Wo sind wir?

Der Sextant half bei der Vermessung der Meere und der Entdeckung der Welt. Bis heute wird das schöne Instrument von Hand gefertigt – und weiß noch immer am besten, wo es langgeht

Noch liegt die großartige Erfindung in Einzelteilen herum, die Schatten­gläser und die Spiegel, die Trommelschrauben und die Alhidade, noch ist der Rahmen nicht geschliffen, und Sebastian Aßkamp trinkt erst einmal in Ruhe seinen Kaffee. Das außerordentliche und völlig aus der Zeit gefallene Instrument, um das es hier geht, mag keine Hektik. Es verlangt bei der Fertigung nach einem stillen Händchen, nach Augenmaß und Präzision. Bei einigen Teilen ist eine Toleranz von höchstens sechs Mikrometern die Obergrenze, sonst stimmen am Ende die Winkel nicht. Sonst ist alle Mathematik für die Katz und führen uns Sonne, Mond und Sterne in die Irre. Nicht mehr viele können den raffinierten Winkelmesser heute noch konstruieren. Altes Wissen ist nötig, alte Eichgeräte und spezielle Maschinen.

Herr Aßkamp nimmt einen Schluck Kaffee. „So einen Sextanten zu fertigen“, sagt er schließlich, „ist ein sehr spezieller Job.“ Man müsse ein feines Gefühl für die Metallverarbeitung haben, die Nerven eines Goldschmieds. Der Hang zur Seefahrt und zum Meer kann nicht schaden, keinesfalls aber darf eines fehlen: die Obsession für die hohe Kunst des Instrumentenbaus.Seit über 100 Jahren entstehen in der Manufaktur von Cassens & Plath hochwertige Kompasse und nautische Geräte, und heute ist Herr Aßkamp einer von nur wenigen verbliebenen Experten, die das komplizierte Navigationsgerät bis zum letzten Schräubchen verstehen, die es herstellen, zusammensetzen, eichen und zertifizieren können. Der Sextant besitzt Symbolkraft.

 

Er steht für die Vermessung der Meere, für die Entdeckung der Welt. Zum ersten Mal konnte mit dieser Apparatur auch der Längengrad bestimmt werden. Die Seefahrer mussten nicht mehr nur nach der Breite navigieren, bei der sie lediglich wussten, wie weit nördlich oder südlich sie standen. Der Sextant verriet ihnen nun auch, wie weit westlich oder östlich ihre Position lag: der Schlüssel zur exakten Standortbestimmung.

Es war ein langer Weg dorthin. Alte Sternenkarten der Polynesier gingen dem Sextanten voraus, Astrolabien, Kreuzstäbe und Quadranten. Erst nach Jahrhunderten des Denkens, Rechnens und Tüftelns gelang es: Vor rund 250 Jahren schafften es die Astronomen erstmals, mithilfe des Sextanten die genaue Position auf den Meeren zu ermitteln. Dort, wo kein Land mehr zu sehen war. Dort, wo nichts als Wasser schwappte.

Der Sextant ist ein Geniestreich der Geschichte. Mit dem Prinzip der doppelten Spiegelung lassen sich die Winkel zwischen Horizont und ausgewählten Gestirnen äußerst präzise ablesen. Nach dem „Schießen“ der Sonne, des Mondes oder des Polarsterns sind zwar noch rechnerische Korrekturen nötig, dann jedoch vermag der Sextant – ohne Strom und große technische Hilfsmittel – eine der ältesten Fragen der Menschheit zu beantworten: Wo bin ich? Mit ihm erst konnten Seegebiete präzise kartografiert, konnten Wüsten durchmessen und die Polargebiete erobert werden.

In einigen Seegebieten können GPS und Satelliten auch heute noch von einer Sekunde auf die andere ausfallen. Was dann?
Es bleibt der gute alte Sextant, um den Weg übers Meer zu finden. Allerdings muss man erst einmal wissen, wie man so ein Gerät herstellt

Heute lässt sich die Position in der Regel per Knopfdruck ablesen. Ein Wisch übers Smartphone, ein Blick aufs GPS – schon wissen wir, wo wir sind. Auf dem Land, in der Wüste, auf den weiten Ozeanen. Doch brauchen wir für unsere digitalen Helferlein stets Strom und Batterien, stets müssen die Satelliten funktionieren und unsere hübschen kleinen Geräte parieren. Und stets muss uns der Wille der Betreiber gewiss sein. Ein hochkomplexes Netzwerk aus Technologie und Logistik verbirgt sich heute hinter den beiden so alten wie zentralen Fragen: Wo bin ich? Und wie komme ich von A nach B?

Was jedoch geschieht, wenn alles einmal kollabiert? Wenn die Betreiber die Regler herunterfahren oder die Technik gar nicht erst verfügbar ist? Auf den Meeren und in entlegenen Ecken des Globus bleibt eine einzige Alternative: Damals wie heute kann allein der Sextant uns dann verraten, wo genau wir uns befinden. Der alte Winkelmesser wirkt darum auch wie ein mahnendes Instrument: In stillem Hohn lacht er über unser blindes Vertrauen in die Technik.­ Erinnert uns an die eigentliche Ohnmacht, mit der wir all die kleinen smarten Geräte der Gegenwart nutzen. Denn mit ihnen navigieren wir letztlich nur als Marionetten der Technik durchs Weltgeschehen.

Der Sextant – so sehr er aus der Zeit gefallen scheint – offenbart also auch ein fragwürdiges Verhältnis: jenes zwischen Fremdbestimmung und Eigenverantwortung, zwischen Konsum und Können, zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit.

