Auf uns!

Erst fingen sie Wale, dann zogen sie nach Amerika. Zurück brachten die Insulaner aus Föhr einen neuen Cocktail: den »Manhattan«. Im Watt ist er bis heute ein Kultgetränk und New York noch immer näher als Hamburg

So muss eine Flasche aussehen: schlicht und schön. Sie besitzt eine klassiche Form, kein modisches Glasgeschnörkel, nach oben hin verjüngt sie sich, darauf sitzt ein anständiger Keramikverschluss mit Ploppkorken. Ein Augenschmeichler das Etikett. Die Wolkenkratzer New Yorks sind darauf zu sehen, der Hudson River, Schiffe. Das alles stilisiert in feinem Grau. Zu erkennen ist noch das alte World Trade Center. Das Design dieser Flasche gibt es schließlich schon länger. Und ein schönes Design lässt man sich nicht von ein paar Terroristen zerbomben.

Ferner schmücken das Label: blaue Sterne, ein altes Wappen, eine nobel geleidete Lady, die Worte »Likör Eilun Feer« sowie der in edler Schrift auf die Flasche geschwungene Name des Getränks: »Manhattan Cocktail«.

Der Inhalt der Flasche: 0,5 Liter eines bernsteinfarbenen Trunks, angemischt aus einem Drittel möglichst guten Whiskys, einem Drittel roten und einem Drittel weißen Wermuts. Fertig ist das Kultgetränk. Ein Aperitif, den hierzulande wenige kennen und trinken – außer eben auf Eilun Feer: der nordfriesischen Insel Föhr. Der Gehalt: 23,3 Prozent Alkohol, gern auch mal ein bisschen stärker angerührt, garniert stets mit einer zuckersüßen Cocktailkirsche und zu genießen zu fast jedem Anlass. Gestatten: der »Manhattan«, hier draußen im Wattenmeer zwischen Sylt und Amrum das unangefochtene Nationalgetränk. Auf Föhr kennt es jeder. Trinkt es jeder. Und hat es jeder im Kühlschrank.

Außergewöhnlich vor allem ist jedoch weder die Flasche noch der darin enthaltene Seelenwärmer. Außerordentlich ist vor allem die Geschichte, die dieser Drink zu erzählen hat. Denn was, bitte schön, haben ausgerechnet diese kleine Insel im Wattenmeer und die Weltstadt New York miteinander zu schaffen?

Angefangen hat alles vor über 150 Jahren, als die Föhrer noch Wale jagten und unerschrocken die Ozeane befuhren. Doch dann ging es bergab. Der Walfang brach zusammen, die wachsenden Großstädte zogen immer mehr Menschen an, das Leben auf den Inseln wurde härter. Auch auf Föhr waren die Menschen auf die Landwirtschaft angewiesen, doch von den meist vielen Kindern in den Familien konnte immer nur ein Sohn den Hof übernehmen. Das Geld wurde knapp, die Arbeit rar, die Verhältnisses ärmlicher. Was tun?

Es folgte eine große Welle der Auswanderung: in die USA. Hundertschaften von Föhrern machten sich auf den Weg, später auch noch angelockt vom Goldrausch in Kalifornien. Viele fuhren über den großen Teich, um in Amerika als Baumfäller zu arbeiten, als Barkeeper, oder sie eröffneten Delikatessen-Läden, in der Bronx, in Brooklyn. Denn vor allem in New York blieben viele Föhrer hängen. Einige kamen zurück, fuhren abermals rüber, heirateten, eröffneten ein zweites Geschäft. Im Big Apple wimmelte es bald von kernigen Nordsee-Typen. Von der »Friesen-Connection« war in New York gar die Rede, und auf eine damals typische Frage gab es bald eine geflügelte und bis heute berüchtigte Antwort: »Wohin wandert ihr aus? Nach New York, in Hamburg kennen wir doch keinen.«

Amerika und Föhr sind beste Freunde. Und wenn sie auf das atlantische Bündnis anstoßen, dann am liebsten mit dem bittersüßen Likör aus Übersee, garniert mit einer knallroten Kirsche

Jene, die zurückkehrten, brachten nicht nur sagenhafte Geschichten aus Amerika mit auf die Insel, sondern im Laufe der Jahre auch ein Getränk. Eben: den »Manhattan«. Jene bittersüße Mixtur aus Whisky und Wermut, die die Föhrer in New York kennengelernt hatten, die sie in den Expatriatenrunden der Friesengemeinde so oft zusammen tranken – und die auf der heimatlichen Insel im Watt prompt zum feierlichen Edeltropfen erkoren wurde.

Der Rest ist Geschichte. Mit Amerika und New York im Speziellen verbindet Föhr bis heute ein enges Bündnis. Während auf der Insel 9000 leben, tummeln sich in den USA angeblich bis zu 20.000 Föhrer. Und kaum ein Insulaner, der nicht irgendwelche Verwandte in den Staaten hat. Sie alle eint dies: der köstliche Wermutstropfen, den die Föhrer immer in Griffweite haben. Er ist sozusagen das Likör gewordene Siegel einer bis heute gelebten föhrisch-amerikanischen Freundschaft.

Wer den »Manhattan« erfunden hat und wie er seinen Namen bekam, ist nicht ganz geklärt. Einer Legende nach soll ein Ian Marshall den Shortdrink im Manhattan Club für ein Bankett kreiert haben, das die Mutter von Winston Churchill im Dezember 1887 ausrichten ließ. Aber diese Theorie ist schwammig. Vermutlich entstand der Drink, weil Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals französischer und italienischer Wermut mach Amerika importiert wurden – und die Barmixer dort schlichtweg Lust auf Experimente hatten. Sie schütteten den mit Kräutern und Gewürzen aromatisierten Wein aus Europa einfach in ihr amerikanisches Feuerwasser namens Whisky, kosteten und sagten cheers: Entstanden war ein neuer Cocktail, der es in sich hatte. 1884 erschien das erste Rezept erstmals in einem Barbuch, gedruckt in Manhattan.

