Gut gekleidet ins Verderben

Professionelle Überlebensanzüge helfen in vielen Lebenslagen. Ob als Tarnanzug in Hipster-Zonen oder beim Sturz ins eisige Wasser. Vor allem: Sie lehren uns Respekt vor den Arbeitern des Meeres

Helikopterpiloten tragen sie beim Versetzen von Seelotsen und Offshore-Mannschaften, Seenotretter bei Einsätzen in schwerem Wetter und unverdrossene Krabbenfischer im Orkan, weil sie in der Beringsee über Bord springen mussten, nachdem ihr Kahn auf Tiefe gegangen ist. Dann aber kann er keinesfalls schaden: ein professioneller Überlebensanzug mit allem Drum und Dran, versehen mit dem Emblem der SOLAS-Norm. Das steht für „Safety of Lives at Sea“ und verlangt im Falle eines waschechten Survival-Suits nach einer ziemlich ausgebufften Aussttattung. Der anständige Ganzkörperdurchhalteanzug sollte darum zwingend folgende Gimmicks aufweisen: mindestens fünf Millimeter starkes Neoprenkomposit, abnehmbare Fäustlinge, integrierte Füßlinge, flexibler und wasserdichter Reißverschluss, Neoprenhaube, über 140 Newton Auftrieb, Reflektionsstreifen, Signallicht- und -pfeife sowie komplett wasserdichte Hals- und Armmanschetten.

Zugegeben, so ein Anzug ist ein ziemlicher Oschi. Er wiegt gern mal über vier Kilo und kostet schnell 1700 Euro und mehr. Dafür ist das Gerät dann aber auch zertifiziert vom Germanischen Lloyd und schützt Sie selbst in bitterst kaltem Wasser. Im Klartext: Krachen Sie in 0 bis 2 Grad eisiges Meer, sinkt die Körpertemperatur in den nächsten sechs Stunden um maximal zwei Grad. Mit anderen Worten: Sie sterben nicht gleich, sondern haben sechs Stunden lang noch eine kleine Chance – sollten dann allerdings schleunigst zusehen, irgendwo einen heißen Tee aufzutreiben.


Absolutes Profi-Teil:
Der moderne Survival-Suit – die
letzte Instanz vor dem Absaufen,
wenn es eiskalt zur Sache geht

Nun sind die Profi-Survival-Anzüge aber nicht nur in maritimen Hardcore-Situationen nützlich, wie wir finden. Sie können dabei helfen, diverse Lebenslagen schweißfrei und kaltblütig zu überstehen. Wer so einen sicherheitsfarbenen Vollschutzanzug anlegt, kann zu Hause beispielsweise getrost die Heizungen runterdrehen und im Winter eine Menge Energie sparen. Der kann selbst bei zehn Grad minus noch tagelang im Bach stehen und Karpfen angeln. Der kann bei Wind und Wetter durch die Stadt radeln, dämlichen Kollegen beweisen, was ein dickes Fell ist, oder beim Betreten einer proppevollen U-Bahn blitzartig dafür sorgen, dass alle mal ganz schnell von ihren Handys aufschauen.

So ein großer, schwerer, dicker und professioneller Überlebensanzug besticht aber noch durch Vorteile viel bedeutsamerer Art: Denn wer ihn nur einmal überstreift, bekommt von ganz allein Respekt vor der See. Der wird sich nie wieder ungesichert an Deck eines Schiffes bewegen, beten, niemals in Seenot zu geraten, und sich fortan vor allen verneigen, die beruflich da draußen zu tun haben.

Seenotretter, Piloten, Lotsen, Matrosen, Fischer und Co. jedenfalls wissen, was er ihnen bedeutet. Sie haben den grellen Einreiher stets zur Hand. Und murren garantiert nicht, wenn es plötzlich heißt: Anzugpflicht, meine Herren!

Rettungsinsel-Fotos © Jozef Kubica