Dass die schönen und traditionellen Geräte hier in Bremerhaven, in den Werkshallen eines roten Backstein­hauses am Lunedeich, noch immer hergestellt werden, ist darum keineswegs eine Hommage an die alten Tage. Sextanten werden noch heute gebraucht und zählen, nicht nur bei der Marine, zur Pflichtausrüstung vieler Schiffe. In Krisengebieten werden GPS-Signale oft bewusst gestört. Vor den Küsten Nord- und Südkoreas ist keinerlei Verlass auf die satellitengestützte Position, auch am Arabischen Golf und in Nahost spinnen die Daten des Öfteren. In den Polgebieten von Arktis und Antarktis versagt das Globale Positionsbestimmungssystem oft komplett. Auch plötzlich auftretende Sonnenwinde können, wie jüngst erst geschehen, Magnetfelder und GPS-Funktionen gehörig durcheinanderbringen. Forschern, Abenteurern und Militär bleibt einst wie heute: der Sextant.

Die Firma Cassens & Plath hat darum gut zu tun. Fast weltweit greifen Militär und Marine auf die soliden Sextanten der Bremerhavener zurück, auch die US Navy bestückt ihre Schiffe fast ausschließlich mit den deutschen Präzisionsgeräten. Gerade erst rüstete Cassens & Plath die Expedition Polar IV des World Arctic Fund aus. Mit Jean-Michel Cousteau, dem Sohn des berühmten Meeresforschers, segeln Wissenschaftler von Spitzbergen aus in die Arktis: an Bord ein Sextant der alten Schule. Kreuzfahrtschiffe, Tanker und Containerfrachter müssen heute zwar keinen Sextanten mehr an Bord führen. Tradition und Pflichtbewusstsein aber lassen viele Reedereien und Kapitäne entscheiden: Im Notfall wollen wir uns auf die Sonne und die Sterne verlassen können.

Nach wie vor bestehen viele auf einem Sextanten in der Navigationsecke. Auch der berühmte deutsche Weltumsegler ­Wilfried Erdmann fuhr nicht ohne los. Auf seinen beiden Nonstop-Reisen um die Erde nutzte er einen Winkelmesser von ­Cassens & Plath, um seine Mittagsposition zu nehmen. Um die Meridian­höhe der Sonne zu ermitteln, wenn diese im Zenit steht. Der Sextant mag heute wie ein alter Hut daherkommen. Oft dient er noch immer als Lebensversicherung.

Seekarten sind eine hübsche Sache. Aber man muss wissen, wo man ist. Wer einen Sextanten beherrscht, kann seine Position auf wenige Meter genau bestimmen. Ohne auch nur ein Quäntchen Strom zu benötigen

In der Werkstatt hat Aßkamp seinen Kaffee zur Seite gestellt. Er macht sich an sein Tagwerk. Säulenbohrmaschinen stehen im Raum, die alte Verzahnungs­maschine für den Gradbogen. Neben Prüfgeräten liegen Metallbürsten, Schleifteller, Feilen und filigrane Schraubendreher. Einen Sextanten herzustellen bedeutet bis heute viel Handarbeit. ­Natürlich sind gewisse Einstellungen gefragt, äußere wie innere. Eine gewisse Verve ist schon vonnöten, um ein solches Instrument zu vervollkommnen. Immer­hin, es peilt die Sterne an und fängt die Sonne ein. Es bricht das Licht vieler Millionen Kilometer entfernter Gestirne auf eine sekundengenaue Winkelmessung herun­ter.

„Mit einem guten Sextanten kann ein kundiger Navigator die Position auf wenige Meter genau bestimmen“, sagt Carsten Scharrenberg. Der Geschäfts­führer von Cassens & Plath fuhr früher als Chief Engineer selbst zur See. In der Manufaktur wird nun der Rohrahmen aus einer Messingplatte gefräst, die Bohrung für den Indexarm eingebracht, der Gradbogen graviert und die Verzahnung gefräst. Eimer voller winziger Messingspäne stehen in den Werkshallen, bis zu zehn Tonnen fallen jedes Jahr an. Messing ist ein traditionelles Material für den Bau von nautischen Geräten. Verwindungsfrei und seewasserbeständig.

Auf den Tischen von Herrn Aßkamp liegen die Skelette vieler fertiger Sextantrahmen. Sie sind lackiert, weiß oder schwarz. Es folgt die Hochzeit, das Anbringen der Alhidade. Der Griff muss montiert, Index- und Horizontspiegel müssen angebracht werden. Diese Spiegel projizieren die Sonne am Ende auf den Horizont. Auf dem Eichgerät prüft Herr Aßkamp anschließend die genaue Planparallelität der Spiegel. Ein feines Justieren, ein Geduldspiel. Nun fehlen noch zwei Sätze Schattengläser, die Stellschraube mit dem Schneckentrieb, der Nonius und zuletzt das Teleskop selbst, durch das der Navigator blickt.

Gute zwei Wochen dauert es, bis ein Sextant fertig ist. Bis das leicht staksige und wie ein kurioses Insekt anmutende Gerät abgenommen ist und, nebst Zertifikat, in seiner mahagonifarben gebeizten Truhe ruht. Bereit für den Aufbruch, bereit für die Meere. Ein durch und durch schönes Instrument. Um dem Menschen den Weg zu weisen, genügen ihm die ewigen Konstan­ten. Das Licht der Sonne, das Licht der Sterne. Und dabei erzählt uns der Sextant ja nicht nur, wo wir sind. Sondern auch ein ganz klein bisschen, wer wir sind.