 


Das die Geschichte um den rostbraunen Drink und die Föhrer Amerika-Connection kein Hirngespinst, sondern trinkfeste Wahrheit ist, beweisen Christa und Ocke Bohn. Beide sind 88 Jahre alt, noch immer hellwach, und natürlich servieren auch sie prompt einen ordentlich angemischten »Manhattan«. »Zwei Flaschen stehen immer bei uns im Kühlschrank«, sagt Christa Bohn. »Der Likör schmeckt und erinnert uns an Amnerika.«

Ocke Bohn wurde 1929 in den USA geboren, 1945 kamen seine Eltern mit ihm und seinem Bruder zurück nach Föhr, 1950 fuhr er abermals mit einem Schiff nach New York und blieb bis 1961. Mit seiner Frau Christa, einer echten Föhrerin, betrieb er einen typischen »New York Deli«, einen Delikatessen-Laden, auf Long Island. »Es gab immer frisches Essen, Salate, Sandwiches. Wir arbeiteten sechs Tage die Woche, von morgens bis abends.«

Man hört die Jahre noch deutlich heraus, wenn Ocke Bohn spricht. Er klingt wie ein Amerikaner, der gutes Deutsch kann, und so steht er auch in seinem Garten, hinter seinem Haus auf den weiten und vom Wind verwehten Feldern bei Süderende mitten auf Föhr. Wie ein amerikanischer Farmer, in umgekrempelter Jeans mit Hosenträgern und diesem entschlossenen Blick in die Ferne. Den ganzen Nachmittag könnte er Geschichten aus Amerika erzählen, den Finger auf den alten Fotos aus den alten Zeiten. Und da sind die Haudegen zu sehen: jene Ameriföhrkaner, die weiland als erste auswanderten, um in Sägewerken zu schuften, auf fernen Verladestegen in Gualala, Kalifornien, nicht die friesischen Priele vor der Nase, sondern den Pazifik.

Ocke und Christa Bohn sitzen in ihrem Wohnzimmer, nehmen noch einen kleinen. Jeder Besucher bekommt einen Manhattan bei den beiden kredenzt. Als Anlass reicht schon, dass man vorbeikommt und Hallo sagt. »Ganz normal auf Föhr. Was sollen wir denn auch sonst anbieten? Tee etwa?«

 

In ihren guten Stuben rühren sich die Föhrer auch schon mal einen Manhattan an, der ein bisschen stärker ist. So stark, dass die Touristen aus ihren Latschen kippen würden

Dass der »Manhattan« auf Föhr nicht nur bei jeder kleinsten Feierlichlichkeit getrunken wird, sondern in den letzten Jahren zu einem regelrechten Inselhype avanciert ist, weiß Jann-Oluf Arfsten zu berichten, eigentlich Gemüse- und Kartoffelbauer. Vor 20 Jahren füllte er, »nur zum Spaß«, wie er sagt, 500 Flaschen ab. Kanadischer Whisky, roter Martini, weißer Martini. Dazu ließ er das schöne Etikett entwerfen – und, zack, weg waren sie. Heute verkauft er um die 6000 Flaschen im Jahr, und die bleiben alle schön auf der Insel. Sie gehen an die Restaurants und kleinen Läden, und neben seinen Kartoffeln und Tomaten verkauft Jann-Oluf Arfsten seinen »Manhattan« auch von seinem Marktstand neben dem Hafen.

»Auf der Insel mischt sich jeder seinen eigenen Manhattan«, erzählt Arfsten, als er in Gummistiefeln und Karohemd am Fähranleger steht. »Ist ja kein Hexenwerk, aber schmeckt.« Nur er allerdings hat sich so eine schöne Flasche gesucht und sich das schöne Markenzeichen entwerfen lassen.

Ein echter insulanischer Manhattan, made in Föhr, abgefüllt von einem Kartoffelbauer mitten in der Nordsee. Im Geschmack nicht friesisch herb, sondern amerikanisch süß, dazu ziemlich stark und mit einer köstlichen Geschichte im Abgang. Schade, dass die Flasche nicht reden kann. Aber könnte sie es, dann würde sie den Föhrern aus der Seele sprechen: »Auf uns!«

Zubereitung
Ein klassischer amerikanischer Manhattan wird aus zwei Teilen (4 cl) Rye Whiskey Bourbon Whiskey oder Canadian Whisky angerührt. Dazu kommen ein Teil (2cl) roter Wermut und zwei Spritzer Angosturabitter. Die Zutaten werden in einem mit Eiswürfeln gefüllten Glas gerührt und durch ein Barsieb in einen vorgekühlten Martini-Kelch oder eine Cocktailschale abgeseiht. Zum Schluss kommt eine knallrote Cocktailkirsche in den Drink. Serviert wird der fertige »Manhattan« möglichst kalt, allerdings immer straight up – also ohne Eis im Glas. Je nach verwendetem Wermut nennt man den Manhattan dry (nur trockener französischer Wermut), perfect (halb und halb) oder sweet (nur süßer, roter und meist italienischer Wermut)

Der Weg zum Kaltgetränk

Das Original von der Nordseeinsel Föhr wird auf dem Festland so gut wie nirgends verkauft. Aber natürlich kann man die hübsche Spirituose ordern.