seelen betretenen Antiquariaten langsam schon Seepocken an. Kurzum: Sie rotten ungelesen in irgendeiner Ecke vor sich hin. Bücher wie lebende Tote. Schinken und Schmöker, die in einem von Staub, Holzwürmern und Spinnennetzten bewachten Dornröschenschlaf vor sich hin dämmern.

 

Das ist einerseits traurig, andererseits aber auch ziemlich fantastisch. Denn wir müssen sie nur aufstöbern, finden und entdecken. Müssen sie ausgraben, entstauben und aufblättern – und ihnen abermals unser ungeteiltes Augenmerk schenken. Dann allerdings können wir auf echte Trouvaillen stoßen. Auf leicht verblichene und leinengebundene Ausgaben, bestanzt noch mit feinen Motiven, veziert mit irren Zeichnungen, Radierungen und Aquarellen. Die Buchstaben – um die es ja letztlich geht – sind dabei jedoch so gehaltvoll wie eh und je, weil der unsichtbare Gehalt der guten Werke eben doch nicht altert. Er hält sich ewig, ebenso wie eine erhabene Flasche voller gutem, altem Rum.

 

Wer also seine Augen öffnet, gezielt auf die Suche geht, wer mit Muße in alten Regalen kratzt oder einmal durch so ein echtes, analoges Antiquariat taucht – der darf veritable Pretiosen entdecken und wieder zum Leben erwecken. Alte Robinson Crusoes, nach Spak duftende Moby Dicks, leicht zerfledderte Erstausgaben vergangener Segelhandbücher oder gar den Seewolf von London, bestanzt mit goldenen Lettern und einem leicht versunkenen Schoner, gebunden in meerblauem Tuch.

 

»Dieser Wolf Larsen ist der Teufel selbst. Er erschlug einen Mann mit der bloßen Faust, er zerquetschte ihm den Kopf wie eine Eierschale. Ein Tier ist dieser Wolf Larsen – die große Bestie in der Offenbarung Johannes!«

Über 100 Jahre alt, aber immer noch herrlich heftig.
»Der Seewolf« von Jack London

Und, nun das Allerbeste: Zu haben sind die ollen, Verzeihung: tollen! Schinken oft verflucht günstig – für ein paar Euro oder auch nur ein Appel und ein Ei. Und manchmal gibt es sie sogar geschenkt. Man möge diese verschollenen Wälzer nun also in die Hand nehmen. Sie aufschlagen, darin riechen und sie sonach genießen wie einen würdig gereiften und perfekt gelagerten Dom Pérignon. Und auch das ist erlaubt: die schönen und erneut ans Weltlicht getauchten Bücher alsdann lesen! Wie sagte der alte Benediktinermönch Pierre Pérignon noch, als er sich Wonnen dieser Art hingab? Er sprach, beinahe außer sich vor Freude:

„Ich trinke Sterne!“